Bestattungskultur im Wandel Sie redet, wenn anderen die Worte fehlen
Immer mehr Menschen werden ohne geistlichen Beistand bestattet. Freie Trauerredner würdigen dann die Toten. Eine junge Emderin betrachtet das als ihre Berufung.
Emden - Sie wird gerufen in Momenten tiefster Trauer. Zum Mann, der seine Frau nach langer Krebserkrankung verabschieden muss, oder zu Eltern, die gerade ihren Sohn verloren haben. Sarah van Detten-Preuß spricht mit den Angehörigen über die Toten. Intensiv. Sie versucht, möglichst viel zu erfahren über den Verstorbenen, dessen Eigenschaften, Vorlieben, Leidenschaften und Besonderheiten. Denn sie hält die letzte Rede. Die 32-Jährige aus Emden ist freie Trauerrednerin und gestaltet weltliche Bestattungen, wie sie bundesweit zunehmend nachgefragt werden.
Was und warum
Darum geht es: Um neue Bestattungsformen und den Wunsch vieler Menschen nach mehr Individualität
Vor allem interessant für: Menschen, die sich mit dem Tod auseinandersetzen oder mit dem Tod auseinandersetzen müssen
Deshalb berichten wir: Anlässlich des Totensonntags haben wir ein langes Gespräch mit der noch jungen und freien Trauerrednerin Sarah van Detten-Preuß aus Emden geführt. Dazu haben wir auch Kirchen nach deren Meinung gefragt. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
Ihren Entschluss, sich als Trauerrednerin ausbilden zu lassen, fasste sie vor etwa drei Jahren, nachdem sie an einer Beerdigung teilgenommen hatte. „Die war mir zu unpersönlich“, sagt die Emderin. Ähnliche Erfahrungen habe sie zuvor auch bei Trauerfeiern für die eigene Oma, den Opa und andere Verwandte gemacht: „Die waren zwar alle würdevoll, aber zu wenig auf die Verstorbenen bezogen.“ Das wollte sie ändern.
Sie beschreibt das Leben in Bildern
„Ich habe mich zunächst schlau gelesen“, sagt die 32-Jährige. Die Ausbildung zur zertifizierten Trauerrednerin absolvierte sie schließlich in einem vierwöchigen Online-Kursus einer Trauerredner-Agentur. Mittlerweile betrachtet sie diese Aufgabe als Berufung.
Ungefähr 35 Minuten lang rede sie jeweils bei Bestattungen nur über die Verstorbene oder den Verstorbenen. Wie sie so waren, was sie mochten, was sie erlebt haben. Sie verwende dafür ausschließlich Bilder. „Wenn es ein Gartenfreund oder eine Gartenfreundin war, beschreibe ich auch den Garten, den Grillplatz und die Pflanzen“, sagt sie. Für einen verstorbenen Naturfreund und Kanada-Fan habe sie einmal das Ahornblatt aus der Flagge des Landes als Metapher genommen. „Die Bilder bleiben noch Jahre in den Köpfen, während Worte schnell vergessen sind“, sagt Sarah van Detten-Preuß.
Im Hauptberuf am Band bei Volkswagen
Ein mulmiges Gefühl kenne sie vor dem Gespräch mit den Hinterbliebenen nicht. Sie sei vielmehr „gespannt auf die Geschichte und das Leben der Verstorbenen“. Auf der Fahrt nach Hause habe sie die Bilder und die Rede quasi schon im Kopf. Dennoch feile sich später noch Stunden daran.
Mit ihrem Hauptberuf hat das Schreiben von Trauerreden nichts zu tun. Die Emderin arbeitet als Industriemechanikerin am Band bei Volkswagen. Derzeit ist die verheiratete Mutter eines zweijährigen Sohnes in Elternzeit. „Mein größter Wunsch ist es, mich als Trauerrednerin selbstständig zu machen“, sagt sie. Dafür müssten aber mehr Aufträge kommen.
Die Nachfrage nach Trauerrednern wächst
Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Denn die Nachfrage nach Trauerrednern wächst seit Jahren. Tatsächlich werden immer weniger Bestattungen in Deutschland von evangelischen oder katholischen Geistlichen begleitet, wie der Verein Aeternitas, die Verbraucherinitiative Bestattungskultur, in diesem Jahr festgestellt hat.
