Kaum jemand will zur IGS  Auricher Schulen bereiten Gutachter Kopfzerbrechen

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 24.11.2022 18:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Balance stimmt nicht: Eltern in Aurich schicken ihre Kinder lieber auf die Realschule oder aufs Gymnasium als auf die Gesamtschule. Foto: Reinhardt/dpa
Die Balance stimmt nicht: Eltern in Aurich schicken ihre Kinder lieber auf die Realschule oder aufs Gymnasium als auf die Gesamtschule. Foto: Reinhardt/dpa
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Das Gymnasium und die Realschule werden überrannt, die Gesamtschule blutet aus: Wie kann man diese Situation in Aurich ändern? Der Schulgutachter hat eine harte Nuss zu knacken.

Aurich - Die Auricher Schullandschaft ist aus dem Gleichgewicht geraten: Während das Gymnasium und die Realschule aus allen Nähten platzen, ist die Integrierte Gesamtschule (IGS) Aurich trotz eines nagelneuen Gebäudes in Haxtum nicht ausgelastet. Obwohl sie auf sechs Klassen pro Jahrgang ausgelegt ist, wurden zum laufenden Schuljahr nur 79 Fünftklässler angemeldet. Bei der Realschule waren es fast doppelt so viele (146) und beim Gymnasium mehr als dreimal so viele (245). Eine Befragung der Eltern von Drittklässlern zeigt, dass sich der Trend fortsetzen wird: In Aurich sind das Gymnasium und die Realschule deutlich beliebter als die IGS.

Für Wolf Krämer-Mandeau steht fest: Das muss sich ändern. Der Geschäftsführer der Firma Biregio (Bonn) ist vom Landkreis Aurich beauftragt worden, die Schulentwicklungsplanung fortzuschreiben. Mit Blick auf die Lage in Aurich sagte Krämer-Mandeau am Donnerstag dem Schulausschuss des Kreistags: „Es kann nicht Ihr Ziel sein, dass es so bleibt.“ Dann klang der Schulgutachter fast philosophisch: „Damit es sich ändert, muss man die Demut des Nachdenkens haben.“

Vertrauliche Gespräche geplant

Krämer-Mandeau und die Realschule – da war doch was? Richtig, vor acht Jahren hatte der Wissenschaftler diese Schulform als Auslaufmodell bezeichnet und damit Eltern, Lehrer und den Auricher Rat gegen sich aufgebracht. In den Jahren darauf investierte die Stadt weiter kräftig in die Realschule. Sie ist so beliebt, dass sie Container auf den Schulhof stellen musste, um alle Schüler unterzubringen. Außerdem wurde die Zahl der Klassen auf fünf pro Jahrgang begrenzt, sprich: ein Aufnahmestopp verhängt.

Rückblickend sagt Krämer-Mandeau, er habe mit seiner Prognose richtig gelegen. Es habe in Aurich eine weiterführende Schule zu viel gegeben. Nur sei es eben nicht die Realschule gewesen, sondern die (mittlerweile geschlossene) IGS Waldschule Egels. Doch wie kann es gelingen, die Schülerströme in Aurich umzulenken? Darüber werde er in den kommenden Monaten „in einer sehr geschützten Atmosphäre“ vertrauliche Gespräche mit Vertretern der betroffenen Schulen und der Kreisverwaltung führen, sagte Krämer-Mandeau. Er bat um Geduld. Er brauche Zeit, „um das Thema anzugehen und das Beste daraus zu machen“.

„Das wäre das letzte Mittel“

Die Grünen-Kreistagsabgeordnete Gila Altmann (Aurich) hakte nach. Sie sprach den Schulgutachter auf das Thema Einzugsgebiete an. Die IGS Aurich hat nämlich auch deshalb Probleme, weil Schüler aus Ihlow und Südbrookmerland sie nicht besuchen dürfen. Diese Gemeinden haben jeweils eine eigene IGS. Krämer-Mandeau will an dieser Schraube jedoch möglichst nicht drehen: „Das wäre das letzte Mittel.“ Er halte mehr davon, das Angebot zu verbessern.

Im Gespräch mit der Redaktion legte Altmann nach. Es sei nicht mehr zeitgemäß, dass Eltern der Ort vorgeschrieben werde, an dem ihr Kind zur Schule gehen dürfe. Über die Schulform dürften die Eltern frei entscheiden, über den Ort jedoch nicht. „Die IGS Aurich wird stranguliert.“ Stattdessen müsse es den Schulen ermöglicht werden, in einen Wettbewerb zu treten.

Nord-Süd-Gefälle bei Inklusion

Der Landkreis will die Schulentwicklungsplanung bis Mitte 2023 abschließen. Als Grundlage dient dabei auch eine Elternbefragung. Deren Ergebnisse stellte Krämer-Mandeau in der Sitzung vor. Befragt wurden Eltern von Drittklässlern. Dabei zeigte sich unter anderem: Eltern im Landkreis Aurich halten viel von Inklusion, also dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung an Regelschulen. Bundesweit gebe es ein Nord-Süd-Gefälle, sagte Krämer-Mandeau: In Norddeutschland seien die Eltern in puncto Inklusion wesentlich aufgeschlossener als in Süddeutschland. „Das ist eine Besonderheit Ihres Landes, der Region und der Elternschaft.“ In Bayern und Baden-Württemberg würden Kinder mit Beeinträchtigungen meist an Sonderschulen unterrichtet.

Ein weiteres Ergebnis der Befragung: Die Kooperative Gesamtschule (KGS) Wiesmoor ist bei den Eltern äußerst beliebt. Sie erfährt fast 100 Prozent Zustimmung. Sie biete offensichtlich „alles, was sich Eltern wünschen“, so Krämer-Mandeau.

Der Ganztagsbetrieb der Schulen gewinnt immer mehr an Bedeutung, auch an Grundschulen. Wie schon vor acht Jahren erwähnte der Schulgutachter, dass es im Landkreis Aurich sehr viele kleine Grundschulen gebe. Das erschwere den Ganztagsbetrieb. Eine mögliche Lösung sei die Zentralisierung, also Ganztagsbetrieb nur an einem Standort je Gemeinde.

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