Energiewende in Ostfriesland  Woher kommt das viele Wasser für den Wasserstoff aus Emden?

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 28.11.2022 18:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der breite Emsstrom auf Höhe des Sperrwerks in Gandersum. Das Wasser aus dem Fluss eignet sich theoretisch zum Kühlen des Elektrolyseurs. Foto: Archiv
Der breite Emsstrom auf Höhe des Sperrwerks in Gandersum. Das Wasser aus dem Fluss eignet sich theoretisch zum Kühlen des Elektrolyseurs. Foto: Archiv
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In Emden soll im Eilverfahren die Wasserstoff-Produktion hochgefahren werden, allen voran durch den Versorger EWE. Dabei sind wichtige Fragen noch ungeklärt.

Emden - Gut drei Wochen ist es her, da zog eine Ankündigung in Emden bundesweit die Blicke der Fachwelt auf sich: Im Rummel des alten Rathauses präsentierte der Energieversorger EWE Pläne für seine Wasserstoff-Offensive. Ende Oktober war das. Im Mittelpunkt: EWE-Chef Stefan Dohler und der Bau eines 320-MW-Elektrolyseurs – eine Anlage in bis dato ganz neuer Größenordnung zur Produktion von grünem Wasserstoff. Sie soll in Rekordzeit im Emder Stadtteil Borssum entstehen. Geplante Inbetriebnahme ist Ende 2026.

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Darum geht es: Energiewende, Wasserstoff aus Ostfriesland und Umweltfragen

Vor allem interessant für: Leserinnen und Leser, die die Wasserstoff-Offensive in Emden verfolgen und über das neu angeschlagene Tempo staunen

Deshalb berichten wir: Ende Oktober verkündete der Energieversorger EWE in Emden seine Pläne für den Bau eine 320-MW-Elektrolyseurs in Borssum. Die Redaktion sprach im Nachgang noch einmal mit der technischen Leiterin, um wichtige Detailfragen wie den Wasserbedarf zu klären.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Mit dem rund eine halbe Milliarde Euro teuren Vorhaben betritt der Oldenburger Konzern in vielerlei Hinwicht fremdes Terrain. Einer der zentralen noch ungeklärten Punkte betrifft die Elektrolyse selbst. „Es steht noch nicht fest, welches Verfahren wir anwenden“, sagt Kerstin Kuwan. Die 54-jährige technische Ingenieurin ist technische Leiterin für das Projekt bei EWE und erklärte sich bereit Fragen der Redaktion zum geplanten Investment zu beantworten.

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Es braucht jede Menge Wasser

Unbedeutend ist diese Aussage nicht. Denn vom Verfahren hängt unter anderem ab, wie hoch der Wasserbedarf für die Produktionsstätte ist. Klar ist: Sowohl für die Aufspaltung von Wasser als auch für die Kühlung der Anlage werden große Mengen benötigt. Kerstin Kuwan mag sich zum jetzigen Zeitpunkt für den Elektrolyseur in Emden ungern festlegen, wie viel. Grob geschätzt würden alleine für die Herstellung des Wasserstoffs jährlich rund 275.000 Kubikmeter Wasser gebraucht, sagt sie. Zum besseren Vergleich: 1 Kubikmeter entspricht 1000 Liter.

Kerstin Kuwan ist bei EWE als technische Leiterin für das Elektrolyse-Projekt in Borssum verantwortlich. Foto: privat
Kerstin Kuwan ist bei EWE als technische Leiterin für das Elektrolyse-Projekt in Borssum verantwortlich. Foto: privat

Offen ist, woher das viele Wasser kommt. Theoretisch sind von Trinkwasser, über Regenwasser bis hin zu Wasser aus Gewässern wie der Ems, Kanälen oder Tiefs unterschiedlichste Lösungen in Borssum möglich. Entscheidend sind für die EWE zwei Punkte, so Kuwan: „Was ist wirtschaftlich?“ Und: „Was ist genehimigungsfähig?“. Für ausgeschlossen hält sie deswegen den Verbrach von Grundwasser, sowohl moralisch als auch ökonomisch. „Ich halte es nicht für durchsetzbar, Trinkwasser in dieser Größenordnung für industrielle Prozesse zu nutzen“, sagt sie.

