Ostfriesland intim Der lange Weg aus dem Schrank
Das Coming-out ist ein entscheidender Einschnitt im Leben von Homosexuellen, Bisexuellen oder Transgendern. Auricher Jugendliche haben uns erzählt, wie sie diesen Schritt erlebt haben.
Aurich - Sich in seinem persönlichen Umfeld als homosexuell, bisexuell oder Transperson zu outen, erfordert viel Mut und Selbstvertrauen. Besonders für Jugendliche kann das eine starke Belastung sein. Zu den Problemen, die ihre Pubertät ohnehin mit sich bringt, gesellen sich dann oft Fragen wie „Bin ich normal?“ oder „Bin nur ich so?“. Viele Homosexuelle akzeptieren zumindest in ihrer Jugend, teilweise aber auch lebenslang, das von der Gesellschaft vorgegebene Bild des „Unnormalen“ oder gar „abartig Veranlagten“ und können sich nie ganz davon frei machen. Das kann dazu führen, die eigene Sexualität jahrelang zu verleugnen, um nach außen das Bild des „Normalen“ aufrechtzuerhalten. Die Folgen sind oft instabile Paarbeziehungen, psychische Krisen oder ein Doppelleben.
Queeres Glossar Teil II
Abwesenheit sexueller Anziehung gegenüber anderen, fehlendes Interesse an Sex oder ein nicht vorhandenes Verlangen danach. Asexualität ist nicht gleichbedeutend mit sexueller Abstinenz, die nur den Verzicht auf sexuelle Aktivitäten umfasst (trotz vorhandener Fähigkeit und Motivation). Ein Teil der Asexuellen hat zwar kein Interesse an sexuellen Aktivitäten mit anderen Menschen, ist aber autoerotisch aktiv. Manche Asexuelle haben sogar einvernehmlichen Sex, wobei die Gründe sehr unterschiedlich sein können. Das kann zum Beispiel der Wunsch nach Kindern sein oder die Beziehung mit einem nicht asexuellen Partner zu pflegen. Kein Zusammenhang besteht zwischen Asexualität und Trieblosigkeit aus medizinischen Gründen, die Anaphrodisie genannt wird.
Neigung, sich zu mehr als einem Geschlecht sexuell oder emotional hingezogen zu fühlen. Deshalb können bisexuelle Menschen durchaus auch asexuell sein und rein romantische Beziehungen ohne Sex führen. In manchen Gesellschaften, wie der griechisch-römischen Antike oder der islamischen Welt, galt die erotische Anziehung zu zwei Geschlechtern als nahezu universelle Norm. Viele islamische Geistliche des Mittelalters sahen, obwohl sie den gleichgeschlechtlichen Verkehr gemäß ihrer Religion als schwere Sünde bewerteten, die erotische Anziehung gegenüber zwei Geschlechtern als eine Grundgegebenheit des menschlichen Daseins an.
Personen, deren Geschlechtsidentität nicht oder nicht vollständig mit dem angeborenen Geschlecht übereinstimmt oder die eine binäre Geschlechtszuordnung ablehnen. Transgeschlechtlichkeit ist unabhängig von sexueller Orientierung. Personen, die transgender sind, können etwa heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder asexuell sein oder eine nähere Bezeichnung ihrer Sexualität ablehnen.
Prozess, in dem eine trans Person soziale, körperliche und juristische Änderungen vornimmt, um die eigene Geschlechtsidentität auszudrücken. Die meisten Transsexuellen sehen sich früher oder später gezwungen, sich zu outen und ihre Geschlechterrolle offiziell und permanent zu wechseln. Der Zeitpunkt dafür ist individuell unterschiedlich und hängt vor allem von der Persönlickeit des Betroffenen sowie von seinem sozialen Umfeld ab. Insgesamt sinkt aber seit Jahren das Durchschnittsalter, in dem Betroffene versuchen, eine medizinische Behandlung zu erreichen. Durch die geschlechtsangleichenden Maßnahmen wird der entstandene Leidensdruck in der Regel stark vermindert oder aufgehoben. Direkt nach der Operation sind die meisten Betroffenen glücklich bis euphorisch. Patienten, die die Operation bereuen, sind extrem selten. Eine Verbesserung des seelischen Befindens von Trans-Personen nach einer hormonellen und chirurgischen Behandlung belegen auch viele Studien.Asexualität
Bisexualität
Transgender/Transidentität
Transition
Viele der Mitglieder der queeren Jugendgruppe Baumhaus Aurich haben die Belastungen, die dem Bekenntnis zur eigenen Sexualität und Geschlechtsidentität oft vorausgehen, selbst durchgemacht. Im Gespräch erzählen sie von ihrem Weg „aus dem Schrank“ (aus dem englischen „Coming out of the closet“), ihrem Outing in der Familie, in der Schule und anderen Umfeldern.
