Sichtschutzwand gegen Schaulustige  So vehement sind die Gaffer in der Region

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 08.11.2022 11:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Gaffer fotografieren Feuerwehrmänner beim Einsatz. Foto: Thome/stock.adobe.com/Archiv
Gaffer fotografieren Feuerwehrmänner beim Einsatz. Foto: Thome/stock.adobe.com/Archiv
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In Jemgum konnte die Feuerwehr eine Sichtschutzwand anschaffen. Man will Gaffer abhalten. Wie aufdringlich sind die Schaulustigen?

Jemgum - Bei Unfällen zählt jede Sekunde und je reibungsloser die Einsatzkräfte vorankommen, desto höher die Chance, dass sie Leben retten können. Menschentrauben und Gaffer, die Wege versperren, sind eine Gefahr für die Unfallopfer, für sich selbst und eine Belastung für Einsatzkräfte. Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen, wie man das Gaffen beenden will. In Jemgum hat die Feuerwehr nun eine Sichtschutzwand gekauft. „Bei Einsätzen in Siedlungen, wo viele Menschen wohnen, geht es schnell, dass Schaulustige herauskommen“, sagt Jan Remmers, Gemeindebrandmeister von Jemgum. Sonderlich häufig seien ihm persönlich Probleme mit Gaffern allerdings im Einsatz nicht untergekommen.

Was und warum

Darum geht es: Gaffen ist kein Kavaliersdelikt. Es gibt teils hohe Strafen. Allein das kann aber Schaulustige nicht abschrecken.

Vor allem interessant für: Alle, die einmal auf Rettungskräfte angewiesen sind

Deshalb berichten wir: Die Feuerwehr Jemgum konnte eine Sichtschutzwand anschaffen.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Aber es gebe Orte, an denen die Wand besonders hilfreich sei: „Natürlich ist solch eine Wand aber eine gute Sache. Gerade bei Einsätzen auf der Autobahn“, sagt er.

Was bringt die Wand?

Durch die Sichtschutzwand könne man den Verkehrsteilnehmern auf der Gegenfahrbahn so den Anreiz nehmen, zum Schaulustigen und damit auch zur Gefahr zu werden: „Auf der Autobahn beobachtet man oft, dass Fahrer langsamer werden“, so Remmers. „Mit einer Wand ist es aber nicht nur auf der Autobahn für alle besser. Für die, die sich dahinter beruhigter aufhalten können und auch für die, die gar nicht erst in Versuchung kommen, etwas sehen zu wollen.“ Dies werde leider in der heutigen Zeit immer nötiger, da Handys mit Videokamera immer und überall zur Hand seien, schreibt die Jemgumer Feuerwehr bei Facebook. „Die Sichtschutzwand wurde von den Spendengeldern der Jemgumer Bevölkerung finanziert“, so Remmers. Für die Unterstützung sei man sehr dankbar.

„Was wirklich auffällt ist, dass nicht nur aus Sicherheitsgründen langsam an Unfallstellen vorbeigefahren wird, sondern auch, um zu gucken, was denn wohl passiert ist“, erklärt auch Svenia Temmen Sprecherin von der Polizeiinspektion Leer/Emden. Auch komme es vor, dass Fotos von Unfallstellen gemacht würden. Videoaufnahmen von Unfallstellen oder gezieltes Filmen von Einsatzkräften sei seltener vor.

Was kann man tun?

Mit der Wand versucht man also, das Gaffer-Problem zu unterbinden, bevor es entsteht. Wenn sich Schaulustige schon versammelt haben, ist die Feuerwehr allerdings nicht machtlos. „Im Zuge der Einsätze haben wir die Befugnis, Platzverweise auszusprechen“, erklärt Gemeindebrandmeister Remmers. Die Polizei hat diese Befugnisse natürlich auch. Gebrauch machen mussten sie davon alllerdings nicht oft, teilt Temmen mit. „In der jüngeren Vergangenheit hatten wir keine größeren Probleme mit Schaulustigen. Eine Ausnahme war der Vorfall mit dem Freitod eines jungen Mannes in Emden in den Wallanlagen. Dort musste der Bereich großräumig abgesperrt werden.“ Die Lage sei aber überschaubar gewesen. Aus dem Einsatzbereich gebe es keine Meldungen über gravierende Störungen durch Schaulustige. „Jedoch bemerken wir auch durch Berichterstattungen, dass die Sensationslust durchaus vorhanden ist.“

Hohe Strafen reichen nicht?

Platzverweis ist das eine, es gibt aber auch Strafen: „Wer bei Unfällen oder in Situationen, in denen andere Menschen in Not sind, keine Hilfe leistet, wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe bestraft“, erklärt der ADAC. Außer man bringe sich durch die Hilfeleistung selbst in Gefahr. „Die Strafen drohen auch, wenn andere Hilfeleistende, eben zum Beispiel Rettungskräfte, behindert werden“, heißt es weiter. Die drohenden Strafen reichen anscheinend nicht aus – der Sichtschutz der Feuerwehr zeigt das.

Einige Rettungswagen haben ein "Anti-Gaffer-Design": Es ist ein QR-Code auf dem Rettungswagen zu sehen, der eine Botschaft enthält. Diese soll auf Smartphones von Schaulustigen erscheinen, wenn sie Unfall-Einsätze der Johanniter fotografieren wollen. Die Johanniter-Unfall-Hilfe hatte den ersten in diesem Frühjahr in Brandenburg in Betrieb genommen. Foto: Soeder/dpa
Einige Rettungswagen haben ein "Anti-Gaffer-Design": Es ist ein QR-Code auf dem Rettungswagen zu sehen, der eine Botschaft enthält. Diese soll auf Smartphones von Schaulustigen erscheinen, wenn sie Unfall-Einsätze der Johanniter fotografieren wollen. Die Johanniter-Unfall-Hilfe hatte den ersten in diesem Frühjahr in Brandenburg in Betrieb genommen. Foto: Soeder/dpa
Wenn Gaffer noch weitergehen als im Weg herumzustehen, werden auch die Strafen einschneidender: „Gaffer, die Verletzte und verunglückte Fahrzeuge fotografieren oder filmen, müssen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe rechnen. Es ist dabei egal, ob die Aufnahmen weitergegeben oder veröffentlicht werden“, erklärt der ADAC. Was zähle, sei allein die Anfertigung, die laut Strafgesetzbuch „die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt“. Außerdem werde auch das Fotografieren und Filmen von Toten sanktioniert, ebenfalls mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe. „Das Gesetz ist am 1. Januar 2021 in Kraft getreten. Dies deckt sich mit der Forderung des ADAC, verstorbene Personen besser vor bloßstellenden Fotos und Videos zu schützen“, heißt es weiter.

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