Risiken bei medizinischen Eingriffen  „Information ist bei einer Hüft-OP der Schlüssel zum Erfolg“

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 10.11.2022 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Eine Hüft-Operation wird von vielen Patienten so lange wie möglich hinausgeschoben. Foto: dpa/Weissbrod
Eine Hüft-Operation wird von vielen Patienten so lange wie möglich hinausgeschoben. Foto: dpa/Weissbrod
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Dr. Peter Bichmann vom Nordwest-Krankenhaus in Sanderbusch will Patienten mit Vorträgen die Angst vor dem Einsatz einer Prothese nehmen. Im Interview erklärt er, wie er das macht.

Ostfriesland - Dr. Peter Bichmann ist Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Nordwest-Krankenhaus Sanderbusch. Der 54-Jährige operiert im Jahr rund 150 Patienten an der Hüfte. Der Orthopäde hat beobachtet, dass viele Menschen eine solche Operation so weit wie möglich hinausschieben, weil sie Angst vor dem Eingriff haben. Er bietet deshalb regelmäßig Vorträge an, um den Patienten diese Furcht zu nehmen. Die Redaktion wollte wissen, wie er argumentiert und ob die Angst vor dem Eingriff berechtigt ist.

Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Hüft-Operation, also für den Einsatz einer Prothese?

Peter Bichmann: Der ist gekommen, wenn ein so starker Verlust an Lebensqualität eingetreten ist, den der Patient nicht akzeptieren will. Das können junge Männer und Frauen um die 20 oder 30 Jahre sein, die durch eine Fehlbildung oder durch einen Unfall eine schwere Arthrose im Gelenk entwickeln. Auch denen würde ich eine Prothese anbieten. Ich habe aber auch Patienten, die noch mit 90 Jahren zu mir kommen und sagen: „So geht es nicht mehr weiter.“ Die Entscheidung stimme ich individuell auf den Patienten ab.

Frage: Was sind die häufigsten Gründe für den Einsatz einer Prothese?

Bichmann: In der Regel macht der Verschleiß des Hüftgelenks die größten Probleme, also die Arthrose. Die ist meist veranlagungsbedingt. Es kann natürlich auch sein, dass jemand eine Hüftdysplasie oder eine Verformung des Hüftgelenks hat. (Anm. der Redaktion: Eine Hüftdysplasie ist eine angeborene oder erworbene Fehlstellung der Hüftgelenkpfanne.) Es kommt auch vor, dass Patienten einen Unfall hatten und die Hüfte gebrochen ist. Auch eine Stoffwechsel oder eine entzündliche Erkrankung kann zu einer vorzeitigen Arthrose in der Hüfte führen.

Frage: Hat die Arthrose einen Dauerschmerz zur Folge? Oder einen Schmerz, der nur bei bestimmten Bewegungen auftritt?

Bichmann: Das ist ganz unterschiedlich. Die Arthrose selbst hat immer den gleichen Ablauf, egal, an welchem Gelenk sie auftritt. Es beginnt mit gelegentlichen Beschwerden. Der Patient geht zum Orthopäden. Der sagt in der Regel nach einem Röntgenbild, dass der Befund gar nicht so schlimm sei. Er verschreibt Medikamente oder vielleicht eine Physiotherapie. Die Schmerzen klingen ab. Das ist der Übergang von der aktiven zur inaktiven Arthrose. Es kann sein, dass viele Jahre lang immer mal wieder Probleme auftreten. Die schmerzfreien Phasen werden im Lauf der Zeit immer kürzer. Dann treten die Bewegungseinschränkungen auf. Diese Patienten kommen dann und sagen: „Ich kann mir die Schuhe nicht mehr anziehen.“ Oder sie zitieren den Partner, der sagt: „Du läufst ganz komisch.“

Frage: Das heißt, dass der Patient selbst oft die Symptome nicht wahrnimmt?

Bichmann: Ja, oft kommen Paare in meine Sprechstunde. Der gesunde Partner beschreibt die Symptome. Durch den Blick von außen merkt der Patient manchmal erst, was mit ihm los ist. Er selbst hat sich nämlich wochenlang an die Einschränkungen gewöhnt. Außerdem hat er Angst und redet sich die Situation schön.

