Export von Jugendbüchern Ostfriesische Kinder dürfen in Russland nicht furzen
Bettina Göschl aus Norden exportiert ihre Kinderbücher in viele Länder. Einige Details werden dafür angepasst oder näher erläutert. Manchmal wird es kurios.
Norden - Nicht nur der Norder Krimischreiber Klaus-Peter Wolf feiert große Erfolge. Auch seine Ehefrau Bettina Göschl hat einen Namen in der Buchbranche: als Jugendautorin. Vor allem die Reihe „Die Nordsee-Detektive“ kommt bei den Lesern gut an. So gut, dass die Bücher unter anderem auch nach Rumänien, in die Türkei, nach Russland, China und bald auch nach Vietnam und in die Vereinigten Arabischen Emirate exportiert werden sollen. Können die Kinder dort aber überhaupt etwas mit Ostfriesland oder der Nordsee anfangen? Inwiefern müssen die Werke für andere Sprachen und Kulturen angepasst werden?
Was und warum
Darum geht es: wie Jugendbücher über Ostfriesland für den internationalen Markt angepasst werden
Vor allem interessant für: Freunde von Literatur, die sich für fremde Kulturen interessieren
Deshalb berichten wir: Wir waren erstaunt, als wir hörten, in wie viele Länder Bettina Göschl ihre Buchreihen verkauft und waren neugierig, wie es zu den Kontakten kam. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Wie Göschl auf Nachfrage erklärt, entstehen die Kontakte ins Ausland zum Beispiel über die Frankfurter Buchmesse. Dort stelle man seine Projekte vor und trete in Kontakt mit den Verlagen aus anderen Ländern, die sich auch um die Übersetzung kümmern. Die Norderin ist aber davon überzeugt, dass ihre Geschichten dort dieselben bleiben, auch wenn vielleicht das eine oder andere etwas näher erklärt werden müsse, was Kinder hierzulande kennen. Starke Figuren, Humor und Moral seien jedoch etwas, was auch länderübergreifend gut ankomme, findet Göschl.
Haushund kann für Irritation sorgen
Allerdings gibt es auch Punkte, mit denen man schon mal etwas anecken kann. So beschreibt die Autorin ihre Nordsee-Detektivin Emma als emanzipiert und manchmal etwas cleverer als Nordsee-Detektiv Lukas. Das könne in manchen extrem islamisch geprägten Ländern den Verkauf verhindern, weiß Ulrich Maske, Programmleiter des Jumbo-Verlags. Laut ihm gibt es aber auch beispielsweise in der Türkei schon seit Jahrzehnten Versuche, die Vollverschleierung und ein traditionelleres Frauenbild durchzusetzen. Hunde gelten dort zudem als zu unrein, um Haustiere zu sein. Man arbeite aber zum Glück mit weltoffenen Verlagsleuten zusammen, die bei derartigen Darstellungen in den Nordsee-Detektiven darüber hinweg sähen.
Inwieweit es dort und in vielen anderen Ländern zumindest zu kleineren Anpassungen kommt, lässt sich allerdings nur schwer sagen. Einen direkten Kontakt zwischen Autoren und Übersetzern gibt es oftmals nicht. Eine Ausnahme bildet der russische Markt, für den ein befreundeter Autor von Klaus-Peter Wolf übersetzt: der in Berlin lebende Pavel Fraenkel.
Bei „Störtebeker“ muss eine Anmerkung her
Die Nordsee sei dem dortigen Publikum bekannt, allerdings habe er Anmerkungen zu Ostfriesland ergänzt, nennt Fraenkel im Gespräch mit unserer Redaktion ein Beispiel. Pro Buch gebe es insgesamt jeweils fünf bis sechs Anmerkungen. Da gehe es dann um Begriffserklärungen von „Fachwerk“, „Doppelkopf“, „Störtebeker“ oder auch um Namen von deutschen Fußballvereinen. „Die kennen die Kinder in Russland tatsächlich aber häufig schon“, so Fraenkel.
Dafür wiederum könnten sie nichts mit dem Wort Seehundstation anfangen – ebenso wenig wie mit dem Begriff Surfcasting. Das gilt aber wohl auch den meisten hiesigen Fans der Nordsee-Detektive so, wie auch deren Eltern. Surfcasting ist englisch und meint das Angeln in der Brandung.
Pupsen und pinkeln unerwünscht
Kulturelle Anpassungen für die Leser seien hingegen nicht notwendig. Die Welt sei heute globalisiert, man kenne bereits andere Geschichten aus dem Ausland und könne notfalls schnell im Internet nachschauen, falls man etwas nicht verstehe. Allerdings nutze Fraenkel beim Übersetzen die neuesten Wörter aus der russischen Jugendsprache. Nicht, um besser verstanden zu werden, sondern damit ihm das Publikum die Dialoge der deutschen Kinder „abkaufe“. Es sei wichtig, dass Charaktere „glaubhaft“ und sympatisch rüberkommen, was bei Familie Janssen aus dem Buch der Fall sei.
Er bestätigt, dass auch der Humor der Nordsee-Detektive beim russischen Publikum ankommt. Allerdings würden es russische Verlage nicht gerne sehen, wenn über „physiologische Funktionen“ geschrieben werde. Sprich: Die ostfriesischen Protagonisten dürfen in Russland beispielsweise nicht pupsen oder pinkeln.
Protagonisten erhalten schwarze Haare
Laut Maske werden größere Änderungen in der Regel mit den Autoren abgeklärt. Kleinere nähmen die ausländischen Verlage auch schon mal in Eigenregie vor. Beispielsweise, wenn zu viele Protagonisten blonde Haare haben. In derartigen Fällen sei es in der Vergangenheit schon vorgekommen, dass diese dann für den ostasiatischen Markt umgefärbt wurden. „Es ist jetzt aber nicht so, dass beispielsweise die Nordsee-Detektive plötzlich am Chinesischen Meer spielen“, betont Maske. Immerhin sei es für die Kinder ja spannend, eine fremde Kultur kennenzulernen.
Aber auch innerhalb der westlichen Welt komme es von Land zu Land schon mal zu Anpassungen. Maske nennt als Fallbeispiel eine Zeichnung von einem nackten Jungen in einem deutschen Buch. Der sollte dann für den Export in die USA eine Hose bekommen. Dagegen habe sich jedoch die Zeichnerin gewehrt.