Osnabrück  Klassische Orchester: Kulturbotschafter mit schlechter Klimabilanz?

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 14.11.2022 14:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Traum vom Fliegen verursacht einen gehörigen Ausstoß an Kohlendioxid. Das ändert sich auch nicht, wenn statt Urlaubern ein Sinfonieorchester auf Tournee darin sitzt. Foto: Soeren Stache/dpa
Der Traum vom Fliegen verursacht einen gehörigen Ausstoß an Kohlendioxid. Das ändert sich auch nicht, wenn statt Urlaubern ein Sinfonieorchester auf Tournee darin sitzt. Foto: Soeren Stache/dpa
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Spitzenorchester sind weltweit unterwegs, und das häufig mit dem Flugzeug. Dem Klima tut das nicht gut - aber die Orchester reisen im kulturellen Auftrag. Doch genügt das als Rechtfertigung?

Wenn die Staatskapelle Berlin Ende November zu ihrer Asien-Tournee aufbricht, darf sie in Seoul, Kumamoto, Osaka und Tokio auf ein begeistertes Publikum hoffen. Das Publikum wiederum darf sich auf die vier Sinfonien von Johannes Brahms und Anton Bruckners Siebte freuen. „Im Falle der Asientournee reisen wir in eine der kulturbegeistertsten Regionen, die seit Jahren auf die Rückkehr des Orchesters warten“, heißt es dazu aus der Pressestelle der Staatsoper Berlin, zu der die Staatskapelle organisatorisch gehört.

Der weniger schöne Aspekt dieser Tournee ist der tiefe ökologische Fußabdruck, den die Staatskapelle hinterlässt. Grob geschätzt legen die Musiker 18.000 Flugmeilen zurück, das bedeutet laut dem Onlineportal atmosfair.de: Das Orchester bläst 5800 Kilogramm Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre – pro Person. Hochgerechnet auf ein 100-köpfiges Orchester ergibt das mehr als 580.000 kg CO2. Zum Vergleich: Ein Jahr Autofahren erzeugt 2000 Kilogramm CO2. Wer aber im Einklang mit der Umwelt leben möchte, darf höchstens 1500 Kilogramm CO2 pro Jahr erzeugen.

Szenenwechsel: Diesen Sonntag, 13. November, hat die Staatskapelle in der Berliner Philharmonie die das Oratorium „Wir sind Erde“ von Gregor A. Mayrhofer uraufgeführt. Dieses Konzert gab die Staatskapelle im Dienst des „Orchesters des Wandels“. 34 deutsche Orchester gehören diesem Verein an; das Vereinsziel lautet, kurz gesagt, mit Musik etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. „Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist ein großes Thema für viele Orchester“, sagt Markus Bruggaier, Hornist der Staatskapelle und einer der Gründer des „Orchesters des Wandels“. Die Erlöse des Konzerts kommen der Klima- und Umweltstiftung Naturton zugute, die Renaturierungsprojekte auf Madagaskar finanziert.

Hier das Engagement für Klimaschutz, dort der ökologische Fußabdruck – wie passt das zusammen? Bruggaier weiß um die Widersprüchlichkeit beider Projekte. Trotzdem: „Tourneen sind wichtig im Sinne des kulturellen Austauschs“, sagt er. Und den betreiben viele große Orchester, jetzt, wo Corona nicht mehr das große Hemmnis darstellt. Die Berliner Philharmoniker touren durch die USA, umgekehrt gastiert das Orchester der Metropolitan Opera nächsten Sommer in Baden-Baden, die Elbphilharmonie setzt in dieser Saison einen ganzen Schwerpunkt mit amerikanischen Orchestern.

Das sagt Christoph Lieben-Seutter, der Intendant der Elbphilharmonie. Außerdem seien Tourneen für viele Orchester Teil des Selbstverständnisses – und „des Businessmodells“, sagt Lieben-Seutter. Aber die Dinge wandeln sich: Der Intendant weiß von Orchestern, die ihre Reisetätigkeiten hinterfragen; „es gibt auch Orchester, die nicht mehr fliegen wollen oder zumindest, wenn sie in Europa sind, mit der Bahn fahren.“ Und sind sie dann vor Ort, bleiben sie nicht einen Tag, sondern drei, spielen zwei Konzerte und beteiligen sich noch an einem Education-Programm.

Die Staatskapelle handhabt das ähnlich: Auf der Asien-Tour hetzt das Orchester nicht nach dem Schlussakkord zum nächsten Spielort, sondern bleibt jeweils mehrere Tage. Die Staatskapelle sei „kultureller Botschafter Berlins“, es gehe um „kulturellen Austausch“ und um „kulturelle Nachhaltigkeit“, sagt die Pressestelle der Staatsoper.

Doch was ist „kultureller Austausch“? Lieben-Seutter verweist auf den Saisonstart in der Elbphilharmonie: Damals spielte das Pittsburgh Symphony Orchestra ausschließlich Werke amerikanischer Komponisten und Komponistinnen – ein Programm ganz nach Lieben-Seutters Geschmack. Doch er muss auch von der Stange kaufen: „Wir bitten die Orchester um spezifische Programme. Aber die kriegt man nicht immer so leicht“, sagt Lieben-Seutter. Viele Konzerthäuser fürchten leere Säle bei Programmen jenseits des Mainstreams.

„Vielleicht wäre ein beträchtlicher Teil der Tourneen nicht nötig“, sagt Holger Noltze, Journalist, Professor am Institut für Musik und Musikwissenschaft der Technischen Universität Dortmund und Buchautor. Noltze hinterfragt den klassischen Konzertbetrieb regelmäßig - und erkennt beim Thema Reisen erhöhte Sensibilität: „Die Orchester legen mittlerweile die dramaturgische Latte höher, was den Sinn solcher Reisen angeht.“ Die Frage, wie sie dem Austausch dienen und zur kulturellen Nachhaltigkeit beitragen können, steht ganz oben.

Ähnlich argumentiert Moritz Eggert, Komponist und scharfzüngiger Autor, der den konventionellen Musikbetrieb gern kritisch durchleuchtet. „Wir müssen alle als Menschheit umdenken“, antwortet er auf die Frage nach Sinn oder Unsinn aufwändiger Tourneen. Gleichzeitig stellt er aber die Tendenz fest, „dass sich Länder vereinzeln und abgrenzen - jedes Land dreht sein eigenes Ding.“ Dabei sei es doch wichtig, unterschiedliche Kulturen kennenzulernen - und zwar vor Ort.

Eggert betrachtet das Problem auch von der anderen Seite, nämlich der des Publikums: „Was ist, wenn die Wiener Philharmoniker nur noch in Wien auftreten und die Berliner in Berlin? Dann reisen viel mehr Menschen zu den Konzerten.“ Also sollten Orchester zum Publikum reisen und nicht umgekehrt. Allerdings legt Eggert die Messlatte ebenfalls hoch: „Kultureller Austausch müsste heißen, dass wir uns mit Komponistinnen und Komponisten, mit Musik von heute beschäftigen“, sagt er. „Das ist der lohnendere Austausch.“

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