Berlin Ruiniert die Energiewende unsere Wirtschaft, Herr Kapferer?
Robert Habeck (Grüne) will die Onshore-Windkraft in drei Jahren vervierfachen. Der FDP-Mann und Chef des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz, Stefan Kapferer (57), sitzt im Maschinenraum der Energiewende und erklärt, warum das nicht realistisch ist.
Trotzdem glaubt der frühere Wirtschaftsstaatssekretär, das Hochfahren der Erneuerbaren sei die einzige Chance für den Industriestandort Deutschland.
Im Interview mit unserer Redaktion sagt Kapferer, welche absurden Hürden dafür endlich ausgeräumt werden müssen, und ob die letzten drei Akw noch länger am Netz bleiben sollten.
Frage: Herr Kapferer, Sie setzen sich dafür ein, dass in Ostdeutschland, Hamburg und Berlin schon in zehn Jahren der Stromverbrauch eines Jahres zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammt. Wie soll das gehen?
Antwort: Das ist zu schaffen, selbst dann, wenn - wie prognostiziert - der Strombedarf bis 2032 nochmal um 30 bis 40 Prozent ansteigt. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen im 50Hertz-Netzgebiet jedes Jahr zwei Gigawatt an Solar- und ein Gigawatt an Windstrom an Land zugebaut werden. Bei der Solarenergie kommen wir an dieses Ziel heran und da sehen wir sehr viele große Freiflächenprojekte in der Planung. Die Anträge stapeln sich bei allen Netzbetreibern. Es gibt ausreichend Investoren und Flächen. Bei Windkraft an Land schaffen wir bisher nur die Hälfte. Es ist daher gut, dass die Regierung beim Ausbau der Offshore-Windkraft auf Nord- und Ostsee Tempo macht und viele Flächen ausgewiesen werden. So kann die Onshore-Lücke geschlossen werden.
Frage: Was bremst den Windkraft-Ausbau an Land?
Antwort: Es fehlen Flächen für Windparks, da gibt es teils noch erheblichen Widerstand. Und die bürokratischen Hürden werden teilweise höher anstatt niedriger. Das gilt auch für den Netzausbau. Die durchschnittliche Genehmigungsdauer für den Neubau einer Freileitung durch zwei oder mehr Bundesländer liegt bei über sieben Jahren. Selbst wenn dafür die gleiche Trasse genutzt wird wie bisher.
Frage: Wie bitte?
Antwort: Ja, das die Realität. Es ist die Fülle an Stolpersteinen, die solche Projekte verzögern. In der brandenburgischen Uckermark mussten wir nach einer Klage von Naturschützern wegen der angeblichen Gefährdung einiger Exemplare der geschützten Rohrdommel anderthalb Jahre auf eine Gerichtsentscheidung warten. Die Sorgen der Vogelschützer erwiesen sich als grundlos. Insgesamt dauerte das Genehmigungsverfahren 17 Jahre. Anderes Beispiel: Intel will sich bei Magdeburg in Sachsen-Anhalt ansiedeln und eine große Chipfabrik bauen. Dafür ist ein neues Umspannwerk mit den entsprechenden Anschlüssen erforderlich. Das archäologische Landesamt Sachsen-Anhalt verlangt, dass wir jeden Meter Boden, der genutzt wird, nach historischen Funden untersuchen. Und die Verfahren laufen überwiegend in Papierform, nicht digital.
Frage: Im Ernst?
Antwort: Es geht weiter: Für den Teilabschnitt eines geplanten Ersatzneubaus einer Stromleitung in Thüringen haben wir gerade jetzt erst eine Regalwand Ordner mit Antragsunterlagen für das Planfeststellungsverfahren produziert. Das ist Alltag. Die Behörden verfolgen oft eine Risikovermeidungsstrategie, sie wollen alles wasserdicht und gerichtsfest machen. Das ist verständlich. Aber nicht jede Klage lässt sich verhindern, und die meisten werden ohnehin abgewiesen. Mit etwas mehr Mut an den richtigen Stellen würde es viel, viel schneller gehen.
Frage: Was ist mit der Ansage von Bundeskanzler Olaf Scholz, die Dauer von Genehmigungsverfahren zu halbieren?
