Personalnot in Notfällen Braucht Ostfriesland mehr Rettungskräfte?
Nicht nur aufgrund der Corona-Ausfälle in diesem Jahr stellt sich die Frage, ob der Personalbestand der ostfriesischen Rettungsdienste ausreicht. Eine Lage-Beschreibung des Regionalleitstellen-Chefs.
Ostfriesland - In diesem Jahr hat das Corona-Virus so viele Einsatzkräfte der ostfriesischen Rettungsdienste infiziert, dass immer wieder Rettungsfahrzeuge abgemeldet werden mussten. Und das, obwohl die Planstellen nach Informationen von Tomke F. Albers besetzt gewesen sind. Er leitet die Kooperative Regionalleitstelle Ostfriesland, welche die Rettungsdiensteinsätze in den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund koordiniert. Auch die Zahl der „Springer“ habe nicht ausgereicht, sagte er auf Anfrage unserer Zeitung.
Bereits im September erklärte die Stadtverwaltung Emden: „Fahrzeugabmeldungen aufgrund von Krankheit können in Ausnahmefällen nicht verhindert werden. Die Rund-um-die-Uhr-Vorhaltung von Ersatzkräften ist aufgrund der Ausbildungserfordernisse nicht darstellbar. Zudem entstünden dadurch zusätzliche Kosten für Rufbereitschaftsdienste.“
„Nervenaufreibender Einsatz“ auf der Rettungsleitstelle
Die Hilfsfristen konnten in Emden und in den ostfriesischen Landkreisen trotzdem im vorgeschriebenen Maß eingehalten werden, wie die Emder Stadtverwaltung und Tomke F. Albers mitgeteilt haben. Der Leiter der Regionalleitstelle Ostfriesland macht aber deutlich, dass ein „monatelanger nervenaufreibenden Einsatz“ seiner Leute „bei zeitgleicher Reduzierung der eigenen Belegschaft durch Corona“ erforderlich gewesen sei.
Zudem hätten die Geschäftsführer der Rettungsdienste und ihre Rettungswachenleiter „alles Menschenmögliche gemacht“, um die noch vorhandenen Personalressourcen „so optimal wie möglich aber auch nicht über alle Maßen und unter Beachtung der Erhaltung der Gesundheit einzusetzen“, erläutert Albers. Die Situation habe „durch das persönliche und vor allen freiwillige zusätzliche Engagement von vielen pflichtbewussten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gemeistert“ werden können.
Wie werden die Rettungsdienst-Gutachter reagieren?
Nicht nur diese Engpässe werfen die Frage auf, ob in Ostfriesland mehr Rettungskräfte stationiert werden müssten – was eine Finanzierung durch die Krankenkassen als Kostenträger voraussetzen würde. Der Regionalleitstellen-Leiter verweist auf die Touristen, welche den Rettungsdiensten im Sommer zusätzliche Arbeit bescheren. Und auf den demografischen Wandel – also auf die Entwicklung, dass es immer mehr ältere Menschen gibt. Ein Trend, der in Ostfriesland tendenziell dadurch verstärkt wird, dass die Region zum Beispiel von etlichen Leuten aus Nordrhein-Westfalen als Altersruhesitz genutzt wird.
Albers ist gespannt, ob die Rettungsdienst-Gutachter auf die Pandemie reagieren und einen höheren Personalbedarf für erforderlich halten. Die Träger der Rettungsdienste (wie die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie die Stadt Emden) ließen alle zwei Jahre von Sachverständigen prüfen, ob die Rettungsdienst-Stärke noch zeitgemäß sei. „Da kuckt man schon, dass das passt“, sagt der Leitstellen-Chef. Zu berücksichtigen seien dabei aber auch Gesichtspunkte der Wirtschaftlichkeit. Die Gutachten seien dann Grundlage für die Kosten-Verhandlungen mit den Krankenkassen.
Können Gemeindenotfallsanitäter den Rettungsdienst entlasten?
