Florida  „Trump mit Gehirn“: Wer ist der Republikaner Ron DeSantis?

Flora Hallmann
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Von Flora Hallmann
| 09.11.2022 12:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ron DeSantis hat die Gouverneurswahl in Florida eindeutig für sich entschieden. Foto: dpa/Rebecca Blackwell
Ron DeSantis hat die Gouverneurswahl in Florida eindeutig für sich entschieden. Foto: dpa/Rebecca Blackwell
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Mit fast 20 Prozent Vorsprung gewinnt der Republikaner Ron DeSantis das Rennen um das Gouverneursamt in Florida – und ebnet sich damit den Weg als Donald Trumps größter Konkurrent auf dem Weg ins Weiße Haus. Doch wer ist der Politiker eigentlich?

Seit Jahrzehnten ist Florida ein sogenannter Swing State, also ein US-Bundesstaat, der nicht eindeutig demokratisch oder republikanisch wählt und üblicherweise stark umkämpft ist. Der Republikaner Ron DeSantis hat das nun geändert und das Gouverneursrennen mit fast 20 Prozent Vorsprung für sich entschieden. US-Medien sprechen von einer historischen Verschiebung der politischen Landkarte. Ron DeSantis gilt als abgeschwächte Version von Donald Trump – und ist dennoch in der Vergangenheit immer wieder mit politischen Extremen aufgefallen. Wer ist der Politiker?

Ron DeSantis ist gebürtig aus Florida, geboren 1978 als Urenkel italienischer Einwanderer. Er studierte Geschichte an der Universität Yale und Jura in Harvard, bevor er 2004 der Marine beitrat. In seiner Zeit in der Navy arbeitete er für den Kommandeur der Gefängnisinsel Guantanamo und als Rechtsberater im Irak. Von 2013 bis 2018 diente er als Kongressabgeordneter in Washington.

Als er dann 2018 für das Amt in Florida in den Wahlkampf zog, galt er noch als Günstling des damaligen Präsidenten Trump. Der bezeichnete DeSantis zu der Zeit als „brillante junge Führungspersönlichkeit“. Inzwischen ist Trumps Euphorie verflogen. Nun verspottet er den Mann aus Florida als „Ron DeSanctimoniuos“ (Sanctimonious heißt übersetzt scheinheilig) und droht, er werde Unangenehmes über ihn offenbaren, wenn dieser sich tatsächlich dafür entscheiden sollte, für die Wahl 2024 anzutreten.

DeSantis bietet ähnliche Hardliner-Positionen wie Trump. Aber er teilt nicht dessen Hang zu Skandalen, Kontrollverlust und Chaos, sondern gilt als disziplinierter und smarter als sein Parteikollege. Das macht ihn nach Einschätzung mancher Kritiker gefährlicher als Trump. DeSantis wird mitunter als „Trump mit Gehirn“ tituliert. DeSantis hat Elite-Unis besucht, noch dazu war er bei der Navy - und im Irak im Einsatz.

In den USA ist das kein unwichtiges Detail. Für jene in der Partei und an der Basis, die genug haben von Trumps Eskapaden, aber einen Kandidaten mit Trumpschen Inhalten wollen, ist DeSantis eine echte Alternative. Ronald anstelle von Donald. Einer wie Trump, aber ohne dessen politischen und juristischen Ballast.

DeSantis gehört wie Trump zum rechten Flügel der Republikanischen Partei. Bei seinen Wahlkampfauftritten spricht er über die „Indoktrinierung“ von Kindern und Jugendlichen an Amerikas Schulen durch die „Verbreitung der Gender-Ideologie“. Im März unterzeichnete er – selbst Vater dreier Kinder – ein Gesetz zum „Schutz der elterlichen Rechte auf die Erziehung“, das Unterricht über sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität im Kindergarten bis zur dritten Klasse verbietet.

Seine Gegner sprechen lieber vom „Don‘t Say Gay“-Gesetz – denn, so das Argument: Es verbiete Schülern und Lehrern im Unterricht über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität zu sprechen und drohe Lehrern mit Rauswurf, sollten sie es trotzdem tun. Das Gesetz verbietet queere Themen „auf eine nicht altersgerechte Art und Weise“ und lasse so Spielraum für weitere Einschränkungen.

Noch am Wahltag veröffentlichte DeSantis einen Flyer bei Twitter: „Florida schützt Kinder und unterstützt Eltern“, schrieb er. „Wir werden nicht zulassen, dass junge Schüler sexualisiert werden und wir werden nicht zulassen, dass Schulvertreter die Rolle von Eltern übernehmen.“ In dem Flyer prangert er unter anderem kindgerechte Sachbücher über das Thema Geschlechtsidentität an.

