75 Flüchtlinge pro Woche Turnhalle wird im Handumdrehen zur Notunterkunft
Der Landkreis Aurich steht unter Druck. Woche für Woche muss er rund 75 Flüchtlinge unterbringen. Das Bundeswehrgelände spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Aurich - Eine Turnhalle als Notunterkunft: Dieses Szenario wollte der Landkreis Aurich eigentlich vermeiden. Doch der Zustrom von Flüchtlingen aus der Ukraine, aus Afghanistan und anderen Ländern ist so groß, dass es nicht mehr ohne geht. Innerhalb von knapp drei Wochen haben ehrenamtliche Kräfte des Technischen Hilfswerks (THW) aus der Turnhalle auf dem Kasernengelände in Aurich eine Notunterkunft für bis zu 60 Menschen gezimmert.
1600 Quadratmeter Spanplatten, 8000 Schrauben und zwei Kilometer Kabel waren nötig, um aus einer Sportstätte ein Zuhause auf Zeit zu machen. Wer die Halle betritt, hat sofort den Geruch nach frischem Holz in der Nase. Trennwände aus Holz seien etwas wohnlicher als Baugerüste mit Planen, meint Marcel Schäfer. Er leitet das Ordnungsamt des Landkreises Aurich und ist für die Unterbringung von Flüchtlingen verantwortlich.
„Wir starten mit Schweißperlen in die Woche“
Schäfer und seine Kollegen stehen unter Druck. Woche für Woche kommen im Schnitt 75 Menschen in den Landkreis Aurich, die Schutz suchen und ein Dach über dem Kopf brauchen. „Wir starten jeden Montag mit Schweißperlen in die Woche“, sagt Schäfer, „und am Ende sind wir froh, dass wir alle Menschen untergebracht haben.“
Aus den Spanplatten sind kleine Wohneinheiten entstanden, die in der Halle zumindest etwas Privatsphäre ermöglichen. Jeder Raum ist mit zwei Etagenbetten und einem Einzelbett, Spinden, Tisch und fünf Stühlen ausgestattet. Wann dort die ersten Menschen einziehen werden, ist unklar. „Das ist im Moment noch unser Puffer“, sagt der stellvertretende Ordnungsamtsleiter Korwin Davids. Doch es werde wohl nicht mehr lange dauern, bis die Plätze gebraucht werden. Ob eher für Alleinreisende oder eher für Familien, das ist noch offen und hängt von der jeweiligen Lage ab.
Am Deich zur Ruhe gekommen
Knapp vier Kilometer weiter westlich ist die Lage klar: Auf dem Gelände der ehemaligen internationalen Gärten am Extumer Weg steht ein Containerdorf für Familien aus Afghanistan. Die ersten 14 Bewohner sind am Montag eingezogen. Rund 50 werden noch hinzukommen. Es handelt sich um afghanische Ortskräfte, also um Menschen, die in Afghanistan mit den Truppen aus den USA, Großbritannien und Deutschland zusammengearbeitet haben. Für das Taliban-Regime sind sie ein rotes Tuch. In Ostfriesland finden sie Zuflucht.
Bei den neuen Bewohnern handelt es sich um Familien, die zunächst in der ehemaligen Küstenfunkstelle in Utlandshörn bei Norden untergebracht waren. Direkt am Deich, umgeben von Schafen, seien die Menschen zur Ruhe gekommen, sagt Norman Büchter, der die dortige Anlaufstelle leitet. Nun sollen die Menschen in Aurich die Chance auf gesellschaftliche Integration bekommen. Ihre Unterkunft in den Containern ist spartanisch: Etagenbetten und Spinde, Tische und Stühle, getaucht in Neonlicht. Was man für das tägliche Leben braucht, ist da: Waschmaschinen und Trockner, Küchenzeilen und WLAN, Toiletten und Duschen. Betreut werden die Menschen von Mitarbeitern der Kreisvolkshochschule Aurich.
Bis Ende März 1803 weitere Flüchtlinge
2273 ukrainische Flüchtlinge leben derzeit im Landkreis Aurich, 189 afghanische Ortskräfte und 677 sonstige Asylbewerber. Bis zum 31. März kommenden Jahres muss der Landkreis 1803 weitere Flüchtlinge aufnehmen. Die jetzigen Unterkünfte reichen dafür nicht. Ein weiteres Containerdorf muss her. Wo es stehen wird, ist noch unklar.
Dem Kasernengelände kommt bei der Unterbringung von Flüchtlingen eine Schlüsselrolle zu. Im August hatte sich die Kreisverwaltung nach einigem Hin und Her mit der Stadt Aurich und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) geeinigt, dass er Teile der leerstehenden Blücher-Kaserne nutzen kann. „Das ist ein Glücksfall“, sagt Keno Wessels, der mit der Herrichtung des Kasernengeländes betraut ist.
Ein Gebäude wird zum Dorf
Momentan lässt der Landkreis das Divisionsgebäude und zwei Unterkunftsgebäude ertüchtigen. Voraussichtlich Anfang kommenden Jahres können die ersten Menschen in das Divisionsgebäude einziehen. Dort finden bis zu 600 Personen Platz – ein ganzes Dorf. Der Umbau läuft seit zweieinhalb Monaten.
Er steckt voller Herausforderungen, wie Wessels erläutert. Die Stromversorgung muss völlig neu konstruiert werden. Das Gebäude erhält eine eigene Trafostation und neue Leitungen. Zu Bundeswehrzeiten befanden sich dort Büros und Schlafräume für Soldaten. Künftig müssen über das Stromnetz 40 Kochstellen und 160 Kühlschränke gespeist werden. Jede Familie soll je einen eigenen Raum zum Wohnen und Schlafen erhalten. Küchen und Sanitärräume werden geteilt. Stahlträger müssen eingezogen werden, damit die Böden die vielen Waschmaschinen tragen können.
Wessels lobt die beteiligten Handwerksfirmen: „Die machen vieles möglich und ziehen alle an einem Strang.“ Klaglos werde auch am Wochenende gearbeitet. Allerdings kennen auch Kriminelle keinen Feierabend. Der Sicherheitsdienst sei neuerdings rund um die Uhr im Einsatz, sagt Wessels. Aus den beiden Unterkunftsgebäuden hätten Unbekannte Duscharmaturen aus Edelstahl gestohlen. Manche Leute können alles gebrauchen.