Düsseldorf  Piet Mondrian und ein abstraktes Bild, das auf dem Kopf hängt

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 21.11.2022 17:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Bilder „New York City I“ (l, 1941) und „Bosch (Wälder): Wälder bei Oele“ (1908) des Künstlers Piet Mondrian sind in der Ausstellung „Mondrian. Evolution“ in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 zu sehen. Foto: dpa
Die Bilder „New York City I“ (l, 1941) und „Bosch (Wälder): Wälder bei Oele“ (1908) des Künstlers Piet Mondrian sind in der Ausstellung „Mondrian. Evolution“ in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 zu sehen. Foto: dpa
Artikel teilen:

Ob ein Bild auf dem Kopf hängt oder nicht – Piet Mondrian ist der Maler des Absoluten. Aber was sagt uns heute noch eine Avantgarde, die im letzten Jahrhundert das alltägliche Leben überwinden wollte?

Das Bild hängt schief! Ob die Düsseldorfer Kuratorinnen Piet Mondrians berühmtes Klebestreifenbild „New York City 1“ (1942) mit den Augen von Loriot gesehen haben? Viel schlimmer: Das Bild, ein Stolz der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, hängt nicht einfach schief, sondern wohl seit Jahrzehnten auf dem Kopf.

Das fand Kuratorin Susanne Meyer-Büser heraus, als sie die Mondrian-Schau im Hause vorbereitete. Die Ausstellung hat mit dieser Entdeckung ihren ebenso publikumswirksamen wie fatalen Werbeeffekt. Denn zeigt der Fund nicht gerade auf, dass dieser Moderne und ihrem Perfektionsanspruch ohnehin nie zu trauen war? Mondrian, ein Scharlatan von Gnaden des rechten Winkels: Wussten wir es nicht schon immer?

Aber gibt es ein Oben und Unten in der Unendlichkeit? Wie andere Klassiker der konstruktiven Kunst experimentierte Piet Mondrian (1872-1944) mit seinen Bildern, kippte vor allem Quadrate auf ihre Spitze oder drehte Formate um. Sein Perfektionsspiel mit Dreieck und Quadrat sowie den Primärfarben Gelb, Blau und Rot hatte in jeder Konstellation zu funktionieren.

Mondrians Ziel war nicht weniger als der Durchbruch zum Absoluten, zu Bildern, die das Leben nicht einfach nur reformieren, sondern dessen Alltag und Erdenschwere überwinden sollten. Ob sie das geschafft haben? Auf jeden Fall haben sie ihren Schöpfer hinter sich gelassen. Mondrians rote und blaue Quadrate erkennt jeder, sein Bild in einem Porträt nur wenige.

Auf dem Foto, dass nun im Entree der Düsseldorfer Ausstellung zu sehen ist, hält Mondrian sogar die Zigarette exakt im rechten Winkel zu seinem Körper. Mondrian: Er war der menschenscheue Predigersohn aus dem niederländischen Amersfoort, der Geometriepurist und Kunstasket, dessen Atelier in der Pariser Rue du Départ, das er von 1920 bis 1936 bewohnte, als begehbares Kunstwerk berühmt wurde. Diese Kabine in Rot und Blau, Winkeln und Graden war, wie die ganze Kunst Mondrians, zum Frösteln perfekt. Hier könne man ja keinen Sex haben, soll eine russische Gräfin beim Besuch von Mondrians Atelier ausgerufen haben.

Die Träume, die Piet Mondrian und andere Künstler dieses Stils mit ihren Bildern verbunden haben, sind ausgeträumt. Mondrians Kunst wirkt trotzdem weiter – so sehr, dass auch die Düsseldorfer Ausstellung für das Publikum funktioniert, ohne eine wirkliche Fragestellung zu entfalten oder ein überraschendes Thema aufzuwerfen.

„Evolution“: Der Titel klingt neu, das Thema der Ausstellung ist es nicht. Die modifizierte Übernahme aus der Fondation Beyeler in Basel zeigt noch einmal jene Entwicklung Mondrians von gegenständlichen Motiven zur Abstraktion, die sattsam bekannt ist. Dieser Kippeffekt dürfte niemanden mehr überraschen.

Das ändert natürlich nichts daran, dass die Bilder von erlesener Qualität sind. Ob der gegenständliche „Leuchtturm in Westkapelle“ von 1910 oder die „Komposition in Blau und Weiß“ von 1936, die als Paar der Vertikalen den Parcours eröffnen – immer markiert ein Bild von Mondrian höchstes Niveau. Keine Landschaft, kein Bauernhof sind als Motiv zu banal, um nicht das Gefühl für eine höhere, ja spirituelle Ebene durch diese Malerei verheißungsvoll schimmern zu lassen.

Als Künstler gehört Piet Mondrian in die Kategorie der Hohepriester. Womöglich beeindruckt das gerade heute wieder. Mondrians strenge Kompositionskunst verspricht meditative Ruhe und Übersicht – mitten in einer Welt, die gerade wieder im Chaos zu versinken droht.

Kuratorin Susanne Meyer-Büser arrangiert Mondrians Weg vom Gegenstand zur Ungegenständlichkeit ebenso elegant wie überraschungsfrei. Natürlich sind Mondrians Bilder vom Apfelbaum dabei, die neben einer Stier-Serie Pablo Picassos immer wieder als Lehrbeispiele dafür zitiert werden, wie Abstraktion im 20. Jahrhundert funktioniert. Sicher, Mondrian gibt sich nicht damit zufrieden, eine Kunst als Kondensat aus Wirklichkeit zu destillieren. Er geht den Schritt weiter zur absoluten Reinheit der Geometrie.

Seine Bilder sind Mythen geworden. Wie sehr, das war gerade bei den Herbstauktionen in New York zu beobachten. Mondrians „Composition No. II“ aus dem Jahr 1930 ging bei Sotheby´s für 51 Millionen Dollar (umgerechnet rund 49 Millionen Euro) an einen Bieter aus Asien – wo auch sonst.

Die Entdeckung, dass ein Düsseldorfer Mondrian lange auf den Kopf gedreht worden war, ändert an solchen Rekorden nichts. Im Gegenteil. Viel interessanter ist an dem Düsseldorfer Bild „New York City 1“, dass es als Komposition aus Leinwand, Farbe und Papierstreifen so sichtbar zerschlissen ist. Auch Mondrians Purismus altert still vor sich hin. Wer hätte das gedacht, von einer Kunst, die frei sein sollte von allen Drangsalen des Lebens und seiner Zeitlichkeit.

Düsseldorf, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K 20: Mondrian. Evolution. Bis 12. Februar 2022. Di.-Fr., 10-18 Uhr, Sa., So., 11-18 Uhr.  

Ähnliche Artikel