Lange Wartelisten für Therapie  Immer mehr Ostfriesen leiden unter Depressionen

Hannah Weiden
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Von Hannah Weiden
| 06.12.2022 15:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Frau steht in ihrer Wohnung an einem Fenster. Die Zahl der Depressionen ist auch in Ostfriesland gestiegen. Foto: Sommer/dpa
Eine Frau steht in ihrer Wohnung an einem Fenster. Die Zahl der Depressionen ist auch in Ostfriesland gestiegen. Foto: Sommer/dpa
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Bis zu zwei Jahre müssen Erkrankte in Ostfriesland aktuell auf einen Therapieplatz warten. Vor allem Jüngere leiden aktuell an der „erdrückenden Gesamtnachrichtenlage“, sagt eine Ärztin aus Leer.

Ostfriesland - Immer mehr Menschen leiden unter Depressionen. Die Zahl der Patientinnen und Patienten mit wiederkehrenden Depressionen ist laut den Daten der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) im Zeitraum von 2011 bis 2021 in Niedersachsen um 83 Prozent gestiegen. Bundesweit war es ein Anstieg von 71,1 Prozent im selben Zeitraum.

Diese Entwicklung spürt man auch in Ostfriesland, berichtet Rainer Hempel, Leiter von „Das Boot“ in Emden. Der Verein zur Förderung seelischer Gesundheit unterstützt und berät Menschen aus Emden sowie den Landkreisen Aurich und Leer, die an psychischen Erkrankungen leiden. Zwar sollte man die Daten der Krankenkassen laut Hempel immer kritisch hinterfragen, da sie nur die tatsächlich diagnostizierten Befunde wiedergeben. Aber: „Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass Depressionen, aber auch Angststörungen, in der Zeit der Pandemie noch einmal zugenommen haben“, sagt der Experte. Auch vor der Pandemie habe es eine Zunahme gegeben.

Hier gibt es Hilfe

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter www.telefonseelsorge.de.

Deutschlandweites Info-Telefon Depression: 0800 33 44 5 33 (kostenfrei).

Ungleichgewicht zwischen Belastung und Bewältigung

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen werden „Menschen mit Depressionen im Gegensatz zu Menschen mit den ‚klassischen‘ psychischen Erkrankungen weniger stigmatisiert“, berichtet Rainer Hempel. Glücklicherweise trauen sich Betroffene immer mehr, mit Familie, Freunden und auch am Arbeitsplatz über das Thema zu sprechen. Auch Prominente, die öffentlich über ihre Erkrankung sprechen, tragen zu einer Entstigmatisierung bei. Das hat auch zur Folge, dass Depressionen immer besser und öfter erkannt und behandelt werden können.

Der Hauptgrund für die Zunahme, so vermutet Rainer Hempel, ist aber der Wandel der Arbeits-, Umwelt- und Lebensbedingungen. Menschen, die eh anfällig für Depressionen sind, können das Gleichgewicht zwischen Belastungen, Zumutungen und Bewältigung oft nicht mehr aufrecht erhalten und werden krank.

„Vertrauen in die Zukunft verloren“

Ein ähnliches Bild zeichnet auch Dr. Anke Petersen. Sie ist die Chefärztin der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum in Leer. Bei einem Gespräch mit dieser Redaktion berichtet sie, dass in den vergangenen Jahren vor allem die Zahl der jungen Erwachsenen, die an Depressionen leiden, gestiegen ist. Viele könnten mit der „erdrückenden Gesamtnachrichtenlage“ nicht gut umgehen. „Der Welt geht es schlecht und daran können sich depressive Grübeleien verständlicherweise sehr gut aufhängen“, sagt sie. Durch die Krisen der vergangenen drei Jahre hätten viele Betroffene „das Vertrauen in die Zukunft verloren“.

Dr. Anke Petersen ist Chefärztin der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum in Leer. Foto: Klinikum Leer
Dr. Anke Petersen ist Chefärztin der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum in Leer. Foto: Klinikum Leer

Besonders die Pandemie hat laut Petersen Spuren hinterlassen. Während mittelalte Menschen „relativ gut“ durch die Krise gekommen sind, ist der Bedarf auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sehr gewachsen. Und auch im gerontopsychiatrischen Bereich – also dem Bereich, der sich mit psychischen Erkrankungen von Menschen im hohen Lebenalter auseinandersetzt – sei der Bedarf aufgrund von Vereinsamung in der Pandemie gestiegen.

Lückenhaftes Versorgungsnetz

Viele Menschen mit depressiven Symptomen besuchen zunächst ihren Hausarzt, erklärt Rainer Hempel. Dort sei es wichtig, dass dieser „sich Zeit nimmt, zu erfahren, was hinter den Symptomen steckt“, um dann eventuell eine Überweisung zum Facharzt für Psychiatrie auszustellen oder eine Psychotherapie zu empfehlen.

Als besonders problematisch sieht Chefärztin Anke Petersen dabei die Lücken im Versorgungsnetz. „Patientinnen und Patienten in Ostfriesland warten teilweise zwei Jahre auf einen Therapieplatz, wenn sie es denn überhaupt auf eine Warteliste schaffen.“ In dieser Zeit spitzen sich die unbehandelten Krankheitsbilder oft so sehr zu, dass eine stationäre Behandlung notwendig wird. „Das ist schon sehr extrem“, sagt sie.

Zu den Hauptsymptomen einer Depression zählen Fachleute depressive Stimmung und/oder Verlust von Interesse und Freude über mehr als zwei Wochen – plus Nebenkriterien wie Schlafstörungen, Erschöpfung und Suizidgedanken. Jeder fünfte Deutsche ist nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. In der Regel dauere es 20 Monate, bis sich Betroffene Hilfe suchten. Nicht alle gehen offen damit um. Anders als ein gebrochenes Bein oder ein blasses Gesicht bei Unwohlsein lassen sich Depressionen verstecken.

Mit Material der dpa

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