Feuerwehrverband Ostfriesland „Selbst hinter den kleinen Einsätzen stecken Menschen, Schicksale“
Gerd Diekena ist neuer Präsident des Feuerwehrverbandes Ostfriesland. Mit dieser Zeitung spricht er über besondere Einsätze, Herausforderungen und die Kreativität der Ostfriesen.
Loppersum/Ostfriesland - 6587 freiwillige Einsatzkräfte zählen die Feuerwehren in Ostfriesland. Um geschlossen die Belange der Wehren und ihrer Mitglieder zu vertreten, gibt es den Feuerwehrverband Ostfriesland. Seit kurzer Zeit ist dessen Präsident ein Hinteraner: Gerd Diekena aus Loppersum wurde von der Vertreterversammlung gewählt.
Der 51-Jährige hatte zuvor die Position des Kreisbrandmeisters im Landkreis Aurich inne. Gerd Diekena gilt als engagierte und umsichtige Führungskraft, heißt es seitens des Feuerwehrverbandes. Diese Zeitung hat sich mit dem neuen Präsidenten zum Interview im Feuerwehrhaus Loppersum getroffen.
Herr Diekena, wenn Sie eine Situation benennen müssten, durch die Sie wussten: Feuerwehr, das ist es für mich. Was wäre das?
Gerd Diekena: Das ist ganz kurios, denn es ist nicht der große Einsatz. Das denkt man ja immer und klar, die bleiben in Erinnerung. Aber für mich ist es ein Einsatz hier in Loppersum. Da ging es eigentlich nur darum, einen Keller auszupumpen.
Und was machte das so besonders?
Diekena: Als wir ankamen, war da eine ältere Frau, weit über 80. Sie war völlig aufgelöst und ist uns tatsächlich kollabiert. Da haben wir uns natürlich gefragt, was da los ist. Dann sind wir dahintergekommen: Im Keller waren ihre ganzen, über Jahre eingemachten Lebensmittel. Das Essen hat sie selbst angebaut, eingekocht und eingelagert. Sie war verwitwet, hatte nur eine kleine Rente und musste davon leben. Da wurde so deutlich: Selbst hinter den kleinen Einsätzen stecken Menschen, Schicksale. Und die Menschen sind froh, wenn wir kommen. Wir konnten dann auch ihr Eingemachtes retten und alles wieder aufräumen. Die Frau war so dankbar. Dafür mache ich das und dafür machen Feuerwehrleute das.
Wie geht es denn den Feuerwehren in Ostfriesland gerade?
Diekena: Gut. Zumindest, soweit ich das von den Kreisbrandmeistern und den Feuerwehrleuten höre. Es gibt sicher hier und da Probleme, wie gerade in der Krummhörn. Aber insgesamt sind die Mitgliederzahlen in der Feuerwehr stabil. Es ist auch erfreulich, dass immer mehr Frauen in die Feuerwehr kommen. Da sieht es in anderen Landesteilen schlechter aus.
Eigentlich passt der Name Feuerwehr ja gar nicht mehr, denn Feuer machen immer weniger Teile der Einsätze aus...
Diekena: Das ist auch gut so. Da hat unsere Präventionsarbeit, der vorbeugende Brandschutz wirklich geholfen.
Sie meinen „Rauchmelder retten leben“. Das war eine Idee aus Ostfriesland, oder?
Diekena: Ja, die Idee hatten der Feuerwehrverband Ostfriesland und wir haben das zusammen mit der Ostfriesischen Brandkasse umgesetzt. Die Aktion läuft seit 25 Jahren, wir waren da Vorreiter in Deutschland. Man muss die Bevölkerung immer sensibilisieren.
Was ist eigentlich der Feuerwehrverband Ostfriesland?
Diekena: Das ist der Zusammenschluss der Orts- und Kreisfeuerwehren aus Ostfriesland, also aus den Landkreisen Aurich, Wittmund und Leer sowie der kreisfreien Stadt Emden. Wir vertreten die Belange der Feuerwehren auch in Richtung des Landes. Das ist die Lobbyarbeit und dann gibt es noch die Arbeitsgruppen hier in Ostfriesland. Aus diesen sind schon viele wichtige Ideen entstanden. Die Rauchmelder sind da ein Beispiel. Oder auch die Betonpumpen, die Idee kommt eigentlich auch aus Ostfriesland.
Betonpumpen?
Diekena: Das hat man auch in Fukushima gesehen zum Beispiel: mit Betonpumpen Feuer löschen. Die Idee entstand nach einem Einsatz in Emden. Dort brannten Papierhallen im Außenhafen. Das waren riesige Hallen und man kam mit dem Wasser nur schwer an alle Brandherde heran. Da kam der damalige Bezirksbrandmeister Manfred Ochsler auf die Idee, Betonpumpen einzusetzen. Das sind Lkw mit langen Gelenkarmen. Statt Beton wurde damit Wasser gepumpt. Über den Feuerwehrverband wurde das dann weiterentwickelt und zusammen mit der Ostfriesischen Brandkasse sogar ein spezielles Strahlrohr angeschafft. Bis heute kooperieren wir mit der Betonfirma und nutzen diese Technik, wenn wir sie brauchen. Die Betonpumpe ist zwar keine Drehleiter, aber mit dem Teleskoparm kommt man sehr weit über Gebäude.
Wieso kommen ostfriesische Feuerwehrleute auf so viele Ideen?
Diekena: Das ist der Verdienst der Arbeitsgruppen. Wir sind da in Niedersachsen definitiv Vorreiter. Wir haben für sehr viele Themen Arbeitsgruppen und bringen da auch regelmäßig Informationsmaterial raus und arbeiten auch auf Landesebene an Kampagnen mit. Wir haben jetzt ganz neu eine Arbeitsgruppe Drohnen eingerichtet, auch da sind wir Vorreiter. Und natürlich: Wir haben viele engagierte Feuerwehrleute. Wir haben schon viele Sachen angeschubst.
Welches ist Ihr Herzthema, welches Sie als Präsident des Feuerwehrverbandes Ostfriesland vorantreiben wollen?
Diekena: Das ist etwas, was mit der Bevölkerung zu tun hat. Zunächst habe ich den Eindruck, dass viele nicht wissen, dass bis auf die Hauptamtliche Wachbereitschaft in Emden alle Feuerwehren freiwillig, also ehrenamtlich sind. Der Anspruch der Bevölkerung ist sehr hoch und oft sind alle schlauer als wir. Nicht falsch verstehen: Der Ausbildungsstand der Feuerwehrleute in Ostfriesland ist wahnsinnig gut. Aber es fehlt das Verständnis dafür, dass wir freiwillig sind. Da müssen wir wieder stärker sensibilisieren.
Und vor welchen Herausforderungen stehen die Feuerwehren in Ostfriesland?
Diekena: Die sich verändernde Arbeitswelt. Die Arbeitgeber in Ostfriesland sind in der Regel feuerwehrfreundlich, aber: Die Arbeitsstellen sind immer weiter vom Wohnort entfernt. Auf die Tageserreichbarkeit muss man wirklich achten. Deswegen appellieren wir auch beispielsweise immer an die Kommunen: Wenn dort Stellen frei sind, soll auch gerne in den Reihen der Feuerwehr nach passenden Bewerbern Ausschau gehalten werden. Wir reagieren aber auch auf andere Art und Weise: Tagsüber wird zum Teil anders alarmiert als abends. Dann werden tagsüber beispielsweise gleich zwei oder auch drei Feuerwehren alarmiert, während abends nur eine Wehr alarmiert wird.