Mit 15 Jahren ausgewandert  Wie ein junger Ostfriese den American Dream träumte

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 06.12.2022 11:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Hier ist Siegfried Sutterlins Bruder Armin Helmut im Jahr 1959 zu sehen. Damals lebte er zehn Monate lang in einem abgelegenen Wohnwagen, um auf den Deich aufzupassen. Siegfried Sutterlin bezeichnet diesen Moment als „Tiefpunkt“ im Leben der beiden Brüder. Foto: Privat
Hier ist Siegfried Sutterlins Bruder Armin Helmut im Jahr 1959 zu sehen. Damals lebte er zehn Monate lang in einem abgelegenen Wohnwagen, um auf den Deich aufzupassen. Siegfried Sutterlin bezeichnet diesen Moment als „Tiefpunkt“ im Leben der beiden Brüder. Foto: Privat
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Siegfried Sutterlin und sein Bruder wanderten als Jugendliche alleine in die USA aus. Sie arbeiteten sich hoch. Vom American Dream will er aber nichts wissen.

Ostfriesland/Vereinigte Staaten - Vom Tellerwäscher zum Millionär: Das ist das wohl bekannteste Sinnbild für den American Dream – den Traum vieler Auswanderer, es in den USA zu Erfolg und Reichtum zu bringen. Auch Siegfried Sutterlin gehörte einst dazu, der einen Teil seiner Kindheit in Simonswolde verbrachte und heute in Ottumwa im US-Bundesstaat Iowa lebt. Mit 15 machte er sich zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Armin Helmut auf den Weg in die Staaten, arbeitete sich hoch und erhielt Doktortitel und Geschichtsprofessur. Vom American Dream will der heute 80-Jährige aber trotzdem nichts wissen – ganz im Gegenteil, wie er unserer Zeitung erklärt.

Was und warum

Darum geht es: um ein Auswanderer-Schicksal mit ostfriesischem Bezug

Vor allem interessant für: Geschichtsinteressierte und Fans der US-Kultur

Deshalb berichten wir: Siegfried Sutterlin hatte uns kürzlich geschrieben, wie lange er schon unsere Zeitung liest und mag. Ich schreibe seitdem immer mal wieder mit ihm. Dabei ging er auch schon auf seine Familiengeschichte ein.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Sutterlin spricht noch immer Deutsch, zieht es aber vor, auf Englisch mit uns zu schreiben. Er berichtet von seiner Mutter Käthe (Katarina), die in Simonswolde als Teil der Familie Stroman geboren wurde. Ihre Eltern seien Landwirte gewesen und sie selbst habe sich auf Hühnerzucht spezialisiert. Ihren Mann Erwin Sutterlin habe sie als Angestellte im Schloss Juval in Norditalien kennengelernt, das jetzt Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner gehört.

Vater arbeitete für Messerschmitt

Unterschiedlicher hätten seine Eltern nicht sein können, sagt Siegried Sutterlin. Sie sei eine bescheidene, sparsame und wohltätige Frau gewesen, die nie Alkohol trank oder rauchte. Er sei da mehr der „Genussmensch“ gewesen, der gerne feierte und seinen Freunden Runden spendierte. Als Architekt sei der gebürtige Schwarzwälder während des Zweiten Weltkriegs gefragt gewesen. Er habe in Regensburg für die Flugzeugfirma Messerschmitt Funktürme errichtet. Auch Sutterlin und sein Bruder verbrachten in der Stadt ihre ersten Lebensjahre.

In dieser Anlage wohnt Armin Helmut Sutterlin laut seinem Bruder heute. Foto: Privat
In dieser Anlage wohnt Armin Helmut Sutterlin laut seinem Bruder heute. Foto: Privat

Nach dem Krieg sei sein Vater von der US-Armee eingestellt worden, um sich weiter um die Fabrik zu kümmern. Er selbst lebte die folgenden sechs Jahre zusammen mit Bruder und Mutter in Simonswolde und habe bis heute viele schöne Erinnerungen an diese Zeit. Er nennt als Beispiel die Osterfeuer. Auch habe er Drachen steigen lassen, das Boßeln, Kloot schießen, die Emder Kanäle, die Insel Borkum und mehr kennengelernt und Freunde gefunden. Dann sei es schließlich zurück zu seinem Vater gegangen, wo man zusammen in einem schönen Haus nahe der Schweizer Grenze gewohnt habe.

Schon bei der Ankunft abgezockt

Die Zeit währte aber nicht lange: Sutterlins Vater leitete die Trennung von seiner Mutter ein und lernte eine Verwandte von Ferdinand Porsche kennen, die die beiden Kinder und ihre Mutter schließlich an Weihnachten buchstäblich vor die Tür setzte. Die drei zogen in eine kleine Dachgeschosswohnung ohne Strom, Wasser und Heizung. Dort lebten sie ein Jahr lang, bis Sutterlin und sein Bruder den Entschluss fassten, auszuwandern. Eine damals „sehr attraktive Idee“. Immerhin habe man damals doch so viele Hollywood-Filme gesehen, Elvis gehört und die romantisiert dargestellten Cowboys bewundert. Für die beiden Jungs seien die USA das „Land der Freiheit und der ultramodernen Technik“ gewesen.

