Alles Kultur  Dafür feier ich den Film!

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 21.11.2022 09:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Montags geht es hier immer um Kultur. Heute geht es um die Frage, ob wir uns in Krisenzeiten noch schick machen und Preise verleihen sollten.

Senta Berger hat mir letzte Woche gesagt, sie fände mein Kleid schön und meine Moderation richtig gut. Mir wurden sofort die Knie weich. Doch ich konnte nicht riskieren, noch weiter nach unten zu sacken, denn ich war bereits in die Knie gegangen, weil ich sehr groß bin und Frau Berger... nicht. Hier kann man wirklich mal sagen, dass die innere Größe dieser Frau mich ganz schön geplättet, gar in die Knie gezwungen hat. Ich überschlug mich in Komplimenten, die sie nur damit kommentierte, ich solle die Übertreibungen bitte auf der Bühne lassen. Und ich träume jetzt noch davon, dass Senta Berger mir damit zu verstehen geben wollte, dass wir uns hier auf irgendeiner Augenhöhe unterhalten würden. Sie sagte dann auch, ich solle mich nicht ständig so klein machen, sondern aufrecht stehen. Für diese Momente liebe ich meinen Beruf!

Ich durfte den Filmpreis des 36. Internationalen Film Festivals in Braunschweig moderieren. Frau Berger bekam die „Europa“ an dem Abend für langjährige herausragende darstellerische Leistungen und Verdienste in der europäischen Filmkultur.

Ich bin eigentlich nie aufgeregt, wenn ich auf die Bühne gehe, ich weiß, was ich kann und was nicht. Hier scheine ich das im Vorfeld aber „vergessen“ zu haben, doch zum Glück dauerte es nur exakt drei Minuten, bis mir das auf der Bühne wieder einfiel und ich dachte: „Ach, ja! Das hier ist ja mein Wohnzimmer, was soll denn hier schiefgehen.“ Das Wohnzimmer hieß an dem Abend Staatstheater Braunschweig.

Doch dürfen, nein besser, sollten wir in diesen Zeiten der Unsicherheiten uns schick machen und hoch dotierte Preise verleihen? Film bildet nicht nur Realität und Fiktion ab, sondern bildet Empathie. Und die ist wohl das größte Werkzeug der Kriegsvermeidung und Friedenssicherung. Können Filme also die Welt verändern? Vielleicht nicht, aber sie können uns Welten aufzeigen, von Horrorszenarien bis glückselig machenden Utopien. Sie zeigen uns Held*innen, denen wir nacheifern wollen und uns vielleicht zum Umdenken und Handeln bringen. Dafür feier ich den Film!

Kontakt: kolumne@zgo.de

Zur Person

Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.

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