Klimaschutz „Tüftler-Bauten“ für die Landwirtschaft in ostfriesischen Mooren?
Wer Rohrkolben statt Mais ernten will, muss Schlepper durch Raupenfahrzeuge ersetzen. Führt die Moorschutzstrategie der Bundesregierung dazu, dass ostfriesische Landwirte auf Pistenbullys umsteigen?
Ostfriesland/Berlin - Die Bundesregierung hat am Mittwoch eine Nationale Moorschutzstrategie beschlossen: Entwässerte Moorböden sollen wiedervernässt werden, auf dass sie weniger oder keine klimaschädlichen Gase mehr abgeben: „In Deutschland sind 92 Prozent der Moorböden entwässert und verursachen jährlich mit etwa 53 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid-Äquivalenten einen Anteil von etwa 7,5 Prozent der gesamten deutschen Treibhausgas-Emissionen.“ Weiter heißt es in dem Strategiepapier des Bundesumweltministeriums: „Der weit überwiegende Teil (83 Prozent) dieser Emissionen aus Moorböden resultiert aus landwirtschaftlich genutzten Flächen.“
Das politische Ziel lautet: „Für die landwirtschaftliche Bewirtschaftung von Moorböden wird mittel- bis langfristig ein torferhaltendes Management angestrebt. Sie trägt so dazu bei, dass bis zum Jahr 2030 die jährlichen Treibhausgas-Emissionen aus Moorböden um mindestens fünf Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid-Äquivalente gesenkt werden.“
Moorschutzstrategie trifft auf Landwirtschaft
Nach Informationen des Umweltministeriums gibt es in Deutschland 1,8 Millionen Hektar Moorböden. Der Deutsche Bauernverband geht laut ARD-Tagesschau davon aus, dass rund eine Million Hektar auf landwirtschaftliche Flächen entfällt. Als moorreichstes Bundesland gilt Niedersachsen und Ostfriesland als besonders moorreiche Region. Die heimische Milchwirtschaft könnte also in besonderem Maße betroffen sein.
In Niedersachsen wird bereits erprobt, inwieweit wiedervernässte Moore landwirtschaftlich genutzt werden können. Federführend beteiligt ist das 3N Kompetenzzentrum, das „Niedersachsen Netzwerk Nachwachsende Rohstoffe und Bioökonomie“. Ein Feldversuch mit Rohrkolben und Schilf läuft in Ganderkesee. Die Rohrkolben sollen zu Dämmstoff für Gebäude verarbeitet werden. Dessen Wirkung – das Material erinnert an Pressspanplatten aus Holz – wird auf dem Campus der Oldenburger Jade Hochschule untersucht.
„Tüftler-Bauten“ für die Rohrkolben-Ernte
Im Unterschied zu Weizen und Co. werde nur einmal angepflanzt, erklärt Dr. Colja Beyer von der Kompetenzstelle Paludikultur des 3N Kompetenzzentrums. Das könne unmittelbar vor der Wiedervernässung gemacht werden, wenn die Flächen noch trocken seien. Doch zur Ernte sei dann Spezialgerät erforderlich: „Mit herkömmlichen Schleppern kommt man hier nicht mehr raus.“
Im Januar oder Februar rechnet er mit der ersten Ernte auf den Versuchsflächen. Dabei kämen Raupenfahrzeuge zum Einsatz, die teilweise „Tüftler-Bauten“ seien. Beyer weiß von einem Unternehmer, der in den Alpen ausrangierte Skipisten-Fahrzeuge aufgekauft und „komplett umgebaut“ hat. Sie würden zum Abhacken und Häckseln gebraucht. In der kalten Jahreszeit – wenn die Pflanzen trocken sind.
Mit 510 PS vom Schnee ins Moor
Die Firma Mera Rabeler aus dem niedersächsischen Ashausen bietet Umbauten von Pistenbullys der Firma Kässbohrer Geländefahrzeug AG an. Motorleistung: 510 PS. Mit Spezialketten von 67 bis 175 Zentimetern soll die Antriebsleistung „möglichst schonend auf den Untergrund übertragen“ werden, schreibt das Unternehmen.
Die „Pistenbully-Raupen weisen aufgrund der großen Auflagefläche der Ketten und einem verhältnismäßig geringen Gewicht extrem niedrige Bodendruckwerte auf“, erklärt Mera Rabeler im Internet. Das prädestiniere sie für den Einsatz auf empfindlichen Untergründen – auf Schnee, Torf, Moor, Deponien, im Watt und auf Feuchtwiesen. Auch die Firma „Meyer-Luhdorf“ aus Winsen/Luhe arbeitet mit Pistenbullys, die zu Mäh- und Laderaupen umgebaut wurden.
Relativ viele Moore gibt es auch in Bayern. Dort hat die Firma Brielmaier einen Handmäher mit Stachelwalzen statt Rädern entwickelt. Sie sollen im Feucht-Grünland „für Griff und Vortrieb“ sorgen.