Berlin Karoline Herfurth: „Weihnachtsgeschenke? Es ist der Horror!“
Im Kino hat Regisseurin und Schauspielerin Karoline Herfurth gerade „Einfach mal was Schönes“ angerichtet. Was an Weihnachten auf den Tisch kommt, verrät sie im Interview.
Unerfüllte Kinderwünsche, enttäuschte Ehen und ein beschädigtes Mutter-Tochter-Verhältnis: In der Tragikomödie „Einfach mal was Schönes“ erzählt Karoline Herfurth von den Abgründen des Familienlebens. Im Interview berichtet sie vom Set – und von der alljährlichen Bewährungsprobe in ihrer eigenen Patchwork-Familie: dem Weihnachtsfest mit der gesamten Verwandtschaft.
Frage: Frau Herfurth, Ihr letzter Film hieß „Wunderschön“, der aktuelle „Einfach mal was Schönes“. Welchen Titel kriegt der nächste: „Manche mögen‘s schön“ vielleicht? „Mein wunderbarer Schönheitssalon“? „Leben und Sterben in Oberschöneweide“ oder einfach „Schön und schöner“?
Antwort: „Manche mögen‘s schön“ finde ich toll, allein wegen der Reminiszenz.
Frage: Weil Sie Billy Wilder lieben?
Antwort: Vor allem liebe ich Billy Wilders „Manche mögen‘s heiß“. Das war früher einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Wir hatten damals nicht so viele VHS-Kassetten; das war eine davon und ich habe ihn bestimmt zwölfmal gesehen. Schönheitssalons sind nicht so mein Bereich; da bin ich raus. „Leben und Sterben in Oberschöneweide“ wäre wieder ein Mega-Titel; in Oberschöneweide bin ich zur Schauspielschule gegangen. Es kann auch Niederschöneweide gewesen sein. Vielleicht funktioniert der Titel jenseits von Berlin aber nicht mehr so gut. „Schön und schöner“ brauchen wir nicht; das Thema habe ich mit „Wunderschön“ bereits durchgespielt.
Aktuell im Kino: Karoline Herfurths Tragikomödie „Einfach mal was Schönes“
Frage: Wie entwerfen Sie Ihre Filmtitel?
Antwort: Im Fall von „Einfach mal was Schönes“ war er einfach da. Ich wollte das Wort „schön“ eigentlich nicht wieder aufgreifen. Aber im Drehbuch sagt die jüngste der Schwestern, von denen der Film handelt: „Ich wünsch‘ mir doch einfach mal was Schönes“ – und die ältere Schwester greift es dann ironisch auf. Damit steckt für mich alles drin, was unser Film über Familie erzählen will. Die Titel sollen aber nicht aufeinander bezogen sein; es ist auch keine Trilogie geplant. Jeder Film steht für sich.
Frage: Ein Titel für beinahe alle Ihre Filme könnte auch „Schön und Tschirner“ sein. Weil Nora Tschirner immer mit dabei ist. Wieso ist sie so wichtig für Sie?
Antwort: Nora kann einfach sehr präzise, tief und auf den Punkt spielen. Man sieht alle Gedanken, die ihre Figur in einer Szene hat. Sie spielt immer die gesamte Dimension einer Figur mit. Das beeindruckt mich wirklich. Darüber hinaus ist sie eine der visionärsten Personen, die ich kenne – und mir gedanklich immer einen Schritt voraus. Und weil der Austausch mit ihr so inspirierend für mich ist, ist es einfach ein großer Genuss, sie immer wieder als Sparringspartnerin an meiner Seite zu haben.
Frage: Gibt es eine Rolle von Nora Tschirner, die Sie selbst gern gespielt hätten?
Antwort: Nein. Dann wäre es ein anderer Film geworden. Und ich fände es schade um den Nora-Tschirner-Film, den ich dann verpasst hätte.
Karoline Herfurth im Interview: Mein Hund Balu hat Angst und ständig Durchfall
Frage: Die Rollen, die Sie sich wünschen, können Sie sich inzwischen sowieso selbst schreiben. War das ein Grund für den Wechsel in die Regie?
Antwort: Überhaupt nicht. Ich habe nie geplant, in die Regie zu gehen. Der Verleihchef Willi Geike hatte mir das angeboten, und jetzt macht es mir ungeheure Freude. Die Rollen sind ein Nebeneffekt davon; aber vor allem erfüllt mich, dass ich die Figuren und ihre Geschichte als Co-Autorin und Regisseurin jetzt über zwei Jahre begleiten kann, vom Drehbuch bis zur Premiere. Ich glaube aber nicht, dass es sonst keine spannenden Rollen geben würde.