Siegfried Sutterlin ist heute 80 Jahre alt und lebt in Iowa. Foto: Privat
Siegfried Sutterlin ist heute 80 Jahre alt und lebt in Iowa. Foto: Privat

Sie gingen im März 1957 in Bremerhaven an Bord der M.S. „Berlin“, machten eine „schrecklich-stürmische“ Überfahrt durch, um dann mit einer zerbrochener Schiffsschraube am Hafen von New York anzukommen. Während sich die beiden noch fragten, was als nächstes passiert, sei ein großer Mann auf sie zugekommen, habe seinen Koffer zehn Meter weit getragen und ihm dafür fünf seiner 32 Dollar abgenommen. Später habe Sutterlin herausgefunden, dass Reisende auf Ellis Island häufig abgezockt oder gar sexuell missbraucht wurden, schreibt er.

Billige Arbeitskraft und Leben im Trailer

Vom Hafen ging es für die Geschwister drei Tage lang zu ihren Onkeln im Bundesstaat Washington, die dort als Milchbauern arbeiteten. Ab ihrer Ankunft hätten sie dann ohne einen Tag Pause überall mit anpacken müssen – zusätzlich zur Schule. Er beschreibt die Zeit als Sklaverei, in der die Geschwister ausgebeutet worden seien. Auch wenn Ende der 1950er Jahre Kinderarbeit verboten war, habe es nämlich eine Ausnahme für den Nachwuchs auf Bauernhöfen gegeben. Sutterlin sei schließlich so verzweifelt gewesen, dass er schon überlegt habe, „per Anhalter“ an Bord eines deutschen Frachters zurück zu seiner Mutter zu fliehen.

Er und Armin kämpften sich jedoch schließlich durch und machten Karriere. Während dieser 1959 noch in einem Trailer (Wohnwagen) ohne Strom, Wasser und Toilette lebte, um auf einen immer wieder einbrechenden Deich bei einer Farm aufzupassen, begann Siegfried Sutterlin bereits zu studieren. Sein Bruder folgte im Jahr darauf, wurde schließlich – wie schon sein Vater – Architekt und lebt heute in Mesquite (Nevada) in einer Wohnsiedlung mit benachbartem Golfplatz.

Scharfer Kritiker der US-Gesellschaft

Siegfried Sutterland wurde Historiker, promovierte und arbeitete als Professor an sieben Colleges und Universitäten und wurde in das internationale Stipendienprogramm Fulbright aufgenommen. Seine Studenten hätten ihn oftmals aber auch einfach nur bei seinem Spitznamen „Sig“ genannt – ein Stück ostfriesische Bodenständigkeit.

Nebenbei schrieb „Sig“ mit spitzer Feder als Kolumnist für verschiedene Zeitungen und macht bis heute in seinen Mails deutlich, was für ein scharfer Kritiker der US-Gesellschaft er ist. Der American Dream sei einer der „riesigsten Mythen“ und die Armut und die Lebensbedingungen in den Vereinigten Staaten erschreckend. Während Deutschland ein „Kulturland“ sei, seien die USA ein „Fantasieland“. In praktisch jedem Mitgliedsstaat der EU sei es einfacher, sich aus der Armut nach oben zu arbeiten. Viele Menschen in der USA seien aber zu selbstverliebt oder besorgt, um den Fehler im eigenen System zu suchen.

Nur eine von vielen Geschichten

Im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven kann man sich interaktiv mit der Geschichte der Auswanderer befassen. Sutterlins ist nur eine von vielen. Alleine im Jahr 1854, dem Höhepunkt der Auswandererwelle, verließen 71.000 Deutsche ihre alte Heimat, um in den USA ein neues Leben zu beginnen, wie das Museum unserer Zeitung einst mitteilte. Damals hätten viele Leute vor allem aus wirtschaftlichen Gründen Deutschland verlassen. „Durch die Industrialisierung verschwanden immer mehr traditionelle handwerkliche Betriebe. Kleinbauern, Handwerker und Tagelöhner insbesondere in ländlichen Gegenden verloren ihre Existenzgrundlage und litten an Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit“, teilte das Museum mit.

Pastor Jürgen Hoogstraat aus Victorbur, Experte für die Geschichte ausgewanderter Ostfriesen, ergänzt auf Nachfrage, dass heute vermutlich vier bis fünf Millionen Amerikaner ostfriesische Vorfahren haben. Alleine aus der Gemeinde Krummhörn wanderten laut ihm mancherorts bis zu 30 Prozent der Menschen aus. Das erklärt auch, warum beispielsweise Grundy County in Iowa – wo besonders viele Ostfriesen hinzogen – heute eine Partnergemeinde der Krummhörn ist.

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