Osnabrück  Heinrich Böll: Was bleibt von dem sanften Moralisten?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 09.12.2022 15:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Schriftsteller Heinrich Böll in seiner Wohnung in Köln, Dezember 1977. Foto: dpa
Der Schriftsteller Heinrich Böll in seiner Wohnung in Köln, Dezember 1977. Foto: dpa
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Als „guter Mensch von Köln“ wurde er verspottet, als vermeintlicher Helfer von Terroristen angefeindet: Heinrich Böll hielt trotzdem durch. Vor 50 Jahren erhielt er den Literaturnobelpreis.

Er war eigentlich zu sanft, zu verletzbar für die Debatten, die ihn wie ein großer Scheuersack beutelten. Aber Heinrich Böll hat sich nicht ausgenommen, wenn es um die Frage ging, was Menschen angetan werden darf, er hat sich nicht geschont, wenn es galt, das Wort zu ergreifen. „Guter Mensch von Köln“: Den Spott hatte Böll immer sicher. Dabei war er ebenso öffentliche wie entrückte Figur, Debattenredner und zugleich Moralist von einer Demut, die ihn mitten in der Ellbogengesellschaft zur stillen, aber ständigen Provokation machte.

„Seine anhaltende Popularität gründet sich darauf, dass er den Typus des öffentlichen Intellektuellen überzeugend verkörpert hat“, blickt Germanist und Böll-Spezialist Ralf Schnell auf den Autor von Romanen zurück, dessen Titel sprichwörtlich geworden sind: „Gruppenbild mit Dame“ oder auch „Ende einer Dienstfahrt“. Günter Grass war robuster, Siegfried Lenz der Liebling des großen Publikums. Und Böll? Nie wirklich geliebt, eher scheu bemustert, immer wieder offen attackiert – der Romancier, als Moralist unbequem.

Was bleibt von Heinrich Böll? Diese Frage wird zu jedem seiner Gedenktage mit dem gleichen Unterton der Beunruhigung gestellt. Jetzt liegt die Verleihung des Literaturnobelpreises an Böll 50 Jahre zurück. 1972 ist er wieder mitten im Konflikt. In Stockholm geehrt, in der Bundesrepublik angefeindet – im Moment seines Triumphes ist Heinrich Böll wieder einmal genau dort, wo er seinen liebsten Platz hat: zwischen allen Stühlen.

„Will sie Gnade oder wenigstens freies Geleit?“: Heinrich Böll will zu Vernunft und Besonnenheit mahnen, wenn es in diesem Jahr um den Kampf der Roten Armee Fraktion geht. Aber sein Spiegel-Essay über Ulrike Meinhof löst einen innenpolitischen Skandal aus. Dabei habe Rudolf Augstein den Titel gegen alle Verabredung einseitig zugespitzt, ordnet Ralf Schnell heute die Debatte ein. Heinrich Böll reagiert später mit seiner Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die mediale Hetze. Es nützt nichts. Der damalige Bundespräsident Karl Carstens (CDU) ätzt gegen den Roman von einer gewissen „Katharina Blüm“. Wo das Vorurteil seinen Narrentanz aufführt, dringt selbst einfachste Sachinformation nicht mehr durch.

Heinrich Böll und die Deutschen: Ralf Schnells Buchtitel verweist mitten in den unentwirrbaren, aus Hassliebe und Abneigung gewundenen Debattenknoten. „Ich bin ein Deutscher, mein einzig gültiger Ausweis, den mir niemand auszustellen oder zu verlängern braucht, ist die Sprache, in der ich schreibe“, sagt Böll bescheiden in seiner Tischrede, mit der er sich für den Literaturnobelpreis bedankt. Er beschreibt seinen Weg als langen Marsch – nicht durch Institutionen, sondern „durch einen dichten Wald von Zeigefingern“. Poetischer hätte er sie nicht beschreiben können, jene Atmosphäre latenter Feindseligkeit, die Böll in seinem Land stets umgab.

Der Germanist Schnell sieht Böll als Figur, die den Debatten von einst, deren Hitze längst abgekühlt ist, in das stete Gedächtnis der Literatur entwachsen ist. „In der Wirkung Heinrich Bölls gibt es eine eigenartige Zeitresistenz“, konstatiert Schnell, unter anderem zentraler Herausgeber der großen Kölner Ausgabe Bölls. Nach Schnells Einschätzung haben nicht nur die Kriegserzählungen wie „Wanderer, kommst Du nach Spa“ mit dem Krieg in der Ukraine eine neue Aufmerksamkeitskonjunktur gewonnen. Böll bleibt vor allem als Erzähler des genauen Details und einer konsequenten Hinwendung zum Schicksal des einzelnen Menschen.

In diesem Punkt bleibt Böll konsequent, ja penetrant. Ob Hans Schnier („Ansichten eines Clowns“), Leni („Gruppenbild mit Dame“) oder eben Katharina Blum – seine Protagonisten gehen durch ihr ganz eigenes Martyrium. Leben ist Leiden: Das scheint unausweichlich, überall dort, wo Gesellschaft übermächtig ist. „Böll hatte ein tiefes Misstrauen gegen alle Apparate“, beschreibt Schnell die moralische Landkarte des Autors. Böll mahnt, Böll unterstützt die SPD, Böll protestiert gegen die Nachrüstung. Er ist in der Debatte, immer. Aber um Mensch sein zu können, geht er regelmäßig nach Irland. Sein „Irisches Tagebuch“ ist beides, Bestseller und Beschreibung seiner Utopie eines Lebens, in dem die Menschen einander gut sein könnten.

Was bleibt von Heinrich Böll? Auch erstaunliche Auflagenzahlen. Die „Katharina Blum“ ist 2,7 Millionen mal verkauft und in 31 Sprachen übersetzt worden, das „Irische Tagebuch“ kommt auf eine Auflage von 1,9 Millionen und Übertragungen in 22 Sprachen. Einsame Ausreißer? Ein bisschen schon, denn mancher Titel Bölls steht heute lange in den Regalen. „Er war ein engagierter Autor. Deshalb haben wir immer einige Bücher von ihm da“, sagt Kathrin Bruhn von der Osnabrücker Buchhandlung zur Heide. Der Blick auf die Buchlaufkarten zeigt ihr aber auch, dass nicht alle Titel Bölls heute noch wahre Kassenschlager sind.

Trotzdem. Böll werde gerade neu entdeckt, als überraschend polyphoner Erzähler, sieht Ralf Schnell eine neue Konjunktur für Heinrich Böll. Scheint er damit seinem Zeitkontext entwachsen? Vielleicht nicht ganz, denn auch Schnell konstatiert, worin Bölls Qualität besonders zu suchen ist – mit seinem Werk ein Abbild jener Republik zu sein, deren Entwicklung zu einem demokratischen Staat er so beharrlich Einspruch erhebend begleitet hat wie sonst wohl nur Günter Grass.  

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