Gastronomie im Rheiderland  Das Problem mit den Google-Bewertungen

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 09.12.2022 13:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Enno Garen leitet das Hotel-Restaurant Reiherhorst in Halte. Foto: Ortgies
Enno Garen leitet das Hotel-Restaurant Reiherhorst in Halte. Foto: Ortgies
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Essen gehen oder bestellen? Erstmal Bewertungen angucken. Mit denen ist es manchmal so eine Sache: Gastronomen erzählen.

Rheiderland - Über Geschmack lässt sich nicht streiten – oder doch? „Super Essen und Service! Sehr zu empfehlen, kommen gerne wieder“ bis hin zu „So etwas Unverschämtes ist uns noch nicht passiert und ein Stern noch zu viel“ lautet das Gäste-Urteil für ein und dasselbe Restaurant in Weener. Die Bewertungen anderer Gäste lesen nach einer Statista-Umfrage von 2019 satte 70 Prozent der unter 35-Jährigen und 62 Prozent der über 35-Jährigen, um ein Restaurant auszusuchen. Wie sieht das im Rheiderland aus? Werfen wir einen Blick auf eine der meistgenutzten Plattformen für Sternevergabe: Google.

Was und warum

Darum geht es: Im Internet wird alles möglich bewertet. Informativ – oder doch nicht? Wir haben uns die Sterne-Rangliste der Gastronomen im Rheiderland angeschaut und die Bewerteten zu Wort kommen lassen. Nicht alle gehen d’ac­cord mit den Gäste-Meinungen.

Vor allem interessant für: Die, die gern essen gehen

Deshalb berichten wir: Bewertungen werden immer wichtiger.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Die Bewerter sind nicht gerade faul. Meist geht die Zahl der Urteile in den dreistelligen Bereich, zum Alten Haus Am Siel und dem Fischhaus Ditzum sind weit mehr als 1000 Einschätzungen geschrieben worden.

Stolz wie Bolle

Manche Gastronomen sind besonders sorgfältig darin, auf Bewertungen einzugehen. Einer von ihnen ist Enno Garen. „Ich habe vor 20 Jahren das Hotel-Restaurant Reiherhorst übernommen. Seither haben allein 150.000 Hochzeitsgäste hier gefeiert. Das hat natürlich mehr Gewicht als 388 Google-Bewertungen“, sagt er. Dennoch geht er gern auf sie ein. „Es lassen sich sicherlich Personen von den Bewertungen leiten, aber ein Großteil läuft hier über persönliche Empfehlungen“, sagt er. Trotzdem wäre es natürlich ärgerlich, wenn sein Betrieb weiterempfohlen würde, alles gut gelaufen sei, sich die Gäste nicht beschwerten, man ausgebucht sei, aber die Bewertungen dies nicht widerspiegelten, so Garen. „Ich bedanke mich für jede gute Bewertung, aber ich wehre mich auch, wenn etwas Unsachgemäßes geschrieben wird“, sagt er. So habe eine Fotografin die Abläufe bemängelt. „Wir sind beide Dienstleister, das kommentiere ich auch dementsprechend.“ Manchmal gehe es bei Bewertungen einfach um Emotionen, nicht um die Sache.

Auszug aus den Bewertungen im Internet

Weener

Das Restaurant Reiherhorst hat 4,7 von 5 Sternen bei 388 Bewertungen bei Google.

Hafen 55 hat 4,4 Sterne (335)

Arco Tapas Bar 4,4 (145)

Bunde

Pizzeria Golosino 4,5 (218)

Restaurant Tammenshof 4,4 bei (25)

L’Osteria Apulien Bunde 4,5 (165)

Jemgum

Restaurant Altes Fährhaus 4,6 (416)

Altes Haus Am Siel 4,6 (1268)

Fischhaus Ditzum 4,6 (1800)

Man müsse sensibler mit Gästen umgehen, auch wenn sie sich daneben benehmen. Sein Großvater habe noch Gäste seiner Kneipe verweisen können, wenn sie sich daneben benahmen. Heute müsse man mehr Fingerspitzengefühl zeigen, denn das Smartphone sei schnell zur Hand und in diesem Moment schon eine schlechte Bewertung geschrieben. „Und man ist schon stolz wie Bolle, wenn man eine gute Bewertung hat. Wir sind ein ehrliches Haus und dann sind die Bewertungen und eine Internetseite ein gutes Mittel, um bekannter zu werden. Für ein kleines Haus heißt das etwas. In Großstädten und Tourismushochburgen wird schon öfter mal getrickst und gefaked“, sagt er. Plattformen wie TripAdvisor seien eher nebensächlich.

War keiner da: Ein Stern

Zu den am häufigsten bewerteten Betriebe im Rheiderland gehört das Fischhaus Ditzum. 1800 Meinungen sind abgegeben worden. Leitet das die Hungrigen ins Restaurant? „Die Gäste erfahren auf unterschiedlichen Wegen von uns, zum Beispiel von den Ferienhaus-Vermietern. Viele wissen aber auch, dass sie Fisch essen wollen und schauen im Internet nach“, sagt Inhaber Stefan Burlager. Man betreibe kein „Bewertungs-Marketing“, wie er es nennt. „Manche verteilen Visitenkarten mit der Bitte um eine Bewertung, dann gibt es Rabatt beim nächsten Besuch.

Weil wir so etwas nicht machen, sind wir besonders stolz auf die Bewertungen.“ Man freue sich beim Fischhaus aber über ausführliche Mails von Gästen, die sich die Zeit nähmen, etwas zu schreiben, auch wenn alles gut war. „Das gebe ich dann natürlich auch immer weiter. Das ist es, wofür wir arbeiten“, sagt er. Auch Änderungsvorschläge seien besser, wenn sie ausformuliert würden, weil man sie umsetzen könne.

Stefan Burlager hat als Inhaber des Fischhauses in Ditzum schon einige Bewertungen bekommen. Foto: Vogt/Archiv
Stefan Burlager hat als Inhaber des Fischhauses in Ditzum schon einige Bewertungen bekommen. Foto: Vogt/Archiv

Die Mitarbeiter schauten sich die Bewertungen gern an. „Das bestätigt sie in ihrer Arbeit.“ Es seien auch mal Bewertungen dabei, die man nicht wirklich ernst nehmen könne. „Ein Stern, denn es war zu“, erinnert er sich. Da könne man nicht viel machen. „Man muss sich das genauer anschauen und man darf es nicht persönlich nehmen.“

Es sei auch schon vorgekommen, dass der Betrieb eine Bewertung bekommen habe, die gar nicht ihn meinte und andersrum. „Dann steht bei Kollegen etwas über Kibbelinge, die haben aber gar keine“, sagt er. Er frage sich immer selbst, wie er Bewertungen nutze und so schätze er ihr Gewicht auch ein: „Wenn ich irgendwo bestelle oder zum ersten Mal esse, schaue ich auch auf die Bewertungen. Das Verhältnis muss stimmen. Gibt es schlechte Bewertungen, sollte man sich anschauen, ob das Dinge sind, die einen stören. ‚Da waren Gäste mit einem Hund auf der Terrasse‘, wäre so einer von uns, der mich nicht stören würde, auch wenn jemand anderes deshalb nur einen Stern verteilt“, sagt er.

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