Großefehner im Unruhestand Der schlagersingende Heimatfilmer Jonny Stulken wird zum Autor
Mit Schlagern ist Jonny Stulken bekannt geworden, gerade hat er einen großen Film über die Gemeinde Großefehn veröffentlicht. Nun plant er zwei neue kreative Großprojekte.
Großefehn - Irgendwann im Spätsommer verfluchte Jonny Stulken den Wind – und vielleicht auch ein wenig seinen eigenen Perfektionismus. Zwei Wochen lang war er Abend für Abend mit einer Kamera im Kofferraum von seinem Haus am Hauptkanal entlang bis zur Mühle in Ostgroßefehn gefahren, weil er sich in den Kopf gesetzt hatte, sie im Halbdunkel angestrahlt ins Bild zu setzen. „14 Tage in Folge. Manchmal bin ich verrückt geworden. Doch jedes Mal standen die Flügel anders – aber nie so, wie ich es brauchte“, sagte er. Immer wieder hatten sie die Kappe in den Wind gedreht, der zu der Zeit nicht aus der Panorama-Schokoladenrichtung kam.
Von der aus wollte Stulken die Mühle filmen fürs Schlussbild eines groß angelegten 90-minütigen Films, den er über seine Heimatgemeinde gedreht hat und der vor wenigen Tagen Premiere gefeiert und viel Applaus eingeheimst hat. „Ich wollte dafür unbedingt die Mühle links im Bild und den Rest im Dunklen als Schlussbild haben, um darüber die Titel laufen lassen zu können“, sagt er. Der frühere Ratsherr Rewert Beekmann habe schließlich mal treffend gesagt, „de Möhlen is de Nöös in’t Gesicht van Grootfehn“. Und diese schöne Nase sollte nun aus dem richtigen Winkel ins Bild.
„Die Stunden kann man gar nicht zählen“
Nach zwei Wochen zart frustriert, rief er dann Ronald Scheltens, den Mühlenwart des Ostgroßefehner Galerieholländers an. „Der war so lieb, ist extra viele Kilometer für mich dorthin gefahren und hat die Mühle für mich gedreht“, sagt Stulken. Zwei weitere Telefonate später hatte er seinen Sohn und seine Tochter herbeigerufen, die ihm halfen, mit zusätzlichen Scheinwerfern die Mühle ins richtige Licht zu setzen. „Und dann war es genau so, wie ich es mir gewünscht hatte“, sagt Stulken und strahlt. Die Mühle sollte es unbedingt sein. Zuvor schon war der 71-Jährige vier Monate lang immer und immer wieder quer durchs Gemeindegebiet gekurvt, um seine Heimat zum Teil nochmal ganz neu kennen zu lernen und Altbekanntes und Beliebtes lebendig einzufangen. „Die Stunden kann man gar nicht zählen“, sagt er. Stulken, selbst bunter Hund in seiner Heimatgemeinde, der über Jahrzehnte als Musiker, Schlagerstar und Produzent bekannt geworden ist, zog los.
Er verabredete sich mit Dorfgemeinschaften, erlebte ihren Zusammenhalt, suchte das Gespräch, pirschte über Feldwege auf der Suche nach besonders schönen Ansichten. Er balancierte mit der Kamera auf der Schulter auch zwischen Würdenträgern über einen zur Bühne umfunktionierten Trecker-Anhänger bei der Eröffnung des Bagbander Markts umher. Jonny Stulken packte auch seine Drohne aus und schwirrte damit in die Lüfte für besondere Ansichten aus der Vogelperspektive.
Bürgermeister schwärmt vom „Kunstwerk“
Zurück im kleinen Heimstudio sichtete der Fehntjer die Materialberge, die er zusammengetragen hatte, pickte sich die besonderen Momente heraus. Und ähnlich wie beim Arrangieren von Songs verband er die Motive zu einem sorgsam komponierten Ganzen, legte begleitende Akkorde und Melodien darunter, schnitt die Szenen auf Takt. Um das Ganze inhaltlich zu unterfüttern und die Aufeinanderfolge der Ortschaften aufzulockern, streute er auch kurze Wortbeiträge ein – nicht zuletzt aus der Rede des einstigen Gemeindedirektors Hans-Bernd Kaufmann zur Feier des 50-jährigen Bestehens der Gemeinde Großefehn im Sommer.
Denn dieses Jubiläum war der Anlass, für den die Verwaltung den Musiker und Hobbyfilmer Jonny Stulken angefragt hatte, um das Leben aller 14 Ortsteile einzufangen – „von den Traditionen bis zur Moderne“, wie Bürgermeister Erwin Adams sagt. „Wir haben uns im Vorfeld besprochen und entschieden, dass wir diesmal keine Chronik als Buch wollen, sondern lieber ein lockeres, lebendiges Zeitdokument des jetzigen Lebens hier.“ Adams nennt Stulkens Streifen ein „Kunstwerk, das mit tollem Auge und viel Gespür ganz nah an den Menschen und den Orten in unserer Gemeinde ist, zeigt, was sie ausmacht und das sie in ihren Besonderheiten würdigt“. Verkauft wird der Film auf DVD und Blu-Ray im Großefehner Bürgerhaus zum Preis von 15 Euro, er kann auch im Internet über www.grossefehn.de vorbestellt werden. Stulken führt ihn in den kommenden Wochen aber auch noch in den einzelnen Ortschaften vor.
