Osnabrück Automobilindustrie in der Krise - „Produktionseinbruch ist historisch ohne Beispiel”
Für Niedersachsenmetall-Chef Volker Schmidt ist die Abwanderung der deutschen Automobilindustrie schon jetzt verheerend. Dieser Wandel könnte schon bald auf Deutschlands Straßen sichtbar werden. Eine Studie der Beratungsgesellschaft PwC prognostiziert in drei Jahren rund 800.000 E-Autos aus China in Europa.
Eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC malt ein für den Automobilstandort Deutschland düsteres Bild: Europa wird nach Einschätzung der Unternehmensberatung ab 2025 mehr Autos importieren als exportieren. China werde zum E-Auto-Exporteur, heißt es seitens der Branchenexperten. In drei Jahren könnten in Europa knapp 800.000 Elektro-Fahrzeuge aus chinesischer Produktion verkauft werden, davon rund 330.000 aus den chinesischen Werken europäischer Autokonzerne.
Für Niedersachsenmetall-Chef Volker Schmidt ist die Entwicklung schon jetzt fatal. „Die Abwanderung deutscher Automobilhersteller und -zulieferer hat verheerende Auswirkungen auf die Wertschöpfung und Beschäftigung am Automobilstandort Deutschland”, sagt er unserer Redaktion. Während 2017 noch 5,6 Millionen Pkw in Deutschland produziert worden seien, werde die Produktion in diesem Jahr auf voraussichtlich 2,7 Millionen Einheiten schrumpfen. „Ein derartiger Produktionseinbruch unserer Schlüsselindustrie ist historisch ohne Beispiel”, so Schmidt.
Die Statista-Grafik zeigt: Schon 2020 ist die Automobilproduktion stark eingebrochen:
Was nicht ohne Konsequenzen bleiben dürfte. Einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zufolge können bundesweit rund 3,26 Millionen Erwerbstätige mit der Automobilwirtschaft in Verbindung gebracht werden. „Mit Blick auf das Autoland Niedersachsen hätte die Prognose der PwC-Studie enorme beschäftigungspolitische Folgewirkungen: Allein 62 Prozent der Industriearbeitsplätze, mindestens 350.000 Jobs, hängen hier unmittelbar am Auto”, warnt Schmidt.
„Schon heute haben wir einen erheblichen Beschäftigungsabbau im Automotive-Bereich zu verzeichnen, im Vergleich zum Vorkrisenniveau 2019 hat es deutschlandweit bereits einen Verlust an Arbeitsplätzen in einer Größenordnung von 60.000 gegeben.” Und gerade erst hat der Automobilzulieferer Schaeffler angekündigt, 1300 weitere Jobs abzubauen.
Vor diesem Hintergrund kritisiert Schmidt auch das Verbrenner-Aus. „Während Europa einseitig die E-Mobilität fördert, setzen 90 Prozent des globalen Automobilmarktes technologieoffen auch weiter auf den Verbrenner”, so der Niedersachsenmetall-Chef. Wenn ein deutscher Automobilhersteller global wettbewerbsfähig sein wolle und massiv in die Transformation investieren müsse, dann werde er aus Kostengründen nicht umhinkommen, vermehrt im Ausland zu produzieren, warnt Schmidt.
Mit Folgen auch für die Zulieferer. Sie würden im Zuge des Transformationsdrucks ebenfalls ihre Produktion zunehmend ins außereuropäische Ausland verlagern - dorthin, wo die Produktionsstätten der Hersteller seien.
Ziel muss es Schmidt zufolge sein, Wachstum und Beschäftigungspotentiale der Automobilindustrie am Standort Deutschland zu halten. „Die Bewältigung dieser Herausforderungen wird zum Lackmustest für die Wirtschaftspolitik und entscheidend dafür sein, ob die Automobilwirtschaft auch in Zukunft ein Grundpfeiler der deutschen Wirtschaft bleibt.“
Der PwC-Studie zufolge haben E-Auto-Importe jedoch auch mit den Herstellern selbst zu tun. Aufgrund von Lieferproblemen würden europäische Hersteller vor allem auf teure E-Auto-Modelle setzen. Ganz im Gegensatz zu chinesischen Herstellern, die inzwischen günstige Elektro-Modelle mit neuer Technik und Konzepten nach Europa brächten. „Als Ergebnis sehen wir, dass es kein europäisches Modell in die Top 5 der meistverkauften E-Autos weltweit schafft”, so PwC-Branchenexperte Felix Kuhnert. Bis 2030 könnten chinesische Hersteller etwa 5 Prozent Marktanteil des europäischen E-Auto-Marktes erobert haben.
Die Statista-Grafik zeigt, wie rasant der Markt für E-Autos wächst: