Hamburg  Immer weniger Wikipedianer: Wieso der Autorenmangel für Probleme sorgt

Patrick Kern
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Von Patrick Kern
| 02.12.2022 14:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Jeder Wikipedia-Artikel, der Peter Neitzel in die Quere kommt, wird von ihm streng nach Fehlern kontrolliert. Foto: Patrick Kern
Jeder Wikipedia-Artikel, der Peter Neitzel in die Quere kommt, wird von ihm streng nach Fehlern kontrolliert. Foto: Patrick Kern
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Obwohl die Artikelmenge bei Wikipedia täglich wächst, wollen sich immer weniger Menschen um den Bestand kümmern. Macht das den Weg frei für Fake News? Und wie sieht überhaupt die Arbeit eines Autoren aus? Wir haben Hamburger Wikipedia-Autoren bei ihrem wöchentlichen Treffen besucht und nachgefragt.

Es ist Donnerstagabend, 18 Uhr: Peter Neitzel hat schon seinen Computer hochgefahren, sein Arbeitsgerät für die nächsten zwei Stunden. Während der 63-Jährige gerade eine Videoschalte für seinen bevorstehenden Vortrag zum Thema „kaputte Weblinks heilen“ einrichtet, hat er nebenher schon die wichtigste Seite des heutigen Abends im Internet-Browser geöffnet: Wikipedia.

Neitzel ist Wikipedianer, so bezeichnen sich Wikipedia-Autoren untereinander. Wie jede Woche trifft sich der Hamburger gleich mit Autorenkollegen online oder in Präsenz in der kleinen Begegnungsstätte nahe des Michels. Heute geht es jedoch nicht darum, neue Artikel zu schreiben, sondern vorhandene Artikel zu reparieren. Denn bei 2,7 Millionen bestehenden, deutschsprachigen Artikeln – Tendenz steigend – werden gerade solche Hausmeistertätigkeiten immer wichtiger.

Neitzel, der bis zu 20 Stunden in der Woche ehrenamtlich unter dem Pseudonym „Wikipeter-HH“ arbeitet und sich als kleines Rädchen im Getriebe der großen Wikipedia sieht, gefallen gerade diese Arbeiten: „Ich bin eher zurückhaltend bei der Erstellung neuer Artikel“, sagt der 63-Jährige, der früher im betriebswirtschaftlichen Bereich und im IT-Management tätig war.

Als er vor fünf Jahren in den Ruhestand wechselte, suchte er nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung – und fand sie in der größten Online-Enzyklopädie der Welt. „Ich bin schon lange ein Fan und finde es wichtig, so vielen Menschen wie möglich den Zugang zu Informationen zu ermöglichen, die nicht durch bestimmte Interessen verfärbt sind“, schreibt er als Motivation in seinem Autorenprofil.

Doch diese Motivation bringen nicht mehr viele Menschen auf. Im Jahr 2018 zählte Wikimedia, die Organisation hinter der digitalen Enzyklopädie, rund 5000 deutsche Autoren. In der Hochzeit im Januar 2007, also knapp fünf Jahre nach der Gründung von Wikipedia, waren es noch über 9600. Weltweit ist das gleiche Phänomen zu erkennen, in besagtem Zeitraum ist die Autorenschaft um knapp 22 Prozent geschrumpft. Gleichzeitig hat sich jedoch die Zahl der Artikel vervierfacht.

Das macht sich im kleinen Kreise besonders bemerkbar: In Hamburg sind schätzungsweise noch 100 Autoren aktiv, viele davon halten sich jedoch von der Öffentlichkeit fern, indem sie ausschließlich digital und hinter ihrem Internetpseudonym arbeiten.

Nur Carsten Möller und Reinhard Kraasch, die ebenfalls ihre im Ruhestand gewonnene Freizeit für Wikipedia aufwenden, sind an diesem Tag persönlich zu Neitzels Vortrag ins Kontor gekommen. Und nur ein weiterer Nutzer hat sich noch per Videoanruf dazugeschaltet. An anderen Tagen ist es ähnlich überschaubar; sonst würden sechs bis acht Leute aus unterschiedlichen Altersgruppen bei den Treffen dabei sein, schildert Neitzel. Vergleichbare Treffen gibt es in vielen Großstädten, unter anderem in Köln, München, Hannover und Berlin.

Dabei ist die persönliche Begegnung von Wikipedianern so wichtig. Zum einen für das Gefühl, denn bei wöchentlichen Treffen, wo auch mal zu einem Glas Wein oder einem Bier gearbeitet wird, entsteht unter den Autoren eine Gemeinschaft. Zum anderen ist es auch von Vorteil, dass so das langwierige Hin und Her auf der Wikipedia-internen Diskussionsseite wegfällt: „Ein Aspekt der persönlichen Begegnungen ist, dass man so irgendwelche Punkte im Dialog viel schneller klären kann. Ein anderer Aspekt ist, dass man viel besser zusammenarbeiten kann, wenn man mal persönlich zusammengesessen hat“, weiß Neitzel aus Erfahrung.

