Berlin  Buhrows „Revolution“: Wie wahrscheinlich ist eine Fusion von ARD und ZDF?

Jakob Patzke
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Von Jakob Patzke
| 07.11.2022 18:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Idee von Tom Buhrow, ARD und ZDF zusammenzulegen, hat für Furore gesorgt. Foto: imago images/Agentur 54 Grad
Die Idee von Tom Buhrow, ARD und ZDF zusammenzulegen, hat für Furore gesorgt. Foto: imago images/Agentur 54 Grad
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Spätestens seit der Affäre um die Intendantin Patricia Schlesinger gilt der öffentlich-rechtliche Rundfunk als angeschlagen. Interimschef Tom Buhrow hat nun eine Fusion von ARD und ZDF ins Spiel gebracht. Wie realistisch ist ein solches Szenario? Und wie hilfreich wäre es?

Vermutlich hat Tom Buhrow von Anfang an gewusst, welche Wirkung seine Worte haben werden. Anders ist es kaum zu erklären, warum der WDR-Intendant und kommissarische Vorsitzende der ARD in seiner Rede im Hamburger Übersee-Club zunächst ausdrücklich betonte, er spreche als „Privatmann“ und dann einen Gedanken vortrug, der in Deutschland seitdem heftig diskutiert wird.

Es ging Buhrow um nichts Geringeres als die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medien. „Deutschland scheint uns in zehn Jahren nicht mehr in dem Umfang zu wollen – und auch finanzieren zu wollen wie heute“, so der ARD-Vorsitzende während seiner Rede in Hamburg, die von der „FAZ“ dokumentiert wurde. „Wenn wir jetzt nicht verantwortungsvoll und ehrlich einen Neuanfang machen, wird es schlimmstenfalls keinen Neuanfang geben.“

Die Krise der Öffentlich-Rechtlichen trieb Buhrow so weit, eine Fusion von ARD und ZDF ins Spiel zu bringen. „Will Deutschland im 21. Jahrhundert weiter parallel zwei bundesweite, lineare Fernsehsender? Wenn nicht: Was heißt das? Soll einer ganz verschwinden und der andere bleiben? Oder sollen sie fusionieren, und das Beste von beiden bleibt erhalten?“ Der Intendant nutzte in diesem Zusammenhang auch das Wort „Revolution“.

Buhrow spielte damit auf die vielfach kritisierte Koexistenz von ARD und ZDF an, die zuletzt im Rahmen der Berichterstattung über den Tod von Queen Elizabeth II. wieder einmal für Unmut gesorgt hatte. Der WDR-Intendant legte mit seiner Rede demnach den Finger in die Wunde. Denn fest steht: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat seit Jahren ein Legitimationsproblem.

Sehen Sie in der Statista-Grafik die Gesamterträge aus den Rundfunkgebühren in Deutschland bis 2021:

Bemerkenswert an Buhrows Rede ist, dass er – auch wenn er als „Privatmann“ auftrat – für den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk sprach, für ARD und ZDF. Wie aber steht letztere Anstalt zu dem Vorstoß des kommissarischen ARD-Vorsitzenden? „Wir beim ZDF sind offen und bereit für eine grundsätzliche Debatte und scheuen keinen Vergleich der Systeme“, erklärte ZDF-Intendant Norbert Himmler gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

„Ich teile aber nicht die pauschale Skepsis des ARD-Vorsitzenden in Bezug auf die Reformfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als Ganzes.“ Man sei immer lern- und veränderungsfähig. Der neue Medienstaatsvertrag mache in den Augen Himmlers eine Fusion von ARD und ZDF daher überflüssig. Zumal der Betrieb zweier Sendeanstalten auch seine positiven Seiten habe. „Zur Qualität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat auch der publizistische Wettbewerb zwischen ARD und ZDF beigetragen“, so Himmler im RND.

Deutlich radikalere Worte nutzte Satiriker und ZDF-Moderator Jan Böhmermann. In seiner Sendung „ZDF Magazin Royale“ setzte er sich kritisch mit ARD und ZDF auseinander und eröffnete seine Wutrede mit den Worten „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist scheiße.“ Als Seitenhieb auf Buhrow erklärte Böhmermann zudem, er äußere sich rein als Privatmann und nicht als Moderator des ZDF.

