Alles Kultur Jauchzet laut und bleibt mit uns sitzen
Wer Kultur liebt, hört sich eigentlich auch mal ein Stück an, das ihm nicht so toll gefällt. Eigentlich. Unsere Kolumnistin hat in Oldenburg leider eine andere Erfahrung gemacht.
Endlich, das erste Mitsingkonzert seit drei Jahren für die Johanniter Hilfsgemeinschaft in Oldenburg. Und zwei Menschen sind gegangen. Beim 5. Lied, mitten in „Tochter Zion“. Auf die Frage des Tontechnikers, ob alles in Ordnung sei, antworteten sie, sie würden das Lied nicht mögen. Lesen Sie das noch einmal und lassen das so richtig auf sich wirken. Zwei Menschen, die sich durch die kalte Dunkelheit auf den Weg in eine warme Kirche gemacht haben, mögen das 5. von insgesamt 18 Liedern nicht und entscheiden zu gehen. Mein erster Gedanke war: „Dann geh mit Gott, aber geh.“
Beeindruckend, wie schnell Menschen für sich entscheiden können, dass die Situation gerade keine ist, die ihnen gefällt oder nicht gut tut. Ich bin da hartnäckiger und arbeite mich viel an Situationen ab, versuche Menschen oder einer Stimmung viele neue Chancen zu geben. Ich würde den beiden Gegangenen gerne unterstellen, dass sie einfach traumatische Erfahrungen mit diesem Lied verbinden und sich deswegen der Situation entzogen. Doch ich fürchte, es war anders. Wie schnell man doch oder ein ganzer Konzertabend bei Menschen in Ungnade fallen kann und das trotz einer proppevollen in Glückseligkeit laut singenden Kirche. Auch wenn man sich etwas anderes für den Abend gewünscht oder vorgestellt hat, finde ich, dass man so einen Abend der höchstens 75 Minuten dauert, auch aus Respekt durchhalten könnte. Schließlich ist man doch schon da, es ist warm und es gefällt zumindest den anderen Anwesenden, allein daran kann man sich doch schon erfreuen.
Menschen, die mit roten Bäckchen und Lächeln im Gesicht laut „Tochter Zion“ schmettern, da will mir nicht in den Kopf, das andere sich dem entziehen können, gerade in diesen Zeiten, in denen wir doch so lange nicht gemeinsam singen durften. Für mich hätte es ein Amigos-Mitsingkonzert sein können, ich wäre dortgeblieben und hätte mich am Singen und der Freude der anderen gewärmt. Freuet Euch aneinander, jauchzet laut und bleibt mit uns sitzen, das würde ich mir wünschen.
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