Frage: Zu den Instagram-Gags, mit denen Sie Ihren neuen Film bewerben, gehört ein „Tinder-Karaoke“; da lesen Sie mehr oder weniger geglückte Flirt-Sprüche vor …
Antwort: Dass Sie ausgerechnet über meinen Instagram-Account auf das Thema Tinder kommen, verblüfft mich. Ich habe von Tinder überhaupt keine Ahnung. In meinem Umfeld gibt es allerdings extrem viele Leute, die Tinder sehr gern nutzen und darüber auch ihre Partner gefunden haben.
Frage: Wirklich? Ich dachte, in Ihrem Umfeld nutzen alle dieses geheimnisvolle „Promi Tinder“, von dem ich immer in der „Bild“ lese.
Antwort: Ich wäre grundsätzlich skeptisch bei Dingen, die in der „Bild“ stehen. Mir sind Dating-Apps jedenfalls alle fremd, egal ob es Tinder ist oder ein angebliches Promi-Tinder.
Frage: Was sind Ihre Dating-Erfahrungen? Haben Sie ähnlich fatale Szenen erlebt, wie Sie sie im Kino schildern?
Antwort: Ich hab in meinem Leben eigentlich nie sehr viel gedatet. Überhaupt nicht, ehrlich gesagt. Oder ich habe es verdrängt. Mir fällt nur ein einziges misslungenes Date ein; aber, wenn ich Ihnen das schildere, hören Sie nur meine Version. Ist das nicht unfair? Ich würde, glaube ich, ungern einseitig über schlechte Dates sprechen. Das kann ich nicht. Das wäre gemein.
Frage: In Ordnung! Wie inszenieren Sie, selbst vom Schauspiel kommend, als Regisseurin jetzt andere Schauspieler?
Antwort: Ich versuche, mit meinem Team eine Atmosphäre herzustellen, in der sich jeder wohlfühlen kann. Schauspieler müssen sich öffnen können; dafür muss man sich sicher fühlen. Und ab dann sind alle Kolleginnen und Kollegen unterschiedlich. Manche wollen mehr Input, manche eher nicht. Ich versuche, mich auf solche Bedürfnisse einzustellen. Im Unterschied zu den Schauspielern beschäftige ich mich mit den Figuren und ihrer Geschichte als Co-Autorin natürlich schon viel länger. Dadurch habe ich manchmal ein sehr genaues Bild im Kopf; das kann helfen, aber auch einengen. Also muss ich immer wieder die Balance finden. Gutes Schauspiel lebt von kreativen Impulsen und Intuitionen; meine Aufgabe ist es, den Raum dafür freizumachen.
Frage: Wenn Sie jede Gage der Welt zahlen könnten – mit wem würden Sie gern drehen?
Antwort: Ach, da ist die Liste lang. Aber tatsächlich gibt es auch ganz viele Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich die Arbeit gern vertiefen würde. Ich finde es total schön, sich wiederzubegegnen – weil ich glaube, dass der vertraute Boden dann noch stärker wird. Und es macht Spaß, sich in neuen Rollen neu zu erleben. Ein paar Kolleginnen begleiten mich seit dem Kurzfilm, bei dem ich zum ersten Mal Regie geführt habe. Und mein großer Traum ist es, dass wir alle zusammen eine Serie machen. Ich wünsche mir eine Bühne, wo die mir vertrauten ihr ganzes Können ausspielen können.
Frage: Wovon handelt die Serie, die Ihnen vorschwebt?
Antwort: Was mich wirklich extrem reizen würde, wäre mal ins Fantastische zu gehen. Aber um das international konkurrenzfähig hinzukriegen, braucht man in diesem Genre ein enormes Budget. Es ist ein schwer erfüllbarer Wunschtraum. Und wissen Sie, was ich noch gern machen würde: singen! Ein Musical würde ich sehr gerne drehen. Ich weiß nicht, ob das als Serie funktioniert – aber ich liebe das.
Nackt am Set: Karoline Herfurth hat Text über ein Tabuthema geschrieben
Frage: Haben Sie mal in einer Rolle gesungen?
Antwort: Gar nicht. Da wird mir immer abgeraten. Zu singen wurde mir nicht in die Wiege gelegt; aber beim Film kann man ja tricksen.
Frage: Und es kann doch sogar berührend sein, wenn ein Schauspieler gerade keine ausgebildete Gesangsstimme hat.
Antwort: So wie Pierce Brosnan in „Mamma Mia“ zum Beispiel; der konnte es nicht so richtig und war trotzdem sehr charmant. Colin Firth genauso; der singt okay – aber nicht so wie Ewan McGregor in „Moulin Rouge“. Oder Hugh Jackman, Zac Efron und Zendaya in „Greatest Showman“: Die spielen und singen umwerfend. Ich bin nicht sicher, ob ich in meinem eigenen Fall mit dem „Mamma Mia“-Charme zufrieden wäre. Da bin ich wohl doch eher die „Greatest Showman“-Fraktion. Ich würde vorher ins Gesangstraining gehen. Deshalb macht man so was ja auch – um endlich einen Grund für Gesangsstunden zu haben.
