Überlastete Arztpraxen  Die digitale Offensive ist im Wartezimmer nicht angekommen

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 11.11.2022 12:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Doctoblib ist ein Arztterminbuchungssystem. Es wird in Aurich noch nicht genutzt. Foto: Ortgies
Doctoblib ist ein Arztterminbuchungssystem. Es wird in Aurich noch nicht genutzt. Foto: Ortgies
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Einen Termin beim Arzt zu bekommen, ist in Aurich in diesen Wochen Glückssache. Dabei gäbe es Systeme, die die Praxen entlasten. Warum werden sie nicht genutzt?

Aurich - Jeder kennt das Phänomen: Seit Tagen halten schlimme Schmerzen den Körper in Schach, ein Termin beim Arzt muss her. Wer jetzt versucht, telefonisch zum Erfolg zu kommen, landet in den meisten Fällen entweder in der Warteschleife oder wird direkt mit dem Anrufbeantworter verbunden. Kein Wunder. Die Auricher Arztpraxen stehen an ihrer Belastungsgrenze, sagt Dr. Jörg Weißmann. Der Vorsitzende der Auricher Ärztekammer begründet die Situation mit den derzeit grassierenden heftigen Atemwegsinfekten. Die treffen auch das Personal in den Praxen selbst. Eine Praxis, mit der die Redaktion bei der Recherche gesprochen hat, sagte, sie haben einen Tag lang schließen müssen, weil Mitarbeiter fehlten. Wie lässt sich die Situation auffangen? Welche Alternativen gibt es zur Buchung eines Termins am Telefon?

Das Auricher HNO-Zentrum bietet beispielsweise die Möglichkeit an, online einen Termin zu buchen. Der Patient muss angeben, wie er versichert ist und welche Beschwerden er hat. Das System teilt ihm dann einen verbindlichen Termin mit. Wäre ein solches Modell auch für Hausärzte geeignet? Wie verbreitet ist es in Aurich? Dieter Krott von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Aurich winkt ab: „Das nimmt meines Wissens niemand in Anspruch.“ Die Ursache für die ablehnende Haltung sei ihm nicht bekannt. Dabei könnten digitale Termin-Manager den Arztpraxen das Leben erleichtern, wie eine aktuelle Studie beweist. Trotzdem schrecken viele Mediziner davor zurück. Die Vergabe von Terminen funktioniert in fast zwei Dritteln der Arztpraxen in Deutschland immer noch über das Telefon oder vor Ort. Das ist häufig mühsam. Wegen der coronabedingten Abstandsregelungen kann sich nur eine begrenzte Anzahl an Patienten im Wartezimmer aufhalten. Viele müssen bei Wind und Wetter draußen vor der Praxis warten, bis sie aufgerufen werden.

Intelligente Systeme sind schwer zu finden

Das Angebot an digitalen Terminbuchungs-Managern wächst. Seit Kurzem ist das französische Startup Doctolib auf dem Markt. Dabei handelt es sich um eine App, die eine Arztsuche und eine Terminbuchung ermöglicht. Voraussetzung ist allerdings, dass Praxen mit Doctolib kooperieren. Das ist in Aurich nach Recherchen dieser Zeitung nicht der Fall. Der Vorteil einer solchen Buchung wäre die Erreichbarkeit rund um die Uhr. Der vereinbarte Termin würde umgehend digital bestätigt. Dass nicht mehr Praxen ein solches Terminbuchungssystem nutzen, liegt laut einer Studie daran, dass etliche Ärzte technische Probleme fürchten. 77 Prozent der bundesweit befragten Mediziner sagten, sie bezweifelten, dass die Patienten mit diesem Tool umgehen könnten.

Renate Kleeblatt bringt noch einen anderen Aspekt zur Sprache. Die Auricher Fachärztin für Allgemeinmedizin will im nächsten Jahr auf ein intelligentes Anrufsystem zurückgreifen. Es ermöglicht eine Konversation mit dem Patienten, der dem digitalen Assistenten auch seine Rezeptwünsche mitteilen kann. „Genau das kann aber problematisch sein“, gibt Renate Kleeblatt zu bedenken. Die Wünsche des Patienten müssten nämlich im Hinblick darauf überprüft werden, ob sie mit den Vorgaben der Kassen kompatibel sind. Eine 1:1-Übertragung sei nicht möglich. Das intelligente System verursache also doch noch Arbeit.

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Es gibt in Aurich auch etliche Praxen, die gar keine Termine vergeben, die Hausarzt-Praxis in Schirum an der Alten Molkereistraße etwa. „Wir bieten eine offene Sprechstunde an, daher brauchen Sie keinen Termin zu vereinbaren“, heißt es auf der Homepage. Lediglich bei Leistungen, die einen höheren Zeitaufwand erforderten, beispielsweise das Ausfüllen eines Reha-Antrags, sei es angezeigt, einen Termin zu machen. Eine andere Praxis, die Hausärzte am Auricher Hafen, geben ihren Patienten auf der Homepage die Möglichkeit, eine Nachricht zu hinterlassen. Dann bekommt man von der Sprechstundenhilfe in den Mittagsstunden zwischen 12 und 14 Uhr oder montags, dienstags und donnerstags zwischen 18 und 19.30 Uhr einen Rückruf, der der Vereinbarung eines Termins dient. Das klingt nach einem guten Service, den eine Praxis auch erst mal organisieren muss.