Kolumne „Artikel 1, GG“ Es gibt keine einfachen Lösungen
Mittwochs geht es hier um den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Heute beschäftigt sich unsere Kolumnistin mit Hass und Hetze im Internet und den Gründen für deren Entstehung.
Jüngst hörte ich einen Vortrag über Gefühle. Die Wissenschaftlerin forscht zur Wechselbeziehung zwischen Beiträgen auf Online-Kanälen und den Emotionen, die sie bei den Rezipienten hervorrufen. Dass all die Beiträge die Stimmung aufheizen, ist inzwischen gut erforscht. Nicht aber, warum die einen Menschen sich so dermaßen manipulieren lassen und ihr Hass wächst.
Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Ich lese immer wieder Fachbücher, die sich mit Emotionen und Verhalten beschäftigen. Und: Ich mache selbst Feldforschung und versuche in Gesprächen, die individuellen Motive herauszufinden. So wie in dieser Woche in Sachsen, wo ich erneut auf Lesereise bin.
Zur Person
Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
So sehr ich gerne mit Menschen ins Gespräch kommen möchte, die AfD-Wähler sind und/oder rechtsextreme Ansichten haben, es ist mir bisher leider nicht gelungen. Immer zu gerate ich an Ostdeutsche, die auch ihre Probleme mit den problematischen Bürgern haben. Weil ich nicht an die herankomme, die Angst vor der „Umvolkung“ haben, die Migranten und all die Menschen hassen, die von ihren Vorstellungen von „normal“ abweichen, versuche ich es auf andere Weise: „Warum sind Sie denn kein AfD-Wähler? Warum sind Sie denn kein Neonazi?“ Meine direkte Art überrascht und verstört manche Menschen; viele können nicht auf Anhieb antworten – auch, weil sie sich mit diesen Fragen bisher nicht beschäftigt haben. Im Laufe der Gespräche erhalte ich unterschiedliche, teilweise von einander sehr abweichende Antworten.
Warum jene, die online „die“ Politiker für alle Probleme verantwortlich machen und „die“ Flüchtlinge zum Feind erklären, viel Zuspruch bekommen und warum es ihnen gelingt, Hass zu schüren? Im Osten der Republik scheinen es andere Gründe zu sein als im Westen. Das habe ich herausfinden können. Es gibt keine allgemeingültigen Antworten auf komplexe Fragen, keine einfachen Lösungen für vielschichtige Probleme. Das ist frustrierend, aber – für mich – kein Grund zu hassen.
Ein Appell für mehr Rücksicht auf andere
Gelassenheit tut uns allen gut
Michel Friedman: „Die Lebensqualität für Juden ist schlechter geworden“