Explosion der Gaspreise  Kommt nun das ganz große Bäckereisterben auf dem Land?

Vera Vogt
|
Von Vera Vogt
| 05.12.2022 19:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bäcker brauchen Hilfe wegen der Energiepreise. Symbolbild: Pixabay
Bäcker brauchen Hilfe wegen der Energiepreise. Symbolbild: Pixabay
Artikel teilen:

Bäcker brauchen Hilfe wegen der Energiepreise. Viel zu wenige Betriebe werden als Härtefälle gelten, sagt der Verband der Bäcker. Man fürchtet um die Bäcker auf dem Land – zu Recht.

Landkreis Leer - Tageweise zu, höhere Preise: Die Bäckereien in Ostfriesland haben auf die steigenden Energiepreise und den Fachkräftemangel reagiert. Einige von ihnen stehen dennoch mit dem Rücken zur Wand, andere mussten schon aufgeben. Viel Hoffnung setzt die Branche auf Hilfe durch den Bund.

Was und warum

Darum geht es: Der Verband der Bäcker ist unzufrieden mit der Härtefallregelung für Betriebe, die unter den Gaspreisen zusammenbrechen. Gerade der ländliche Raum werde leiden, sagen sie. Das scheint sich leider zu bewahrheiten.

Vor allem interessant für: diejenigen, die gerne vor der Haustür Brötchen kaufen.

Deshalb berichten wir: Die Lage der Betriebe ist kritisch.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Nun gibt es wegen der Gesetzesentwürfe zum Gas- und Strompreisdeckel für einige Grund zum Aufatmen – andere steuern auf das Ende zu: Zum Beispiel die Schließung der Winterlücke bei der Gaspreisbremse entlaste die Betriebe, heißt es vom Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks – aber: „Anders verhält es sich bei der dringend geforderten Härtefallregelung, die für uns enttäuschend ausfällt. Nach jetzigem Stand würden nur wenige Bäckereien als Härtefall eingestuft werden, für einige Betriebe gleicht das einer Katastrophe“, sagt Verbands-Präsident Michael Wippler.

Quälende Ungewissheit

Genauer gesagt: Nur die Betriebe, bei denen sich die Energiepreise vervierfacht haben, wären ein Härtefall. „Die Bremse ist ein guter Anfang, aber dass Betriebe mit einer dreifach höheren Rechnung kein Härtefall sein sollen, ist nicht nachvollziehbar“, sagt Bäcker Andreas Kaufmann. „Wir können doch die Preise nicht verdreifachen. Die Kunden wollen und können das nicht bezahlen, das weiß jeder.“

Montags bleibt der Ofen in Weener aus. Bäcker Andreas Kaufmann reagiert damit auf die Energiepreise. Foto: Ortgies/Archiv
Montags bleibt der Ofen in Weener aus. Bäcker Andreas Kaufmann reagiert damit auf die Energiepreise. Foto: Ortgies/Archiv

Laut Verband fehle es an Planungssicherheit für die kommenden Wochen – wenn die Unterstützung erst im März ankomme, werde es bei vielen Unternehmen eng. Es solle daher eine Härtefallbrücke geben, die bis zum März trage. „Das kann ich nur unterschreiben“, sagt Kaufmann. „Bei mir kommt noch hinzu, dass ich seit Monaten auf meine Jahresabrechnung warte. Damit hängt alles in der Luft.“

Ländlicher Bereich bedroht

Mit dem aktuellen Verbrauchsschwellenwert würden laut Zentralverband noch immer rund ein Drittel der Verkaufsstellen nicht erfasst. „Das könnte zu zahlreichen Filialschließungen vor allem im ländlichen Raum führen“, mahnt Präsident Wippler. „Es trifft besonders die kleineren Handwerksbetriebe“, stimmt Kaufmann zu. Die Umsätze seien nicht mit denen in städtischeren Umgebungen zu vergleichen. Und: „Wenn die Betreiber in den kleineren Orten aufgeben müssen, bleiben die Bäckereien verloren“, sagt er. Niemand wolle derzeit eine Bäckerfiliale übernehmen. „Das wird auch so bald keiner machen. So wird nicht nur ein Loch in die Versorgung der Orte gerissen, auch die Ausbildung von Fachkräften bleibt dann auf der Strecke“, mahnt er.

In einem alten Gulfhaus kam drei Jahre lang ein Café unter. Nun ist wegen der Energiekrise Schluss. Foto: Stromann/Archiv
In einem alten Gulfhaus kam drei Jahre lang ein Café unter. Nun ist wegen der Energiekrise Schluss. Foto: Stromann/Archiv
Kaufmann selbst lässt seinen Laden jeden Montag geschlossen, um Gas einzusparen. An diesem Tag wird nur vorbereitet. Er ist seit 1995 Meister, übernahm den Betrieb seines Vaters 1999. „Solch eine Situation hat es noch nie gegeben“, sagt er. Im September dieses Jahres hatte Gertha Jünke, die gemeinsam mit ihrem Mann Ralf die Bäckerei Behmann leitet, gegenüber dieser Zeitung die Kostenexplosion vorgerechnet. „Im vergangenen Jahr hat unsere Produktion 3600 Euro Strom im Monat gekostet, letzten Monat waren es 12.000 Euro“, so Jünke.

Die Bäckerei Behmann schließt wegen der drastisch gestiegenen Energiepreise am 31. Dezember sechs ihrer sieben Filialen im Landkreis Leer. Neben Nortmoor trifft es die Geschäfte in Ockenhausen, Remels, Neukamperfehn, Warsingsfehn und Loga. Auch wenn es ohnehin wohl zu spät kommt: Mit dieser Preissteigerung hätte das Unternehmen Stand jetzt nicht als Härtefall gegolten.

Nicht nur Kreis Leer betroffen

Nicht nur im Kreis Leer wird es schwer für das Bäckerhandwerk: Die Emder Bäckerei und Konditorei Sikken dünnt ihr Filialnetz ebenfalls aus. Nach dem Geschäft in an der Leeraner Landstraße in Petkum, das bereits geschlossen worden ist, will das traditionsreiche Handwerksunternehmen voraussichtlich im Dezember auch den Laden an der Bettewehrstraße in Wybelsum schließen.

Bart Sikken (Bild) führt die Bäckerei Sikken gemeinsam mit seinem Bruder Gerhard Sikken. Foto: H. Müller
Bart Sikken (Bild) führt die Bäckerei Sikken gemeinsam mit seinem Bruder Gerhard Sikken. Foto: H. Müller
Zudem trennt sich die Bäckerei zum Ende des nächsten Jahres von der Filiale in der Neutorstraße. Bart führt gemeinsam mit seinem Bruder Gerhard Sikken das 1741 gegründete Unternehmen in zwölfter Familiengeneration.

Sikken begründete diese Entscheidungen vor allem mit den steigenden Energiepreisen, dem Mangel an Fachkräften sowie steigenden Personalkosten wegen des angehobenen Mindestlohns.

Ähnliche Artikel