Landkreis Aurich sucht Unterkünfte  Kaum jemand will an Flüchtlinge vermieten

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 30.11.2022 18:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Aus Spanplatten hat das Technische Hilfswerk in der Turnhalle auf dem Auricher Kasernengelände halbwegs wohnliche Boxen als Notunterkunft für Flüchtlinge gezimmert. Foto: Ortgies
Aus Spanplatten hat das Technische Hilfswerk in der Turnhalle auf dem Auricher Kasernengelände halbwegs wohnliche Boxen als Notunterkunft für Flüchtlinge gezimmert. Foto: Ortgies
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Sammelunterkünfte für Flüchtlinge sind beim Landkreis Aurich verpönt. Doch nun muss er sogar Turnhallen herrichten. Das hängt auch damit zusammen, dass kaum jemand an Flüchtlinge vermietet.

Aurich - Der Landkreis Aurich schlägt Alarm: Er sucht händeringend Unterkünfte für Flüchtlinge. Bei privaten Vermietern gebe es Vorbehalte gegen diese Menschen, sagte Keno Wessels von der Kreisverwaltung am Mittwoch dem Sozialausschuss des Kreistags. Kaum jemand wolle Wohnungen an Geflüchtete aus Drittstaaten vermieten – „auch nicht, wenn sie einen ukrainischen Pass haben“. Daher bleibe dem Landkreis nichts anderes übrig, als die Menschen in Sammelunterkünften zu beherbergen.

Die aktuellen Zahlen verdeutlichen, wie groß der Druck ist: Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine am 24. Februar hat der Landkreis 2902 Flüchtlinge aufgenommen, im Schnitt also 322 pro Monat. Zum Vergleich: Vom 1. August vergangenen Jahres bis zum 23. Februar dieses Jahres waren es 252, also 36 pro Monat. Mit anderen Worten: Die Quote hat sich seit Kriegsbeginn fast verzehnfacht. Und sie wird voraussichtlich weiter steigen. Die Menschen kommen nicht nur aus der Ukraine, sondern zum Beispiel aus Afghanistan und Nordafrika.

„Dann sind wir schnell an der Grenze“

Bis Ende März muss der Landkreis Aurich nach jetzigem Stand noch rund 1800 Schutzsuchende aufnehmen. Die vom Land Niedersachsen festgelegte Quote richtet sich nach der Einwohnerzahl. Für diese und kommende Woche seien bislang keine Neuankömmlinge angemeldet, sagte Wessels. „Das kann sich aber täglich ändern. Wenn die Zuweisungen wieder einsetzen, sind wir schnell an der Grenze.“ Auch zwischen Weihnachten und Neujahr werde es keine Pause geben. Ordnungsamtsleiter Marcel Schäfer hatte vergangene Woche gesagt: „Wir starten jeden Montag mit Schweißperlen in die Woche, und am Ende sind wir froh, dass wir alle Menschen untergebracht haben.“

Der Landkreis hat derzeit noch 243 Plätze in Sammelunterkünften frei. 75 davon befinden sich in einer Notunterkunft, die seit vergangener Woche bezugsfertig ist: in der Sporthalle auf dem Auricher Kasernengelände. Mit Spanplatten hat das Technische Hilfswerk in der Halle Wohneinheiten abgeteilt. In jeder Box stehen zwei Etagenbetten, ein Einzelbett, Spinde, ein Tisch und Stühle.

„Wir arbeiten mit Hochdruck“

Noch sind diese Plätze nicht belegt. Das werde aber wahrscheinlich nicht mehr lange dauern, sagte Wessels. Momentan gebe es in den anderen Unterkünften nur noch 16 freie Plätze für Alleinreisende. Der Landkreis sei außerdem dabei, weitere Turnhallen als mögliche Notunterkünfte vorzubereiten. Ein neues Containerdorf ist kürzlich auf dem ehemaligen Gelände der internationalen Gärten in Aurich-Extum entstanden. Dort leben Familien aus Afghanistan. Der Landkreis sucht Standorte für weitere Containerdörfer.

Eine wichtige Rolle spielt das Kasernengelände. Im August hatte sich die Kreisverwaltung nach einigem Hin und Her mit der Stadt Aurich und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) geeinigt, dass sie Teile der leerstehenden Blücher-Kaserne nutzen kann. Dort werden derzeit das riesige Divisionsgebäude und zwei Unterkunftsgebäude ertüchtigt. „Wir arbeiten mit Hochdruck“, sagte Wessels. Voraussichtlich Anfang kommenden Jahres können die ersten Menschen in das Divisionsgebäude einziehen. Dort finden bis zu 600 Personen Platz – ein ganzes Dorf.

In den Sammelunterkünften werden die Flüchtlinge von Mitarbeitern der Kreisvolkshochschule und der Johanniter betreut. Die Unterkunft in der ehemaligen Küstenfunkstelle Utlandshörn bei Norden, das Containerdorf in Extum und die Notunterkunft in Aurich werden außerdem von einem Sicherheitsdienst bewacht – nach einer Gefährdungsanalyse der Polizei, wie Wessels erläuterte. Das Thema bleibt eine Herausforderung.

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