Führungswechsel in Aurich  Neuer Museumsleiter hat detektivischen Spürsinn im Blut

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 09.11.2022 16:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Brigitte Junge (Mitte) hat den Vorsitz im Museumsverbund an Anke Kuczinski und Marcus Neumann abgegeben. Foto: privat
Brigitte Junge (Mitte) hat den Vorsitz im Museumsverbund an Anke Kuczinski und Marcus Neumann abgegeben. Foto: privat
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Dr. Christopher Galler wird ab Dezember die Leitung des Historischen Museums Aurich übernehmen. Der Museumspädagoge war in der Herkunftsforschung im Celler Bomann-Museums tätig.

Aurich - Der Nachfolger von Museumsleiterin Brigitte Junge kommt aus Celle: Er heißt Dr. Christopher Galler und hat sich gegen 24 Mitbewerber und Mitbewerberinnen durchgesetzt. Der Museumspädagoge wird seine Stelle im Historischen Museum Anfang Dezember antreten. Der Neue hat in seiner beruflichen Laufbahn schon viel Spürsinn bewiesen: Der 38-Jährige hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bomann-Museums in Celle die Herkunft von rund 6000 Exponaten hinterfragt und erforscht. Mehrere Jahre lang hat er vieles, was zwischen 1933 und 1945 im Zugangsbuch verzeichnet wurde, genau unter die Lupe genommen. Damit widmete er sich einem dunklen und viele Jahrzehnte lang verdrängten Kapitel der deutschen Geschichte. Niedersachsen hat erst 2015 ein Netzwerk zur Erforschung dieser Quellen ins Leben gerufen.

Dr. Christoph Galler wird das Historische Museum in Aurich künftig leiten. Foto: privat
Dr. Christoph Galler wird das Historische Museum in Aurich künftig leiten. Foto: privat

Mit viel Geduld und Forschergeist ist Dr. Christoph Galler der Frage nachgegangen, ob die Exponate auf normalem Weg erworben worden sind oder der Besitzer gezwungen wurde, sie weit unter dem eigentlichen Wert zu verkaufen. Diese Form des wissenschaftlichen Arbeitens nennt sich Provenienzforschung. Vor einigen Jahren hat das Bomann-Museum mit der Ausstellung „Suche nach Herkunft. NS-Raubkunst im Bomann-Museum?!“ die bisherigen Ergebnisse seiner Arbeit der Öffentlichkeit vorgestellt. Darunter waren auch viele Porzellanfiguren des Bomann-Museums aus der Sammlung des Berliner Sanitätsarztes Wilhelm Dosquet und seiner Frau Antonie. Dosquet war jüdischer Herkunft und hatte in seiner Privatklinik den Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky nach dessen KZ-Entlassung behandeln lassen. Dadurch geriet er in die Schusslinie der NS-Behörden. Aus Angst um die Zukunft ihrer Kinder ließ Antonie Dosquet die wertvolle Kunstsammlung 1941 versteigern.

Alltagsgeschichte der kleinen Leute sichtbar machen

Ob die Provenienzforschung auch im Historischen Museum in Aurich eine größere Rolle spielen wird als bisher, wird sich zeigen. Brigitte Junge hat der Einrichtung durch ihre 30-jährige Dienstzeit einen Stempel aufgedrückt. Für sie war es immer ein wichtiges Anliegen, nicht nur die Zeit von Aurich als Residenzstadt sichtbar zu machen, sondern auch die Alltagsgeschichte der kleinen Leute zu erzählen. Die Stadt ist Träger des Museums. Vor Monaten hatte die Ankündigung von Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos), die Besucherfrequenz im Museum erhöhen zu wollen, beim Personal für Irritationen gesorgt. Was soll verändert werden? Diese Frage steht immer noch im Raum. Dr. Christopher Galler war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Vor einigen Tagen hat Brigitte Junge auch ihren Vorsitz beim Museumsverbund Ostfriesland abgegeben. 17 Jahre lang war die 65-Jährige im Vorstand aktiv. Dr. Matthias Stenger, Direktor der Ostfriesischen Landschaft, lobte die „integrierende Kraft“ der Pädagogin. Anke Kuczinski, Leiterin des Museums „Leben am Meer“ und des August-Gottschalk-Hauses in Esens, wurde einstimmig zur 1. Vorsitzenden gewählt.

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