Verplanter Kameramann weckt eigene Filmlust
Dieses „Kunstwerk“ und Jonny Stulkens Liebe zum Film hätten sich so womöglich nie so entwickelt, wenn nicht vor einem Vierteljahrhundert ein 17-Jähriger aus Bösel im Nordkreis Cloppenburg zur Unzeit in Hongkong gewesen wäre. Klingt ein wenig nach Chaostheorie, war aber so: 1997 steckte Stulken als Musiker mitten in Dreharbeiten für den Film „Mein Ostfriesland – meine Heimat“ für sein berühmtes Schlager-Duo Jenny & Jonny. „Wir hatten dafür den Jungen als Kameramann, der ein unwahrscheinlich gutes Auge hatte – aber zugleich auch bei einer Firma arbeitete, die Weltreisen anbot und für die er Kurzfilme drehte. Und wir brauchten an einem Wochenende ganz dringend Aufnahmen, er rief aber an, er sei zwei Wochen lang in Hongkong und könne nicht. Und dann sagte er, ,Jonny, kauf dir diese Kamera, die ist fast wie meine, du kannst das auch‘. Und das habe ich gemacht – und gemerkt, wie viel Spaß ich selbst beim Drehen habe.“ Er fing Feuer fürs Filmen, fuchste sich rein, schaffte sich neues Equipment an.
Filmen und Filmschnitt hat der kreative Tausendsassa sich selbst beigebracht. „Beim Schnitt ist es ja ähnlich wie im Tonstudio, man ordnet Motive und Sequenzen an, arbeitet mit verschiedenen Spuren.“ Mehr als 100 kleinere und größere Dokumentarfilme sind inzwischen zusammengekommen, unter anderem zwei in seiner Heimatgemeinde viel beachtete Weihnachtsfilme. Weil seine Ideen aber unablässig auf verschiedenste Weise sprudeln, hat der gelernte Elektriker, ausgebildete Fernmeldetechniker und Vollblutmusiker jüngst seine Lust am Schreiben vertieft. „Ich arbeite gerade am Drehbuch für einen Kriminalfilm, den ich im nächsten Jahr umsetzen möchte“, sagt Stulken. „Das wird ein bisschen eine Mischung aus ,Neues aus Büttenwarder‘ und dem Münster-Tatort, also durchaus was Lustiges.“ Wen er als Darsteller im Auge hat, wann es losgehen soll mit dem Dreh und was in der Geschichte passiert, hüllt Stulken noch in geheimnisvolles Schweigen.
Lebensgeschichten erscheinen als Buch
Doch ist dies auch nicht das einzige Buch, an dem er schreibt und geschrieben hat. 21 Jahre, nachdem er schonmal ein kleines Büchlein namens „Weihnachten in Ostfriesland“ veröffentlichte, hat Stulken nun ein deutlich umfangreicheres Werk verfasst und sein Leben in insgesamt 60 Geschichten erzählt. „Immer dem Erfolg auf der Spur“, heißt die Autobiografie des Fehntjers. Die Spur ist dabei doppeldeutig durchaus auch als Tonspur zu verstehen, schließlich geht es auch und besonders um die Musik, die Stulken sein Leben lang begleitet hat. „Ich habe unglaublich viele Geschichten erlebt. Besondere, auch lustige, teils auch traurige, und von denen lohnt es zu erzählen, finde ich“, sagt Stulken. Von der ersten Gitarre im Alter von zehn Jahren über den ersten Auftritt im Alter von 13 auf dem Blütenfest in Wiesmoor, zur ersten Rockband in Moordorf mit 15 Jahren, die dort fest zum Jugendtanz aufspielte. Zwölf Jahre lang – von 1968 bis 1980 spielte Stulken bei den „Musketieren“, einer rund um Wiesmoor und im Wittmunder Raum bekannten Tanzkapelle. „Irgendwann kamen auch noch eine Musikschule und ein Studio dazu.“
Mitte der 80er Jahre dann ging sein Schlagerstern im Duo mit Jenny auf. In Spitzenzeiten an 200 Tagen im Jahr war das Duo bundesweit unterwegs, baute ein Tonstudio in Leer auf, gründete einen Musikverlag, der Kontakt zu 16.000 Chören bundesweit aufnahm, für die Stulken im Auftrag leichte Arrangements für aktuelle Hits oder Klassiker neu setzen ließ. Vor zwei Jahren ist der Verlag verkauft worden. „Ich habe mich schon anfangs gefragt, mach‘ ich das nur für mich? Ist das etwas für die Allgemeinheit?“, sagt Stulken. „Aber ich dachte, ich wage das mal. Eigentlich wollte ich noch vor Weihnachten damit auch in den Druck gehen, das schaffe ich nicht, weil ich zu einigen Episoden noch Bilder suche. Unter anderem von Auftritten der ,Drei Musketiere‘“, sagt der 71-Jährige.
Nun, vor Weihnachten, wo sonst „bis zu 20 Auftritte“ mit dem Schlager-Duo anstanden, „will ich es in diesem Jahr ruhig angehen lassen und durchatmen“, sagt Jonny Stulken. Aber die nächsten Projekte – etwa den eigenen Krimi – hat er schon im Blick. „Langweilig wird mir nicht“, sagt er und lacht. „Und das Gute ist ja: Ich muss nichts mehr. Ich bin Rentner, mache nur, worauf ich Lust habe.“ Und so bleibt der Ruhestand des Umtriebigen ein Unruhestand.