Ein Outing kommt selten allein
„Ich bin all over the place“, sagt Patrick (26) über sich selbst, weil er bereits mehrere Outings hatte. „Ich bin bisexuell, aber auch asexuell und trans.“ Begonnen hat seine Suche in der Pubertät. „Mit 13 oder 14 beginnt man ja, sich füreinander zu interessieren“, sagt Patrick. „Bei mir war da aber lange nichts. Ich dachte erst, dass ich sowas wie ein Spätentwickler bin, bis ich dann über den Begriff Asexualität gestolpert bin.“ Etwa zeitgleich stellte Patrick fest, dass er sich zu Menschen verschiedener Geschlechter hingezogen fühlt (tatsächlich schließen Bisexualität und Asexualität einander nicht zwingend aus, s. Kasten).
Schwieriger war für Patrick die Auseinandersetzung mit seiner Transidentität. „Ich habe mich in meinem Körper lange unwohl gefühlt“, sagt er. „Ich hatte versucht, feminin zu sein, weil der Körper es biologisch halt vorgegeben hat, aber es hat einfach nicht funktioniert. Ich fing dann an, mich eher maskulin zu kleiden. Das hat schon etwas geholfen, aber noch nicht ganz.“ In dieser Zeit wurde die Baumhaus-Gruppe zu seinem wichtigsten Anlaufpunkt. „Hier konnte ich mit Leuten zusammensitzen, die wie ich aus der Provinz kommen und wissen, wie sich das auch vom Umfeld her anfühlt. In diesem geschützten Bereich konnte ich auch neue Namen und Pronomen ausprobieren, bis ich eine Identität gefunden habe, mit der ich mich richtig fühle.“
Für sein Outing konnte sich Patrick an seiner Schwester orientieren. „Sie hatte sich schon vorher in der Familie geoutet, deshalb ist sie mein großes Vorbild. Dass meine Familie super tolerant ist, hat mir den ganzen Weg auch enorm erleichtert.“ Schwieriger war die Umstellung für Patricks Großmutter. „Das ist ja auch nicht verwunderlich“, sagt er. „Immerhin hat sie mich 18 Jahre lang als Enkeltochter gekannt. Das zeigt mir aber auch, dass man seinem Umfeld gegenüber mithin das gleiche Verständnis aufbringen muss, das man von dort auch erwartet.“ Gelohnt hat sich die Geduld jedenfalls. „Meine Oma toleriert mich nicht nur, sie akzeptiert mich, so wie ich bin. Das ist mir auch wesentlich wichtiger, als dass sie keine Fehler macht!“
Die Mutter hatte schon etwas geahnt
Hanna (17) wurde nach eigenen Angaben über ihre Therapeutin auf „Baumhaus“ aufmerksam gemacht. „Ich war mir da aber noch unsicher, weil ich mich noch nicht geoutet hatte“, sagt sie. „So bin ich erst nach dem Outing bei meinen Eltern neu hierher gekommen.“ Dabei war die Offenbarung vor den Eltern auch noch nicht ganz freiwillig. „Ich hätte mir noch mehr Zeit dafür genommen, wenn meine Mutter mich nicht direkt darauf angesprochen hätte, weil sie schon etwas ahnte“, erzählt Hanna. Im Nachhinein war das aber gut so, weil es ihr danach viel leichter fiel, zu sich zu stehen. Von ihren Eltern habe sie volle Unterstützung erfahren. „Auch wenn sie natürlich viele Fragen zum Thema ‚queer sein’ hatten, Aber meine Eltern stehen offen dazu, wie ich bin und wie ich leben will“, sagt sie. Im Gespräch mit ihrem Vater, der selber Arzt ist, wurde deutlich, dass in diesem Bereich der Medizin noch viel Aufklärungsbedarf besteht.