Demnach ist im Jahr 2020 deutschlandweit nicht einmal mehr die Hälfte der Bestattungen kirchlich gewesen. 2019 betrug der Anteil der katholischen und evangelischen Bestattungen demzufolge 52,1 Prozent. Im Jahr 2000 waren es noch 71,5 Prozent.
Das Bestattungswesen wandelt sich tiefgreifend
Aeternitas wertet diese rückläufigen Zahlen kirchlicher Bestattungen als einen weiteren Beleg für einen „tiefgreifenden Wandel, dem das Bestattungswesen in den letzten Jahrzehnten unterliegt“. Dies zeige unter anderem auch der Trend zur Feuerbestattung. Über 70 Prozent der Verstorbenen werden mittlerweile hierzulande eingeäschert, vor 30 Jahren betrug der Anteil weniger als ein Drittel. Diesen Zahlen liegen laut der Verbraucherinitiative Statistiken der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland zugrunde.
Sarah van Detten-Preuß, die ihre Dienste von Ostfriesland bis Bremen anbietet und meistens über Bestatter gebucht wird, spricht nicht von einer Trauerfeier und einer Trauerrede, sondern von der „Lebensfeier“ und der „Lebensrede“ . Denn der Fokus liege weniger auf dem Sterben und den Verlust, als auf der Erinnerung an das, was den Menschen ausgemacht habe. Lustige Anekdoten gehörten auch dazu: „Man darf auch schmunzeln.“
Bei Kleidung, Musik und Ritualen frei
Die Emderin hat die Erfahrung gemacht, „dass die Menschen freier und offener in der Gestaltung der Lebensfeier sein wollen“. Angefangen vom Kleidungsstil, über die Musik bis hin zu Ritualen und Dekorationen. Das sei auch der Grund, warum immer häufiger freie Trauerredner engagiert werden: „Viele wünschen sich für einen geliebten Menschen eine Lebensfeier, die viel persönlicher, individueller, echter und auf die verstorbene Person abgestimmt ist.“
Die Religion beeinflusse ihre Arbeit nicht, sagt die 32-Jährige. Sie selbst gehöre keiner Kirche mehr an, glaube aber, „dass es nach dem Tod etwas gibt“. Wenn aber für die „Lebensfeier“gewünscht werde, dass zum Beispiel ein Gedicht, ein Gebet oder etwas eingebaut werden soll, was einer Religion entspreche, komme sie dem selbstverständlich nach.
Die ständige Konfrontation mit dem Tod
Die Kraft dafür, häufig mit dem Tod konfrontiert zu werden, schöpft sie aus der Leidenschaft für ihre Tätigkeit. „Ich liebe, was ich mache, und dadurch ergibt sich bei mir persönlich von ganz allein die Kraft für diesen Beruf“, so die Emderin. In die Geschichten der Verstorbenen einzutauchen und dabei die Hinterbliebenen lächeln zu sehen, gebe ihr ebenso Kraft wie die „Erleichterung“ der Angehörigen, sich nach dem Trauergespräch sicher und verstanden zu fühlen. Erfahrungen mit Menschen, die ihre eigene Trauerfeier planen, hat die 32-Jährige noch nicht. „Ich bin aber für jeden da, der es sich wünscht, mit mir als Trauerrednerin zu sprechen“, sagt sie.
Ihre eigene „Lebensfeier“ stellt sich die Trauerrednerin „bunt und liebevoll, aber vor allem echt und persönlich“ vor. Sie würde sie sich „am liebsten im eigenen Garten in der Dämmerung mit vielen Kerzen und im Feuerschein“ wünschen. „Ich würde mir auch wünschen, dass meine geliebten Menschen in freundlichen Farben kommen und mich so wie die gemeinsame Zeit, die wir hatten, feiern“, fügt sie hinzu. Mit ihrer Lieblingsmusik, einem Trauerritual und einer Lebensrede, die zu ihr passe. Beigesetzt werden möchte sie einmal per Seebestattung im engsten Familien- und Freundeskreis.
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