Blick ins alte Emden Der Dieter, der Thomas, der Heck
Was haben Roland Kaiser, Costa Cordalis und Dieter Thomas Heck gemeinsam? Sie alle waren vor Jahrzehnten zusammen in der Nordseehalle in Emden. Ein ehemaliger Mitarbeiter erinnert sich.
Emden - Unser Gastautor Matthias Höllings erinnert sich an Begegnungen mit Stars, an kuriose Situationen und mehr aus seiner Zeit in der Nordseehalle. Höllings, der in den Anfangsjahren als Ordner in der größten Veranstaltungshalle Ostfrieslands und später als Pressesprecher der ÖVB-Arena in Bremen arbeitete, erinnert sich noch gut an die Anfänger der großen Veranstaltungshalle.
In dieser Folge geht es zurück in die 1980er Jahre, zu einem der ganz großen Showmaster deutscher Fernsehgeschichte.
1981 vor der Flimmerkiste
Wer 1981 gerne vor der Flimmerkiste gesessen hat, konnte damals zum Beispiel den Start des „Space Shuttle Columbia“ mitverfolgen oder war immer dienstags bei der neuen Serie „Dallas“ dabei, die uns die Familie Ewing mit ihren Sorgen im Öl-Geschäft in unsere Wohnzimmer holte. Das sonstige Weltgeschehen wurde von Showmaster Rudi Carrell in „Rudis Tagesshow“ durch den Satirewolf gedreht. Beim „Grand Prix Eurovision“ belegte 1981 Lena Valaitis in Dublin mit ihrem Lied „Johnny Blue“ den 2. Platz und schrammte knapp am Sieg vorbei.
Von Frau Valaitis bis zu Dieter Thomas Heck mit seiner „ZDF-Hitparade“ ist es nur ein kurzer Weg. Für alle Zuschauer:innen, die bereits damals dem deutschen Schlager huldigten und auf heile Welt standen, war der Dieter, der Thomas, der Heck mit seiner Kultsendung absolutes Pflichtprogramm. Da verwundert es nicht, dass der Meister der seichten Unterhaltung auf die Idee kam, in der sendefreien Zeit mit einigen Sangeskolleg:innen auf Tournee zu gehen. Dabei gastierte die Hitparade auch in der Nordseehalle, in der ich zwar offiziell als Ordner im Backstage-Bereich eingeteilt war, aber im Verlauf der Veranstaltung wurde mein Aufgabengebiet mehr als großzügig ausgelegt. Wer alles an diesem Abend auf der Bühne stand, habe ich mir 1981 nicht notiert, erinnere mich aber noch an ein paar Namen.
Plötzlich der Herr des Nebels
Dieter Thomas Heck führte zwar als Moderator durch die Show, war sich aber nicht zu schade, selber als Interpret in Erscheinung zu treten. Er zog einen zerknitterten Trenchcoat an, schlug den Kragen hoch und wollte gerade vor den Vorhang treten, als ihm auffiel, dass jemand aus seiner Crew fehlte. Er sah mich am Bühnenrand stehen und meinte: „Du musst mir helfen, bitte! Es muss schnell gehen! Ich brauche jemanden für meinen Nebel!“
Tja, und nur einen kurzen Moment später kniete ich vor einer Trockeneismaschine, warf Eis ein und bediente ein paar Klappen. Während das Publikum gespannt auf das Läuten von Big Ben lauschte, taperte Dieter durch meinen gerade erzeugten Londoner Bodennebel. Der Mann im Trenchcoat nahm das Mikro und begann mit den Worten: „Dies ist die Geschichte von Dave Walton...“. Eigentlich hieß der Song: „Es ist Mitternacht, John“, aber diese Zeile kam erst später im Text vor.
Der Walkman von Roland Kaiser
Als ich Heck nach dem Krimi-Song seinen Mantel abnahm und er sich bei mir für meinen Spontaneinsatz bedankte, kam bereits Freddy Breck auf uns zu und wartete, dass er von Herrn Heck angekündigt wurde. Der Sänger begann seinen Auftritt mit „Rote Rosen, rote Rosen sind die ewigen Boten der Liebe“. Das Publikum liebte diesen Mann, der eigentlich Gerhard Breker hieß und von Hause aus Maschinenbauer war. Mit dem Background war er bei dieser Hitparade scheinbar in bester Gesellschaft, denn auch Dieter Thomas Heck war nicht immer Showmaster, sondern in früheren Zeiten Gebrauchtwagenhändler.
Als nächster Gast wurde ein junger Mann in meinem Alter angekündigt, der bereits startklar hinter dem Vorhang neben mir stand. Doch bevor er mit seinem 1977er-Hit „Sieben Fässer Wein (können uns nicht gefährlich sein)“ loslegte, nahm er seinen Kopfhörer ab und drückte ihn mir samt seinem Walkman in die Hand, wohl davon ausgehend, dass ich dafür zuständig sei, da ich immer noch den Mantel von Herrn Heck auf meiner Schulter liegen hatte. Für all jene, die nicht mehr wissen, was ein Walkman ist: Roland Kaiser hatte mir seinen Sony TPS 2 gegeben. Ein Gerät, dass 1979 bei seiner Einführung als „eine körpergebundene Kleinanlage für hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen“ beschrieben wurde.
Costa Cordalis wiederholt sich
Da Rolands Walkman noch eingeschaltet war, setzte ich mir spontan seinen Kopfhörer auf und stellte zu meiner Verwunderung fest, dass ich keinen Schlager, sondern Hardrock von Deep Purple hörte. Roland war nach seinen sieben Fässern Wein mittlerweile bei Santa Maria angekommen, ein Liedtitel, von dem er später verriet, dass es sich dabei eigentlich um den Schiffsnamen von Entdecker Christopher Columbus handelte. Sein Publikum war begeistert und legte wohl bereits hier in Emden den Grundstein für die heutige „Kaisermania“.
Als ich dann später am Abend auf der Bühne hörte: „Ich fand sie irgendwo, allein in Mexico“ und die ganze Halle „Anita“ grölte“, war mir klar, dass es für Dieter Thomas Heck schwer werden würde, Costa Cordalis zügig wieder von der Bühne zu bekommen. Und so kam es auch. Das Publikum tobte vor Begeisterung und Costa sang seinen Hit einfach ein zweites Mal. Damit war an einen pünktlichen Feierabend für mich nicht mehr zu denken, was nicht weiter schlimm war – ich sang einfach mit.