Antwort: Einen einzigen Befreiungsschlag, um den Knoten aufzulösen, den kann es nicht geben. Ein, zwei Gesetzesänderungen lösen nicht die Probleme. Es gibt dutzende kleine Änderungen, kleine Stellhebel, die umgelegt werden müssen. Das ist erkannt worden, und daran arbeiten viele mit großem Engagement im Parlament, in der Regierung und auch auf Unternehmens- und Verbandsseite.
Frage: Wenn so die Realität aussieht bei Erneuerbaren- und Netzausbau, wie will Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) den Windkraft-Zubau bis 2025 auf zehn Gigawatt jährlich vervierfachen?
Antwort: Robert Habeck und Bundesnetzagenturchef Klaus Müller geben alles, um Hemmnisse aus dem Weg zu räumen. Man muss fair sein. Diese Bundesregierung packt auch unpopuläre Dinge an. Das ist der Unterschied zu den Legislaturperioden davor. Sie hat wirklich umgeschaltet von „Ambition“ zu „Aktion“. Also Handeln statt nur Ziele zu verkünden. Weiter unten in den Verwaltungsapparaten, in manchen Bundesländern und in kommunalen Behörden ist dieser Wandel leider noch nicht angekommen. Zu Ihrer Frage: Bei den Offshore-Zielen bin ich ziemlich optimistisch, 70 Gigawatt bis 2045 auf Nord- und Ostsee sind machbar. Auch beim Solar-Zubau wird es wohl klappen, auch dank der höheren Akzeptanz in der Bevölkerung. Und die Energiekrise mit ihren hohen Strompreisen befördert natürlich den Ausbau der Photovoltaik auch auf Dachflächen.
Frage: Und bei Wind-Onshore?
Antwort: Beim Wind-an-Land-Ausbau bin ich sehr skeptisch. Wir schaffen die heutigen Ziele nicht annähernd. Eine Vervierfachung in drei Jahren, das ist kein realistisches Szenario. Zumal die Abschöpfung von Erlösen der Windkrafterzeuger zur Finanzierung der Strompreisbremse Investoren abschrecken wird. Der Markt ist international. Unternehmen wie RWE sind weltweit unterwegs, ausländische Investoren gehen dann eben in die USA oder nach Frankreich. Ich befürchte, die Regierung hat die abschreckende Wirkung der Erlösabschöpfung unterschätzt, das wird uns noch zu schaffen machen. Auch wenn, das muss klar gesagt werden, Windkraftanlagen trotz Strompreisbremse extrem vielversprechende Investitionen bleiben.
Frage: In Trippelschrittchen zur Klimaneutralität?
Antwort: Damit dürfen wir uns nicht abfinden, die Zeit rennt uns ja davon. Aber es gibt Fortschritte. Für unsere Netzausbauprojekte haben wir - verglichen mit den Vorjahren - in 2022 schon mehr Genehmigungen erhalten und wir bauen überall. Und wir brauchen diese Wende unbedingt, denn wir können die explodierten Strompreise nicht über Jahre für Verbraucher und Industrie runtersubventionieren. Es mag abgedroschen klingen, aber es gibt keine Alternative dazu, schneller mehr erneuerbaren Strom ins System zu bringen. Schon heute ist zu beobachten: Wenn wir bei Tagen mit strahlend blauem Himmel und kräftig Wind nahe an die 100 Prozent Quote aus Erneuerbaren kommen, dann sinken die Strompreise an der Börse sofort dramatisch. Die Energiewende dient nicht nur dem Klimaschutz, sie hilft auch der Wirtschaft bei den Energiekosten. Und ja, ich bin mir sehr sicher, dass wir schon gegen Ende dieser Legislaturperiode, also in drei Jahren, die Trendwende bei den Zubauzahlen und Genehmigungsprozessen sehen werden.
Frage: Was sagen sie all denen, die nicht an die Trendwende glauben, sondern befürchten, die Energiewende werde die Wirtschaft ruinieren?
Antwort: Warum ist der Strom so teuer? Weil der Gaspreis explodiert ist, nachdem Wladimir Putin für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine anfing, uns den Hahn zuzudrehen. Wenn wir jetzt das teure Ersatz-Gas und zudem Steinkohle verfeuern müssen, um Strom zu produzieren, schießen die Kosten zwangsläufig hoch. Im Umkehrschluss: Mehr erneuerbarer Strom macht es billiger.