„Man muss die Leute lernen lassen“
Schwierig war der Weg zur neuen Geschlechtsidentität für Robin (18). „Ich war die Variante Transperson, die über weite Strecken ziemlich depri damit war“, sagt er. Als Mädchen geboren, hatte er im Laufe der Zeit immer mehr maskuline Anteile an sich entdeckt. „Ich habe viel Zeit im Internet verbracht und mich dort mit neuen Namen und anderen Ansprachen ausprobiert.“ Von den Eltern wurde sein Outing akzeptiert. „Aber sie waren nicht gut informiert zu dem Thema und hatten auch keine große Lust, sich zu informieren“, sagt Robin. „Da kamen dann so Fragen auf wie ‚Bist Du Dir wirklich sicher?‘ und ‚Hast Du etwa zuviel Zeit mit Transpersonen verbracht?‘. Meine Mutter fragte mich auch, ob ich wieder zur Frau werde, wenn ich mal nicht an meine Hormone komme oder ob ich in den Krieg muss, wenn ich ein Mann bin.“ Was für ältere und erfahrenere Transmenschen ein bisschen naiv klingen mag, sieht Robin sehr reflektiert. „Man muss die Leute lernen lassen“, sagt er. „Und man muss manchmal eben selbst den Lehrer spielen, auch wenn man das nicht will. Und manchmal muss man eben auch akzeptieren, dass das Gegenüber vielleicht auch gerade keine Lust hat, zu lernen.“ Auch Robin hat dabei der Kontakt zur Gruppe geholfen. „Dadurch, dass ich mich hier real mit Menschen austauschen kann, die ähnliche Erfahrungen haben wie ich, verbringe ich auch weniger Zeit im Internet mit Labels und Diskussionen,“ sagt er. Das sei auch gut so, pflichtet Patrick ihm bei. „Labels und Begrifflichkeiten können nur Hilfsmittel bei der Suche nach der Identität sein“, sagt er. „Hängt man sich zu sehr daran auf, steckt man sich selbst wieder in die nächste Schublade.
Entweder Gruppeoder Playstation
„Ich fand von klein auf immer Typen interessanter als Mädchen“, erzählt Len (17). „Insofern wusste ich irgendwie schon immer, dass ich schwul bin.“ Zur Gruppe kam er allerdings nicht ganz freiwillig. „Meine Mutter hat gesagt, entweder komme ich hierher oder sie nimmt mir die Playstation weg“, sagt er und muss beim Gedanken daran noch leicht schmunzeln. „Meine Eltern haben mich immer super unterstützt“, fügt er hinzu. „Manchmal so gut, dass es fast ein bisschen aufdringlich wurde.“
Geoutet habe er sich nie komplett überall, sagt Len. „Ich habe es den Menschen erzählt, die mir wichtig sind. Denn es gibt auch Freundeskreise, wo vereinzelt negative Reaktionen rüberkommen. Ich habe zum Beispiel den 18. Geburtstag eines Freundes nicht mitgefeiert, weil ich wusste, dass sein Vater homophob ist.“ Weitgehend reibungslos sei das Outing wiederum in der Schule abgelaufen, erklärt Len, der wie Robin das Ulricianum besucht. „Wir waren schnell integriert und der Umgang mit Lehrern und Mitschülern ist sehr respektvoll“, sagt Robin. „Einzelne blöde Sprüche gibt es natürlich immer noch hin und wieder. Aber da steht man nicht zuletzt auch dank dieser Gruppe irgendwann drüber.“
Allen vier ist klar, dass vor ihnen im Leben noch viel Aufklärungsarbeit und viele Rückschläge stehen. „Die Leute müssen uns nicht lieben“, sagt Patrick. „Mein Ziel ist, im Gespräch einen Stein liegenzulassen, der irgendwann ins Rollen kommt, so dass das Gegenüber sich reflektiert und sein Weltbild hinterfragt. Wenn er bei seiner alten Auffassung bleibt, dann ist das eben so. Ich habe als queere Person genug eigene Baustellen, für die ich dann mehr Energie habe.“