Zukunft des Torfabbaus Warum „Torffrei aus Niedersachsen“ nicht für Wiesmoor gilt
Im Koalitionsvertrag der neuen rot-grünen Landesregierung steht, das Land verzichte auf die Nutzung von Torf. Dennoch wird bei Wiesmoor weiter Torf abgebaut. Warum?
Wiesmoor/Aurich - „Das Land verzichtet auf die Nutzung von Torf.“ So steht es eindeutig im Koalitionsvertrag der neuen rot-grünen Landesregierung. Da stellt sich die Frage, wie es mit dem Torfabbau bei Wiesmoor und dem laufenden Antragsverfahren für eine weitere etwa 100 Hektar große Fläche mit 1,2 Millionen Kubikmeter abzubauendem Torf weitergeht.
Moore in Niedersachsen
Rund 70 Prozent der bundesdeutschen Hochmoore liegen in Niedersachsen. Durch die Entwässerung dieser Feuchtgebiete entweicht CO2. Außerdem entfällt ein wertvoller Speicher für das Treibhausgas. Entwässerte Moore verursachen aktuell rund 20 Prozent der Klima-Emissionen in Niedersachsen. Die Urbarmachung der Moore war eine Kulturleistung im staatlichen Auftrag. Die Klimakrise erfordere nun aber „eine erneute Transformation der Moorbodennutzung“, heißt es im Koalitionsvertrag der rot-grünen Landesregierung. Nach dem Vorbild des Niedersächsischen Weges wolle man im Dialog mit Kommunen, Landwirtschaft, Naturschutz und Wasserschutz diese Zukunftsaufgabe angehen.
Mit einem Label „Torffrei aus Niedersachsen“ will die Landesregierung die Vermarktung klimafreundlicher Blumenerden und torffrei produzierter Topf- und Jungpflanzen von regionalen Betrieben unterstützen. „Wir erarbeiten einen Ausstiegsplan für die Verwendung von Torf im privaten Bereich und im Erwerbsgartenbau“, heißt es im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen. Man werde mit den Torfabbau-Unternehmen verhandeln, um bestehende Abbaugenehmigungen nicht mehr zu nutzen.
Rund 100 Hektar große Fläche bei Marcardsmoor
Beim Landkreis Aurich liegt ein Torfabbau-Antrag für die rund 100 Hektar große Fläche „Düvelshörn“ bei Marcardsmoor seit etwa einem Jahr vor. Im Juni hat es dazu ein Anhörungsverfahren gegeben, bei dem Stellungnahmen und Bedenken vorgetragen wurden. In den Entscheidungsprozess hinein greift nun der Koalitionswechsel in Hannover mit der klaren Abkehr vom Torfabbau.
„Der Koalitionsvertrag hat bisher keinen Eingang in die Gesetzgebung des Landes Niedersachsen gefunden“, heißt es dazu auf Anfrage von der Genehmigungsbehörde beim Landkreis Aurich. Will sagen: Das Genehmigungsverfahren läuft erst mal weiter. Ob einzelne Bedenken und Stellungnahmen zu dem Vorhaben hierbei einfließen, lässt der Landkreis wegen des „laufenden Verfahrens“ offen. Bis Ende dieses Jahres soll es einen Beschluss geben, „grob anvisiert“, so Kreissprecher Nikolai Neumayer.
Torfabbau im „Düvelshörn“ ausnahmsweise zulässig
Das Thema besitzt eine gewisse Brisanz, wie auch die jüngste Diskussion im Auricher Kreistag zeigte. Ein Antrag, das laufende Genehmigungsverfahren zu stoppen, scheiterte. Der Landkreis verweist darauf, dass ein Torfabbau im „Düvelshörn“ ausnahmsweise zulässig ist, wenn er aus naturschutzfachlichen und hydrologischen Gründen „zwingend erforderlich“ ist, um die angestrebte Wiedervernässung zu erreichen. So schreibe es das Regionale Raumordnungsprogramm des Landkreises vor.
Die Behörde tut sich schwer. Im Grunde habe man im Raumordnungsprogramm schon eine „Ausschlusswirkung für die Rohstoffgewinnung von Torf“ festgelegt. Die Abbaugebiete konzentrierten sich auf „Düvelshörn“ und auf ein weiteres Gebiet zwischen der Zweiten Reihe (Kreisstraße 134) und dem Naturschutzgebiet Wiesmoor-Klinge. Alle anderen Gebiete seien durch Vorgaben im Regionalen Raumordnungsprogramm „nachhaltig geschützt“, man habe die Abbauflächen „erheblich reduziert“.
Die Kreisbehörde neigt offenbar dazu, den Torfabbau in den beiden genannten Flächen bei Marcardsmoor unter bestimmten Vorgaben zuzulassen. Denn man werde in diesem Fall für eine „Klimakompensation“ sorgen, wie sie im Niedersächsischen Naturschutzgesetz vorgeschrieben ist. Durch Ausgleichsmaßnahmen könnten etwa 20 Prozent mehr Fläche vernässt werden als abgebaut wird. „Zusammen mit dem Naturschutzgebiet Klinge entsteht perspektivisch eines der größten intakten Hochmoore im Kreisgebiet“, so die Auricher Behörde.