Frage: Haben Sie aus so einem Grund schon mal einem Projekt zugestimmt? Weil Sie zum Beispiel Lust hatten, für eine Pilotenrolle den Flugschein zu machen?
Antwort: Das gerade nicht; ich habe ja massive Flugangst! Ich wähle Filme nicht unbedingt danach aus, aber bestimmte Dinge begleiten mich schon sehr lange: Pferde gehören dazu, der Zirkus. Wenn es da Angebote für mich gäbe, gucke ich sie mir auf jeden Fall genau an.
Frage: Im nächsten Jahr feiern das deutsche Kino zehn Jahre „Fack ju Göhte“. Haben Sie aus der Zeit Fertigkeiten mit in ihre eigene Regie-Arbeit genommen? Oder funktioniert der Humor von Bora Dagtekin nur in seiner eigenen Welt?
Antwort: Es ist nicht so, dass ich mir etwas abgucke. Das geht nicht, glaube ich. Humor ist Intuition. Und wenn es funktioniert, wenn in Test-Screenings oder auf der Premiere dann wirklich gelacht wird, atme ich tief durch. Es ist aber keine Frage irgendeiner Technik, die ich übernehmen könnte. Und Sie haben Recht: Bora hat eine ganz eigene Tonalität und ist für mich total visionär und wie ein Genie. Es war ein Fest für mich, Teil dieser Geschichte zu sein. Und auch, ihn jetzt als Freund zu haben: Er liest meine Bücher, er guckt meine Filme und hilft mir mit seinem Rat. Bei „SMS für dich“ war das ganz intensiv.
Frage: War das nicht die Regie-Arbeit, für die Sie seinen dritten „Fack ju“-Film abgesagt haben?
Antwort: Nein, das war mein Film danach: „Sweethearts“. Manchmal ist es eben so: Wenn man zum einen Ja sagt, muss man zum anderen Nein sagen. Ich liebe die ganze „Fack ju“-Truppe sehr und finde es schade, dass ich im dritten Teil nicht dabei sein konnte. „Fack ju Göhte“ bedeutet mir sehr viel. Aber ich liebe auch meinen eigenen Film „Sweethearts“. Ehrlich gesagt ist er mir von meinen Filmen der liebste. Aber es war definitiv keine leichte Entscheidung.
Frage: Frau Herfurth, auf Instagram haben Sie gepostet: „Bald ist Weihnachten!“ – und zwar vor mehr als zwei Monaten. Was steckt dahinter: eine sehr ungeduldige Vorfreude oder blanke Panik?
Antwort: Eigentlich wollte ich nur einen Witz darüber machen, dass das Licht auf einem Foto so weihnachtlich war. Zu meinen Weihnachtsgefühlen muss man wissen: Ich habe eine sehr große Patchwork-Familie. Jeder einzelne davon und auch sehr viele meiner Freunde haben zwischen September und Februar Geburtstag. Sobald es früher dunkler wird, weiß ich: Mist, jetzt muss ich mich dringend um die Geschenke kümmern, sonst werde ich nicht mehr fertig. Es sind mindestens dreißig verschiedene Geschenke, nein, halt, es sind sogar noch mehr. Es ist der Horror!
Frage: Wo stehen Sie gerade in der Vorbereitung?
Antwort: Ein paar Geburtstage sind schon vorbei. Und wenn es eng wird und ich eine gute Entdeckung gemacht habe, gehe ich es auch gern inflationär an. Dann kriegen mehrere Leute dasselbe. Was ich auch mache: Spenden verschenken. Ich spende und meine Familie kriegt dann die Spendenbescheinigung. Wir sind viele; da kommt also ganz schön was zusammen. Trotzdem: Ich liebe Weihnachten und das ganze Drumherum, die Einkehr, die Ruhe, Plätzchen, Kerzen, das dänische Hygge-Gefühl.
Frage: Haben Sie ein weihnachtliches Ritual? Raclette? Kartoffelsalat? Noch einmal mit den Schulfreunden in die Jugenddisko?
Antwort: Wir haben einen Feiertag für die gesamte riesige Patchwork-Familie reserviert; und da bin auch manchmal ich es, die die Gans zubereitet. Das ist ja auch gar nicht so schwer: Äpfel rein, Rotkohl, Grünkohl, fertig. Je einfacher, desto besser.
Frage: Grün- und Rotkohl? Beides?
Antwort: Es muss ja reichen. Wir sind eine große Familie. Um die 25 Personen, davon viele große Brüder, die eine ganze Menge essen. Wir machen auch immer gleich zwei Gänse.