Wohin mit dem heißen Wasser?

Ebenfalls problematisch, wenn auch aus ganz anderen Gründen, ist als potenzielle Quelle die Ems. Zwar fließt in ihr auch in dürren Sommermonaten bislang verlässlich Wasser. Für den Elektrolyseprozess müsste es aber aufwendig aufbereitet, entsalzt und gereinigt werden. Das belastet die Energiebilanz. Und das ist teuer. Sollte EWE sich entscheiden, den Emsstrom zumindest zur Kühlung der Produktion anzuzapfen, müsste das Wasser in einem Kreislauf erst von dort und wieder zurück transportiert werden.

Gleiches gilt für den Ems-Jade-Kanal oder Ems-Seiten-Kanal: Die künstlichen Wasserstraßen haben für die Kühlung außerdem den großen Nachteil, dass es keine Fließgewässer sind. Im Gegensatz zur Ems oder anderen Flüssen kann also nicht stromaufwärts kaltes Wasser abgezapft und etwas weiter stromabwärts das warme Wasser aus der Kühlung wieder eingeleitet werden. Bleiben noch die kleineren Entwässerungstiefs. Allerdings reagiert das Leben darin ebenfalls sensibel auf eine permanente Zufuhr von heißem Wasser.

Umweltschützer sind „vorsichtig“

Es sind Gründe wie diese, die Umweltschutzverbände wie den Nabu bei aller Zustimmung zur Energiewende und zu grünem Wasserstoff, skeptisch sein lassen. „Wenn es um die Ressourcen geht, sind wir erstmal vorsichtig“, sagt Johannes Rußmann, der als Verkehrsreferent beim Nabu Deutschland an dem Einsatz von Wasserstoff für Transport, Logistik und Mobilität interessiert ist. Wie Kerstin Kuwan und ihr Team bei EWE betreten auch die Umweltschützer mit der Elektrolyse in dieser Größenordnung unbekanntes Terrain.

Die Darstellung veranschaulicht exemplarisch, wie sich die Wasserstoff-Produktionsstätte in Emden in die Landschaft einfügt. Grafik: EWE
Die Darstellung veranschaulicht exemplarisch, wie sich die Wasserstoff-Produktionsstätte in Emden in die Landschaft einfügt. Grafik: EWE

Entsprechend schwer tut man sich auch dort mit einer Einschätzung zum Wasserbedarf und zu möglichen Umwelteinflüssen. „Wir haben noch keine verlässliche Daten und Zahlen“, sagt Rußmann. Ohne Erfahrungswerte will man sich beim Nabu auf keine Position festlegen. In der Regionalgeschäftstelle Ostfriesland in Aurich winkt Jan Fuchs bei dieser Frage schnell ab und verweist auf nächsthöheren Nabu-Instanzen.

Viel Zeit bleibt den Antragstellern bei der EWE und den Entscheidern bei den zuständigen Behörden allerdings nicht. Darauf angesprochen sagt Kerstin Kuwan: Die grundlegenden Fragen müssten „im nächsten Jahr geklärt sein“. Welche Fragen das genau sind, ist allerdings offenbar ebenfalls noch in der Schwebe: Ähnlich wie beim Bau der Flüssiggasterminals in Wilhelmshaven sind auch für Elektrolyseure Privilegien und beschleunigte Genehmigungsverfahren im Gespräch. Kuwan und ihre Kollegen wissen deswegen nicht, welche Anträge bis wann einzureichen sind und wann welche Unterlagen öffentlich auszulegen sind. „Das ist noch in Klärung“, bestätigt die technische Leiterin.

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