Dabei belässt es der Satiriker nicht mit Kritik am WDR-Intendanten. Böhmermann erzürnt sich auch über den Skandal um die frühere RBB-Intendantin Patricia Schlesinger sowie die defensive Haltung der Rundfunkanstalten in diesem Fall. Hinzu kämen Vetternwirtschaft beim NDR und Mauscheleien bei Verträgen.

In seinem Podcast „Fest und Flauschig“ untermauerte Böhmermann seine Kritik an Buhrow. Dieser habe es in den vergangen Jahren verpasst, die Sendeanstalten entsprechend zu reformieren. Stattdessen trete Buhrow als Privatmann auf und verkünde öffentlich eine Idee, die zuvor mit niemandem diskutiert worden sei.

Aber wie realistisch ist eine Fusion von ARD und ZDF überhaupt? In der Politik gibt es Stimmen, die einen solchen Schritt begrüßen dürften. Vor allem FDP und AfD sprachen sich in der Vergangenheit mehrmals dafür aus, das Konzept der Öffentlich-Rechtlichen grundlegend zu reformieren. Christian Lindner, Chef der Liberalen, erklärte dann auch: „Herr Buhrow spricht das bisher Unsagbare und Undenkbare aus.“

Laut RND arbeiten ARD und ZDF auf technischer und redaktioneller Ebene bereits eng miteinander. Dies gelte beispielsweise bei Sportergebnissen oder den Mediatheken. Allerdings sei das Einsparpotenzial beim ZDF deutlich niedriger als bei der ARD, die allein 64 regionale Radiosender und 14 Orchester und Bigbands betreibe, was aus heutiger Perspektive als arg überholt betrachtet werden darf.

Eine Fusion der beiden Anstalten scheint auf dem Papier machbar. Die Frage ist vielmehr, ob ARD und ZDF dazu bereit sind. Hinzu kommt, dass die Entscheidung darüber nicht die Sender selbst treffen, sondern die Politik. Heike Raab, SPD-Politikerin und Koordinatorin der Rundfunkkommission, reagierte bereits verschnupft auf Buhrows Vorstoß. „Wir werden den ARD-Vorsitzenden an seinen jüngsten Aussagen messen und dann Anfang des kommenden Jahres über die weiteren Reformschritte beraten.“

Sehen Sie in der Statista-Grafik die Zuschauermarktanteile der TV-Sender im September 2022:

Sollte es tatsächlich zu einer Fusionierung von ARD und ZDF kommen, dürfte dieser Schritt einige Zeit in Anspruch nehmen. Das weiß auch Kai Gniffke, SWR-Intendant und ab Januar 2023 Nachfolger des scheidenden ARD-Vorsitzenden Buhrow. „Das kann Jahre dauern. Diese Geduld habe ich nicht. Meine Sorge ist, dass in dieser Zeit der Reformeifer erlahmt“, erklärte Gniffke gegenüber dem RND.

Man solle lieber gemeinsam mit den Aufsichtsräten mutige Reformen voranbringen und Dinge wie Hörfunkwellen, Orchester und Produktionsstätten auf den Prüfstand stellen.

Wie aber könnte eine fusionierter Sender aus ARD und ZDF aussehen? Die „Rheinische Post“ spekuliert, dass ein solcher Sender die Wettbewerbssituation komplett verändern würde, wenn dieser die gesamten bisherigen Einnahmen aus dem Rundfunkbeitrag und der Werbung zur Verfügung hätte. Welche Chance hätten dann noch andere Mitbewerber?

Fakt ist jedenfalls, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten sich dringend reformieren müssen, wenn sie weiterhin relevant und akzeptiert bleiben wollen. Dies liegt jedoch weniger in den Händen von Buhrow, sondern in den Händen seines Nachfolgers Gniffke, der zumindest verbal entsprechende Schritte angekündigt hat. Die Zeit wird zeigen, ob Taten folgen werden.

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