Hamburg Corona-Experte: Long-Covid-Problematik wird völlig unterschätzt
Warum erkranken manche Menschen an Long Covid? Professor Bernhard Schieffer will das wissen, er ist einer der wenigen Experten auf diesem Gebiet. In seiner Ambulanz in Marburg stehen Hunderte Betroffene auf der Warteliste. Ein Interview zu Long Covid, Nebenwirkungen der Corona-Impfung und was derzeit schief läuft.
Kaum ein Mediziner in Deutschland dürfte so viele Long-Covid-Patienten gesehen haben wie Professor Bernhard Schieffer. Der Kardiologe hat gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen an der Universitätsklinik Marburg eine Long-Covid-Ambulanz eingerichtet.
Die Warteliste sei lang, erzählt Schieffer im Interview mit unserer Redaktion. Bis in den Sommer hinein seien Termine vergeben worden. Tausende warten. Schieffer will verstehen, was Long Covid auslöst: Wieso kommen einige Menschen nach einer Corona-Infektion nicht mehr so recht auf die Beine - auch bekannt als Post-Covid-Syndrom? Warum entwickeln andere nach einer Corona-Impfung vergleichbare Symptome - das sogenannte Post-Vac-Syndrom?
Schieffer spricht im Interview über seine Arbeit und erklärt, warum er eine Impfung gegen Corona für richtig hält, welche Versäumnisse er aber seitens der Politik sieht.
Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:
Frage: Herr Schieffer, Sie haben an der Uni-Klinik Marburg eine Long-Covid-Ambulanz eingerichtet. Eigentlich sind Sie Spezialist für Herzerkrankungen. Wie kam es dazu?
Antwort: Das geht zurück auf den Jahreswechsel 2020/2021. Damals wurden bei mir in der Kardiologie, aber auch bei unseren Nerven- und Lungenärzten Patienten vorstellig mit Symptomen, die sich nicht so genau medizinisch fassen ließen. Sie waren müde und abgeschlagen. Was die meisten vereinte: Sie hatten vor mehr oder weniger kurzer Zeit eine Corona-Infektion überstanden oder - der deutlich seltenere Fall - eine Impfung erhalten. Wir fassen das unter Long-Covid-Syndrom heute zusammen. Uns war relativ schnell klar, dass ein Zusammenhang zwischen Symptomen und der eigentlich überstandenen Corona-Infektion bestehen muss. Deswegen haben wir die Ambulanz gegründet.
Frage: Wie viele Patienten sind mittlerweile vorstellig worden?
Antwort: Ich habe nicht gezählt. Aber mehr als 1000 werden es gewesen sein. Zwischenzeitlich waren unsere Server zur Terminvergabe unter der Last zusammengebrochen. Wir haben eine Warteliste bis in den kommenden Sommer hinein und noch immer warten 2000 bis 3000.
Frage: Gibt es so etwas wie das klassische Long-Covid-Symptom?
Antwort: Nein, es gibt nicht das eine Symptom. Es gibt Patientengruppen mit unterschiedlichen Symptomen. Deswegen sprechen wir heute auch von einem Long-Covid-Syndrom; Syndrome sind verschiedene Symptome, die sich zu einem Krankheitsbild zusammensetzen.
Frage: Was unterscheidet Long Covid ausgelöst durch eine Corona-Infektion von Long Covid infolge einer Impfung gegen Corona?
Antwort: Der Unterschied liegt darin, dass Sie im ersten Fall eine Corona-Infektion mit diesen typischen grippe-ähnlichen Symptomen durchgemacht haben. Die Infektion kann mehr oder weniger heftig ausfallen. Bei Long Covid, das mutmaßlich durch eine Impfung ausgelöst wurde, gab es diese Infektion nicht. Die Symptome selbst treten dann in beiden Fällen mit einiger zeitlicher Verzögerung auf. Der Verlauf ist vergleichbar, hängt aber auch davon ab, welcher Risikogruppe Sie angehören.
Frage: Empfehlen Sie trotz Ihrer Erfahrungen eine Impfung gegen Corona?