Frage: Woher kommt die große Angst, speziell vor einer Hüft-Operation. Man könnte ja meinen, die Patienten fürchteten, in der Mitte durchgebrochen zu werden.

Bichmann: Schwierig. Das Thema ist vielschichtig. Man darf nicht vergessen, dass es sich um eine Operation handelt, bei der ein Gelenk entfernt und ein künstliches Teil eingebaut wird. Damit haben viele im Kopf Probleme. Schließlich ist der Eingriff keine Blinddarmoperation, wo ein Endstück des Darmes entfernt, aber kein Fremdkörper eingebaut wird. Oft schwingt aber auch die Angst vor einer Infektion mit. Das ist bei einem künstlichen Gelenk eine schwerwiegende Komplikation.

Frage: Sie meinen eine Infektion mit multiresistenten Keimen?

Bichmann: Nein, die nicht in erster Linie. Es gibt sehr viele Keime, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, nämlich normale Bakterien, die zur Haut- und Mundflora gehören. Wenn die in ein Gelenk geraten, verursachen sie einen Infekt, der schwere Komplikationen nach sich ziehen kann. Da reicht es nicht, dass sie 14 Tage lang ein Antibiotikum nehmen. Zum Teil muss das Gelenk wieder ausgebaut werden. Vielfach kennt jeder jemanden, bei dem so etwas aufgetreten ist. Daher kommt die starke Angst.

Frage: Wie groß ist das Risiko?

Bichmann: Wenn ein Krankenhaus so wie wir als Endoprotethik-Zentrum zertifiziert ist, muss man mit seinen Ergebnissen innerhalb vorgegebener Grenzwerte bleiben. Die Infektionsrate liegt bundesweit bei 1,5 bis zwei Prozent. Die haben wir bei uns nicht, Gott sei Dank. Wir hatten in 2021 einen Infekt (0,3 Prozent), 2022 bisher keinen.

Frage: Ein weiteres Risiko sind wahrscheinlich Thrombosen, oder?

Bichmann: Jeder Patient bekommt bei uns einen Thromboseschutz. Das ist ein Präparat, das wir als Spritze verabreichen. Später in der Reha verabreicht man Tabletten. So sinkt das Risiko deutlich. Wir registrieren bei Hüften im Schnitt eine Thrombose im Jahr, bei Knieen liegt die Zahl etwas höher. Dass der Patient sich so schnell wie möglich nach der Operation bewegen soll, ist natürlich auch eine Thrombose-Prophylaxe. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass eine gewisse Anzahl an Thrombosen nicht erkannt wird und damit nicht in der Statistik auftauchen.

Frage: Wie lässt sich die Angst vor einer Hüft-OP bekämpfen?

Bichmann: Durch Information. Es handelt sich um den erfolgreichsten chirurgischen Eingriff, den wir überhaupt haben.

Frage: Gemessen woran?

Bichmann: An Patientenzufriedenheit und dem Mangel an Komplikationen. Viele Patienten sagen mir: „Hätte ich gewusst, wie unproblematisch der Eingriff ist, hätte ich ihn schon vor fünf Jahren machen lassen.“ Die Folgen sind überschaubar, das Operationstrauma ist gering. Wir haben die Möglichkeit von minimalinvasiven Zugängen. Das ist funktional und kosmetisch gut. Die Patienten bleiben fünf bis sieben Tage, gehen anschließend in die Reha. Manche lassen die Reha auch ambulant machen. Hüft-Prothesen werden seit etwa 50 Jahren eingesetzt. Das ist ein System, das sich perfekt weiterentwickelt hat.

Frage: Wie gut sind die Vorträge besucht, bei denen Sie versuchen, den Menschen die Angst vor der Hüft-OP zu nehmen?

Bichmann: Die sind sehr gut besucht. Information ist der Schlüssel zum Erfolg. Der Patient muss wissen, was er zu erwarten hat. In den Hochglanzbroschüren der Prothesenherstellen sieht es immer so aus, als könne man eine Woche nach der Operation auf den nächsten Berg steigen. Das ist nicht ehrlich. Die Patienten müssen wissen, wo sie dran sind. Dann sind sie in der Regel hinterher auch zufrieden.

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