Über die Corona-Krise hinaus stellt Albers fest: „Die Zahlen steigen ja auch stetig an.“ Zuletzt seien es in seinem Regionalleitstellen-Bezirk mit den drei ostfriesischen Landkreisen rund 8300 Einsätze im Jahr gewesen. Tagsüber stehen nach seiner Auskunft vier Notarzteinsatzfahrzeuge, 31 Rettungswagen beziehungsweise Mehrzweckfahrzeuge mit Rettungsausstattung sowie acht Krankentransportwagen zur Verfügung. Nachts seien es 21 beziehungsweise samstagnachts 23 Rettungs- und Mehrzweckfahrzeuge, aber kein Krankenwagen.
Manchmal sei der Rettungsdienst auch „die letzte Instanz“, weil ein Patient sonst „in kein Raster“ passe, berichtet Albers. In Niedersachsen würden seit einiger Zeit jedoch Gemeindenotfallsanitäter erprobt, welche die Lücke zwischen Rettungsdienst und Arzt füllen sollen. Dieses Instrument sei schon im Auricher Kreistag angesprochen worden.
Wie bewähren sich Rettungsdienst-Pilotprojekte in Niedersachsen?
Unter anderem in den Landkreisen Ammerland und Cloppenburg sind Gemeindenotfallsanitäter schon seit dem 1. Januar 2019 im Einsatz, wie der Cloppenburger Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) auf seiner Internetseite berichtet: „Die Gemeindenotfallsanitäter sollen die Rettungsdienste entlasten und zum Einsatz kommen, wenn der Rettungsdienst alarmiert wurde, aber keine lebensbedrohliche Situation vorliegt.“
Auf der Projekt-Homepage heißt es: „Vor Ort greift der Gemeindenotfallsanitäter auf ein Netzwerk von verschiedenen Versorgungsmöglichkeiten zurück, indem er Kontakt zu entsprechenden Institutionen, dem Hausarzt oder dem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst aufnimmt. Als Rettungsmittel kommt ein Fahrzeug analog eines Notarzteinsatzfahrzeuges zum Einsatz.“
Notfallkrankenwagen für Verletzte, die nicht in Lebensgefahr sind
In einem weiteren Projekt gehe es um Notfallkrankenwagen, sagt Tomke F. Albers. Personell würden auf diesen Fahrzeugen Rettungssanitäter mit Zusatzlehrgang eingesetzt, die außerdem regelmäßig auf Rettungswagen mitfahren müssten. Der Rettungssanitäter benötige im Vergleich zum Notfallsanitäter, der in Rettungswagen mitfahren muss, keine so lange Ausbildung.
„Für die Versorgung und den Transport ist keine Ausstattung wie in einem Rettungswagen erforderlich“, informiert der Ammerländer Rettungsdienst im Internet. Er hat bereits im Jahr 2021 Erfahrung mit diesem Einsatzkonzept gesammelt: „Notfallkrankenwagen werden in Niedersachsen zukünftig für Patienten eingesetzt, die zwar akute Erkrankungen oder Verletzungen aufweisen, bei denen allerdings keine Bedrohung der Vitalfunktionen festzustellen ist.“ Auch im Landkreis Leer sei ab dem 1. Januar der Einsatz des Notfallkrankenwagens geplant, sagt Albers.
Telemedizinische Unterstützung für den Rettungsdienst
Als drittes Rettungsdienst-Projekt in Niedersachsen nennt der Regionalleitstellen-Chef den Tele-Notarzt. Das Pilotprojekt wurde laut Landesinnenministerium im Jahr 2021 in Goslar gestartet. Damals sagte ein Staatssekretär: „Insgesamt werden wir ab dem 3. Quartal über 35 Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeuge an den telenotfallmedizinischen Arbeitsplatz des Landkreises Goslar angebunden haben. Damit können mehr als 269.000 Einwohner versorgt werden.“
Auch die Gemeindenotfallsanitäter in den Kreisen Ammerland und Cloppenburg bekommen laut Projekt-Homepage telemedizinische Hilfe: „Zur Einschätzung der Einsatzsituation kann der Gemeindenotfallsanitäter auf die telemedizinische Unterstützung durch Notärzte der Universitätsklinik für Anästhesiologie am Klinikum Oldenburg zurückgreifen.“ Nach Auskunft von Leitstellen-Leiter Albers ist im Dezember eine Besprechung geplant, in der es darum gehen werde, welche Rettungsdienst-Projekte für Ostfriesland sinnvoll sind.
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