Frage: Und wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst?
Antwort: Das ist in der Tat eine Frage, die auch die Ampelregierung noch nicht ausreichend beantwortet hat. In den vergangenen Tagen herrschte eine solche Dunkelflaute. Und zack, hatten wir wieder über 80 Prozent fossilen Strom im System. Das ist wirklich brisant, denn die hohen Gaspreise treiben aufgrund der Preisbildung an der Börse auch den Strompreis nach oben. Dennoch gibt es augenblicklich zu wenig Anreize, in neue Kraftwerke, zum Beispiel auf Basis von Wasserstoff, zu investieren, die über solche Dunkelflauten hinweghelfen können. Dafür brauchen wir dringend marktbasierte Regelungen, um solche Kapazitäten einsetzen zu können.
Frage: Wann kommen wir wieder weg davon, auf Teufel komm raus Kohle zu verfeuern?
Antwort: Wir waren im Energiesektor mit dem Kohleausstiegsgesetz, mit Hilfe der Preisbildungsmechanismen an der Strombörse und des Emissionshandels schon auf einem guten Weg. Aber der russische Angriffskrieg hat die „Brücke“ Erdgas ins Zeitalter der Erneuerbaren, auf die wir alle gesetzt haben, vielleicht nicht zum Einstürzen, aber doch ins Wanken gebracht. Stattdessen erleben wir das Revival der Stein- und sogar der Braunkohlekraftwerke, die auch betriebswirtschaftlich plötzlich wieder lukrativ sind. Wir kommen da nur mit Hilfe der Erneuerbaren heraus. Je mehr Wind- und Solarstrom wir ins Netz integrieren, desto weniger Gas und Kohle müssen wir verfeuern und können dann – für immer – den CO2-Ausstoß verringern. Ich bin optimistisch, dass wir in zwei, drei Jahren die Kurve kriegen.
Frage: Könnten uns bis dahin nicht die drei letzten Atomkraftwerke helfen?
Antwort: Wir Übertragungsnetzbetreiber haben uns dafür ausgesprochen, die letzten drei Akw diesen Winter am Netz zu lassen aus Gründen der Versorgungssicherheit und der Netzstabilität. Die Verlängerung der Laufzeiten bis April war daher zu 100 Prozent richtig.
Frage: Wenn Sie freie Hand hätten: Würden Sie neue Brennstäbe besorgen, damit die drei aktiven Akw auch im Winter 2023/2024 Strom liefern?
Antwort: Ich stelle hier keine Forderungen auf, das hat die Politik zu entscheiden. Festzuhalten ist, dass der Streckbetrieb in diesem Winter hilft. Ich gehe aber davon aus, dass die französischen Akw im darauffolgenden Winter wieder mehr Strom liefern können nach der umfassenden Revision und sich die Lage im europäischen Netz entspannt.
Frage: Zum Abschluss: Was halten Sie von der „letzten Generation“ und ihren Störaktionen?
Antwort: Natürlich verfolgen die Aktivistinnen und Aktivisten ein richtiges Ziel. Wir müssen die Erderwärmung schneller bremsen. Aber sie machen zwei Denkfehler. Erstens hat die Mehrheit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Dramatik des Klimawandels längst erkannt. Und zweitens hat der europäische Weg zur Klimaneutralität nur dann eine Vorreiterfunktion, wenn dies nicht zur Deindustrialisierung und zu Wohlstandsverlusten führt. Warum sollten dann andere Länder und Kontinente diesem Beispiel folgen? Meine Botschaft an die „letzte Generation“ ist daher: Man kann wirksamer für Klimaschutz eintreten als durch Flughafen- oder Autobahn-Blockaden. Für die Energiewende werden dringend Fachkräfte gesucht, das ist vielleicht die ganz zentrale Herausforderung. Und darin besteht für junge Leute doch eine riesige Chance, in einer Zukunftsbranche zu arbeiten und gleichzeitig etwas Sinnvolles für die Weltgemeinschaft zu tun. Auch wir bei 50Hertz stellen übrigens in großem Stil ein, nicht nur Elektroingenieurinnen und –ingenieure.