Antwort: Auf alle Fälle! Auch wenn das jetzt einen Aufschrei unter Impfgegnern auslösen wird: Ich bin absoluter Impfbefürworter. Wir müssen uns gerade in der kritischen Jahreszeit, dem Winter, vor dem Virus schützen und eine Grundimmunisierung in der Bevölkerung erreichen. Die Chance, an Long Covid zu erkranken, liegt nach derzeitigen Erkenntnissen zwischen 20 bis 30 Prozent. Die Impfung schützt davor bei einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen.
Frage: Der Nutzen überwiegt also das Risiko, an dem zu erkranken, was wir als Post-Vac-Syndrom kennen?
Antwort: Ja. Die Wahrscheinlichkeit ist ähnlich gering wie bei einer Polio- oder Gelbfieber-Impfung. Aber die Gelbfieber-Impfung ist ein gutes Beispiel, was wir bei der Corona-Impfung aus meiner Sicht ändern müssen: Sie müssen bei einer Gelbfieber-Impfung zu einem Tropenmediziner, der sie einmal gründlich untersucht und mögliche Risikofaktoren für das Auftreten von Nebenwirkungen abcheckt. So etwas brauchen wir bei Corona auch.
Frage: Sie meinen, der kurze Fragebogen, den wir derzeit vor einer Impfung ausfüllen, reicht nicht?
Antwort: Uns fehlen einfach Grundlagen. Wir ahnen zu wissen, was Long Covid auslöst und welche Risikofaktoren es dafür gibt. Aber wir brauchen mehr Daten. Weil die fehlen, wird so emotional gestritten und zu wenig faktenbasiert argumentiert. Eigentlich müssten wir europaweit Erhebungen zu Impfnebenwirkungen machen. Derzeit macht jedes Land sein eigenes Ding bei der Erhebung der Impfnebenwirkungen. In Deutschland gibt es so etwas in dieser Art gar nicht. Das muss sich ändern.
Frage: Warum geschieht das nicht? Und warum legt die Politik keinen Fokus auf Long Covid insgesamt?
Antwort: Ich bin Hochschulprofessor, der sich aus wissenschaftlicher Überzeugung neben seiner Tätigkeit als Kardiologe um dieses Thema kümmert und nach Antworten sucht. Ich kann Ihnen Ihre Frage zur Politik nicht beantworten. Aber natürlich wundert mich sehr, dass aus irgendwelchen Gründen nicht intensiver über Long Covid diskutiert wird.
Frage: Traut sich die Politik nicht?
Antwort: Keine Ahnung, das müssen Sie die Politik fragen. Aber Fakt ist: Covid wird uns noch Jahrzehnte beschäftigen. Wenn jetzt ein 25-Jähriger betroffen ist, wird er dem Sozial- und Gesundheitssystem 40 oder mehr Jahre zur Last fallen. Die Auswirkungen sind immens. Nicht nur für den Sozialstaat, auch für die Wirtschaft und natürlich die Menschen selbst. All das wird in der Öffentlichkeit aber kaum adressiert.
Frage: Statistiker verzeichnen derzeit eine gewisse Übersterblichkeit. Hängt das mit Long Covid zusammen?
Antwort: Auch das lässt sich mangels Daten nicht wirklich beantworten. Aus klinischen Studien wissen wir, dass es lange Zeit nach einer Corona-Infektion beispielsweise zu einer Herzmuskelentzündung kommen kann und Herz-Rhythmus-Störungen auftreten, die bis zum Tod führen können. Wir haben sehr viele junge Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder Lungen-Embolie, die keine anderen offensichtlichen Erkrankungen gehabt haben als eine eigentlich überstandene Corona-Infektion. Aber hier den Kausal-Zusammenhang herstellen, kann ich nicht machen, weil die Daten fehlen. Was bekannt ist: So ziemlich alle westlichen Länder verzeichnen derzeit eine Übersterblichkeit.
Frage: Es fehlt an Daten, es fehlt an Anlaufstellen für Betroffene. Was muss sich ändern?
Antwort: Wir brauchen ein Nationales Long-Covid-Institut. Da müssen Fachleute aus verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten. Und die Datenerhebung in Deutschland muss gefördert werden. Wir müssen besser verstehen, warum manche Menschen an Long Covid erkranken. Wer erkrankt? Was sind die Risikogruppen? Es braucht endlich mehr Transparenz.