Notfallversorgung  Ostfriesische Rettungsdienste kamen über Wochen an ihre Grenzen

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 13.11.2022 19:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Corona-Pandemie brachte die ostfriesischen Rettungsdienste an ihre Grenzen. Foto: Roessler/dpa
Die Corona-Pandemie brachte die ostfriesischen Rettungsdienste an ihre Grenzen. Foto: Roessler/dpa
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Der Personalbestand der ostfriesischen Rettungsdienste hat nicht ausgereicht, um ohne Leistungseinschränkungen durch die Corona-Pandemie zu kommen. Konnten die Hilfsfristen eingehalten werden?

Ostfriesland - Die Notfallrettung in Ostfriesland ist in diesem Jahr „über Wochen an ihre Grenzen gekommen“. Das hat Tomke F. Albers, der Leiter der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland, auf Anfrage unserer Zeitung mitgeteilt. Damit seien die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund aber keine Ausnahme gewesen. Es habe bundesweit Engpässe gegeben.

Seit Frühjahr seien die Rettungsdienste „um ein Vielfaches stärker durch langwierige Corona-Erkrankungen“ betroffen gewesen als in der vorherigen Pandemie, berichtet Albers. Mitarbeitende seien relativ oft zwei Wochen krank gewesen – also über die Quarantäne hinaus. Kurz nach der Genesung seien etliche erneut ein bis zwei Wochen mit grippeartigen Symptomen ausgefallen. Arbeits- und Freizeitunfälle seien hinzugekommen.

Acht von 31 Rettungsfahrzeugen konnten nicht besetzt werden

Das Rettungswesen in seinem Leitstellenbezirk sei dadurch „mit fast zweistelligen Krankmeldungen pro Woche konfrontiert“ gewesen, schreibt Albers, „was organisatorisch nicht mehr kompensierbar war und dann auch die Reserven in der Fahrzeug-Vorhalteplanung bis zu den Grenzwerten abschmelzen ließ“. Die Springer-Kapazitäten hätten nicht mehr ausgereicht.

Die Rettungsdienste in den Kreisen Aurich, Leer und Wittmund verfügen laut Albers über 31 Fahrzeuge, die von Ausstattung und Besatzung her für Notalleinsätze geeignet sind. Dazu zählen „Mehrzweckfahrzeuge“, die im Rettungsdienst und zudem für Krankentransporte eingesetzt werden. Dadurch wird die Auslastung von Mensch und Material erhöht. Bis zu acht dieser Fahrzeuge pro Tag sind laut Albers un- oder unterbesetzt gewesen.

Wie schnell war der erste Retter bei ostfriesischen Notfällen vor Ort?

Das Mehrzweckfahrzeug-System sei teilweise aufgegeben worden, berichtet der Leitstellen-Leiter. Fahrzeuge mit Notfallsanitäter seien von Krankentransporten befreit worden, um die erforderliche Rettungskapazität zu erhalten. Das sei auch gelungen. Die in Niedersachsen vorgeschriebene Hilfsfrist von 15 Minuten sei in den ebenfalls vorgeschriebenen 95 Prozent der Fälle eingehalten worden. Diese Vorgaben sind auf ein Jahr bezogen. Ein endgültiges Ergebnis steht also erst nach dem 31. Dezember fest.

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Die durchschnittliche Zeit, in der das erste Rettungsmittel – Rettungs- oder Notarztwagen – vor Ort gewesen ist, hat bei rund acht Minuten gelegen, wie Albers ausgerechnet hat. Allerdings sei es im Bereich der Krankentransporte zu Wartezeiten gekommen. „Die Krankenhäuser mussten auch mal ein ,Nein‘ bei Entlassungsfahrten akzeptieren“, erläutert der Leitstellen-Chef – der eine oder andere Patient habe eben einen Tag länger bleiben müssen.

Konfliktsituationen zwischen Rettungdiensten und Kliniken

„Kritische Gespräche“ mit Krankenhäusern seien die Folge gewesen, sagt Albers. Die Ärzte hätten mal erlebt, wie es Rettungskräften gehe, wenn die Kliniken über das Ivena-Portal Abteilungen abmelden. Dort sehen Rettungsdienste, wo sie Patienten abliefern können. Immer wieder müssen sie Kliniken außerhalb von Ostfriesland anfahren. Albers: „Wir haben mehr versucht, die lokalen Krankenhäuser per Zuweisung zu belegen, was natürlich für Diskussionen und Anspannungen sorgte.“

Über klinische Versorgungsengpässe in der Region hatte unsere Zeitung im vergangenen Winterhalbjahr wiederholt berichtet. Laut Albers haben sich die Aufnahmekapazitäten der Häuser in der Folge nicht verbessert. Auch dort seien im Frühjahr überdurchschnittlich viele Corona-Ausfälle zu beklagen gewesen. Obendrein sei Pflegepersonal in der Pandemie abgewandert.

Notfallsanitäter übernehmen Aufgaben von Notärzten

Für die Kreise Aurich, Leer und Wittmund stehen vier Notarztwagen bereit. Laut Albers kann es vorkommen, dass mehr als vier Notfälle gleichzeitig in der Leitstelle eingehen, die einen Notarzt erfordern würden. In solchen Situationen dürften Notfallsanitäter Medikamente verabreichen und Maßnahmen ergreifen, die normalerweise Notärzten vorbehalten seien.

Nach Aussage der Landkreise, die als Träger des Rettungsdiensts fungieren, sei die Notfallrettung aber nicht gefährdet gewesen, schreibt Albers. „Aktuell ist es wieder entspannt.“ Rettungsdienste hätten die Ausbildung verstärkt und Personal eingestellt.