DeSantis ist außerdem vehementer Gegner der sogenannten „Critical Race Theory“, eines heiß diskutierten Teils des US-amerikanischen Kulturkampfes. Dabei geht es um strukturellen Rassismus in der US-Gesellschaft, also um Rassismus, der über zwischenmenschliche Diskriminierung hinausgeht. Beispiele sind Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt, bei der Jobsuche, bei der Kreditvergabe oder im Umgang mit der Polizei.

Struktureller Rassismus ist ein akademisch gut belegter Fakt – doch die Diskussion, ob auch Schülerinnen und Schüler im Unterricht darüber lernen sollen, ist erbittert. Ron DeSantis hat „Critical Race Theory“ aus den Schulen in Florida verbannt, mit der Begründung, es gehe dabei nur um Hass auf Weiße und sei ein Versuch, die Geschichte der USA umzuschreiben. Man werde weiterhin „die wahre Geschichte“ lehren, sagte er bei der Unterzeichnung des Gesetzes. DeSantis nannte den Erlass das „Stop Woke“-Gesetz.

Bei Twitter veröffentlichte er am Montag außerdem seinen Wunsch, „woke math“ ein Ende bereiten zu wollen, also „wokem“ Matheunterricht.

Als Südstaat ist in Florida das Thema Migration eigentlich immer politisch relevant – und Ron Desantis hat sich zuletzt sehr öffentlichkeitswirksam positioniert. Im September flog er unangekündigt mehrere Dutzend Migranten auf die Ferieninsel Martha‘s Vineyard in Massachusetts, DeSantis zufolge freiwillig. Er behauptete, dass sie ausgewählt worden seien, weil sie eigentlich von Texas aus nach Florida hätten kommen wollen. Wenn sie wirklich nach Florida kommen würden, würde das hohe Kosten für die Gemeinden bedeuten, sagte er. „Das versuchen wir zu vermeiden.“

In US-Medien hieß es, dass etliche der Migranten nicht gewusst hätten, wohin sie eigentlich gebracht würden. Viele von ihnen wurden am Freitag schließlich auf eine Militärbasis auf Cape Cod gebracht. Dort sollen sie in Wohnheimen untergebracht und mit Lebensmitteln versorgt werden. Bei ihnen handelt es sich vorwiegend um Menschen aus Venezuela. Das Land leidet seit Jahren unter einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise. Rund sechs Millionen Venezolaner haben ihre Heimat verlassen.

Die Gouverneure von Texas und Arizona hatten zuvor mit ähnlichen Aktionen für Aufsehen gesorgt. Demokraten werfen ihnen vor, Migranten für billige politische PR zu missbrauchen.

Nachdem Hurrikan „Ian“ in dem US-Bundesstaat eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hat, musste sich Ron DeSantis als Krisenmanager beweisen. Jeden Tag reiste der 44-Jährige mit seiner Frau Casey quer durch die Katastrophengebiete und versprach Hilfe. Im Windbreaker verteilte er Wasser und Essen an Menschen, deren Häuser zerstört wurden, schüttelte Hände und nahm Leute in den Arm, die alles verloren haben. Fotos der guten Taten zierten seinen Twitter-Account. Und mehrmals täglich trat der Republikaner vor Mikrofone, um einen Überblick über die Noteinsätze und den Wiederaufbau zu geben: sortiert, pragmatisch, staatsmännisch.

Wer sich bei den Menschen in Florida umhört, wo bei der Präsidentenwahl 2020 eine knappe Mehrheit für Trump stimmte, dem schlagen viele positive Reaktionen zu DeSantis entgegen. „Ich liebe ihn und seine Politik“, sagt der 18-jährige Julian aus Naples, der mit seinen Freunden aus einem Fast-Food-Restaurant in Immokalee kommt. „Ich mag sehr, was er im Bereich Erziehung und Schule macht.“

Im Örtchen Immokalee, wo die Auswirkungen des Hurrikans noch sehr zu spüren sind, schwärmt die 61-jährige Vicki Claggett über DeSantis: „Er hört den Menschen zu. Er ist hier runtergekommen, während wir mitten im Sturm steckten“ Claggett sagt, sie würde ihn eher unterstützen als Trump. Denn der habe die Leute wütend gemacht.

Ron DeSantis gilt für die Präsidentenwahl 2024 als größter parteiinterner Konkurrent für Ex-Präsident Donald Trump. Noch hat keiner der beiden offiziell eine Präsidentschaftsbewerbung verkündet, doch Beobachtern zufolge ist das nur eine Frage der Zeit. (mit dpa)

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