Diskussionen gehören zum Tagesgeschäft eines Wikipedianers. Und das sei auch häufig der Grund, der neue Artikelschreiber von einer langfristigen Aktivität abschreckt, erklärt Neitzel: „Leider verkennen viele von den Leuten, die sich blauäugig anmelden und denken: ‚Ich schreibe jetzt den einen tollen Artikel‘, dass da eine ganze Menge mehr dahintersteckt.“

Die vielen Regularien, die bei einem Eintrag eingehalten werden müssen, habe ein Laie nicht immer im Blick. Die Folge: Volle Nachrichtenpostfächer mit Anmerkungen und Kritik von anderen Autoren, die von dem neuen Nutzer ignoriert werden. Manchmal wird der Artikel sogar direkt wieder gelöscht. Das fördere die Frustration unter Neuautoren, meint der Hamburger Autor.

Doch welche weitreichenden Folgen hat es, wenn sich keiner mehr für die Bestandspflege begeistern kann? Geht damit ein Qualitätsverlust einher? Ist das vielleicht sogar der Freifahrtschein für Fake News? „Bisher nicht“, sagt Neitzel in Bezug auf letztere Frage überzeugt.

Die in Wikipedia etablierten Prozesse seien so stabil, dass solche seltenen Versuche unterbunden werden können. Auffälliger seien dagegen die häufigen Versuche von Personen, einen Artikel über sich selbst anzulegen: „Es gibt vielfach Versuche, sich selbst darzustellen. Wie zum Beispiel ein Autor, der gerade sein erstes Buch geschrieben hat, das noch gar nicht veröffentlicht ist. Der möchte natürlich auf Wikipedia präsent sein, um wichtig zu erscheinen“, so Neitzel. Was die Qualität angeht, sei das Problem eher, dass Artikel veralten und nicht mehr aktuell gehalten werden.

Doch auch wenn der Hamburger Wikipedianer eine Verdrehung der Fakten nach 4000 bearbeiteten Bestandsartikeln und 2800 gesichteten Neueinträgen noch nicht festgestellt hat, gibt es das Phänomen der Artikel-Manipulation dennoch. So hat das „ZDF Magazin Royale“ um Satiriker Jan Böhmermann im vergangenen Jahr beispielsweise herausgefunden, dass Einträge von 87 Mitgliedern des deutschen Bundestages zum Vorteil des Politikers geändert wurden.

In der Show wird der Fall um den CDU-Abgeordneten Olav Gutting angeführt, aus dessen Wikipedia-Eintrag Vorwürfe bezüglich Verstrickungen in korrupte Geschäfte mit dem Präsidenten Aserbaidschans gelöscht worden sein sollen. Inzwischen ist die Passage wieder im Artikel enthalten.

So oder so muss der Autorenmangel angegangen werden, vor allem für die Bestandspflege. Deshalb versucht das Wikipedia-Kontor in Hamburg mit seinen öffentlichen Treffen für Transparenz zu sorgen, wie viel Spaß das Bearbeiten von Texten machen kann. Jeder kann Autor werden, es bedarf grundsätzlich keiner Qualifikation, betont Neitzel. Man solle jedoch der deutschen Sprache mächtig sein, auch die eine oder andere Fremdsprache für potentielle Übersetzungen könne nicht schaden. Außerdem sollte man ihm zufolge neugierig, offen und lernbereit sein sowie fair diskutieren können.

Doch das alleine reiche für den Fortbestand von Wikipedia nicht aus, meint sein Kollege Kraasch. Langfristig müssten neue Mechanismen gefunden werden, wie man neue Informationen in die Wikipedia überträgt und bestehende Informationen aktualisiert: „Sicherlich sind Autoren wichtig und Leute, die das hobbymäßig in der Freizeit machen, aber es gibt eben auch eine Menge Informationen da draußen, die eigentlich auch automatisch ihren Weg in Wikipedia finden könnten.“

Gleichzeitig müsse auch der Weg in die Wikipedia für „Informationsinhaber“ leichter gestaltet werden, damit sie im besten Fall ihre Ergänzungen selbstständig machen können, findet Kraasch: „Wir müssen stärker in den Dialog mit anderen Institutionen treten. Die Zeit, in der Wikipedia von allein bekannt geworden ist und Menschen angezogen hat, ist vorbei.“ In welcher Form das künftig passieren könnte, muss jedoch noch erörtert werden, denn: Auch auf diesem Weg muss die Qualität und Neutralität erhalten bleiben.

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