Rinder-Transporte Ostfriesische Vieh-Exporteure entsetzt über Pläne aus Berlin
Tausende Rinder werden jährlich aus dem Kreis Aurich in Drittstaaten transportiert, etwa nach Marokko. Minister Cem Özdemir will das ändern – zum Ärger hiesiger Akteure.
Aurich/Berlin - Die Nachricht, die vor einigen Tagen aus Berlin kam, ließ Tierschützer verhalten jubeln und hat den Moordorfer Rinderexporteur Uwe Lindena „kalt erwischt“, sagt er. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) will den Transport lebender Rinder in Staaten außerhalb der EU erschweren und zieht deshalb seine offiziellen Veterinärbescheinigungen für den Export in diese Länder zum 1. Juli 2023 zurück. „Das heißt, dass wir in diesen Ländern keine Zertifikate mehr mit dem Bundesadler vorlegen können, mit denen wir nach zwischen beiden Ländern ausgehandelten Standards belegen, dass die Tiere seuchenfrei und gesund sind – und auf deren Basis Importe genehmigt werden“, sagt Lindena.
Was und warum
Darum geht es: Bundesagrarminister Cem Özdemir will Lebendtransporte von Rindern in Drittstaaten erschweren – das trifft ostfriesische Exporteure.
Vor allem interessant für: Landwirte, die Tiere für den Transport ins Ausland verkaufen, Exporteure und alle, die sich mit Tiertransporten befassen
Deshalb berichten wir: Tausende Rinder werden jedes Jahr aus dem Landkreis Aurich in Drittstaaten exportiert, etwa nach Marokko oder Tunesien. Diese Transporte will Bundesminister Cem Özdemir nun erschweren und begründet das mit dem Streben nach mehr Tierschutz. Wir haben deshalb bei hiesigen Exporteuren und Tierschützern nachgefragt. Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de
Er selbst hat zuletzt sämtliche seiner jährlich etwa 2000 bis 2200 vermarkteten Rinder in sogenannte Drittstaaten exportiert. „Viele nach Marokko und Tunesien, früher auch sehr viele in die Türkei, Jordanien, wenige nach Ägypten. Russland war vor dem Krieg auch ein Thema, Aserbaidschan, Usbekistan, Kasachstan“, sagt er. Jahresumsatz: etwa drei bis vier Millionen Euro, sagt Lindena. „Wenn der Bund seinen Plan nun so umsetzt, dann ist alles vorbei.“
Özdemir will Tierschutz stärken
Auch den Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST) mit Sitz in Leer und einer großen Exportstation in Aurich, der jährlich zwischen 6000 und 8000 Rinder vermarktet und davon etwa die Hälfte in Drittstaaten liefert, treffen die Pläne von Bundesminister Cem Özdemir (Grüne). Dieser begründete den Schritt so: Ziel der Bundesregierung sei es, den Tierschutz beim Transport weiter zu stärken. „Wir können nicht länger zusehen, wie Tiere auf langen Transporten leiden oder qualvoll sterben. Deshalb begrenzen wir die Transporte aus Deutschland in Länder außerhalb der EU, soweit wir das selbst können. Damit nationale Beschränkungen nicht umgangen werden, brauchen wir aber auch dringend bessere gemeinsame Regeln in Europa.“ Statt lebende Tiere zu exportieren, möchte Özdemir nun mit Drittstaaten Ausfuhrstandards für Sperma aushandeln.
Damit handelt er entsprechend der mehrheitlichen Forderung der Abgeordneten des EU-Parlaments aus Brüssel. Die hatten im Vorjahr von den Mitgliedsstaaten den „Übergang zu einem effizienteren und ethischeren System“ verlangt, „das den Transport von Sperma oder Embryonen anstelle von Zuchttieren und von Schlachtkörpern und Fleisch anstelle von lebenden Tieren zur Schlachtung fördert. Sie fordern die Kommission auf, bis spätestens 2023 einen Aktionsplan zur Unterstützung dieses Übergangs vorzulegen, einschließlich eines Vorschlags für einen spezifischen Fonds, um die sozioökonomischen Auswirkungen eines derartigen Wandels möglichst gering zu halten“, heißt es auf der Seite des EU-Parlaments.
„Wüsste nicht, dass ein Tier bei mir gelitten hat“
VOST-Geschäftsführer Cord-Hinnerk Thies zeigt sich „irritiert bis verärgert“ über den Schritt aus Berlin. „Wir kriegen jetzt andauernd Anrufe aus dem Ausland, ,was ist denn bei euch in Deutschland los?‘, weil der Schritt ohne Vorwarnung von jetzt auf gleich erfolgt ist.“ Unwidersprochen könne und werde man das nicht lassen. „Der Wegfall der Zertifikate wäre für uns wie ein Rückfall in die Steinzeit. Und jeder Exporteur muss dann einzeln mit den Behörden hier wie auch in den Zielländern über jeden einzelnen Transport verhandeln, weil die vereinbarten offiziellen Standards wegfallen.“ Er wie auch Lindena verfechten, sich an geltendes Tiertransportrecht zu halten, den Tieren auf Langstreckentransporten die vorgeschriebenen Ruhepausen zukommen zu lassen.
Lindena sagt: „Die Zahl der Rinder pro Laster ist gesenkt worden, die Lüftung ist perfekt, jeder Lkw wird per GPS überwacht. Wir tun alles.“ Er behauptet auch: „Ich verstehe die Kritik, dass die Tiere beim Transport leiden, auch nicht. Ich wüsste nicht, dass je ein Tier bei mir gelitten hat.“ Er wisse genau, wo welches Tier lande, reise regelmäßig in die Zielländer, besuche die Höfe, wo die Rinder untergebracht werden, und alles sei „vorbildlich“, insbesondere in Marokko. „Und dieses Verbot kommt zur Unzeit, weil gerade die Nachfrage insbesondere aus Marokko riesig ist. Deutsche Tiere sind gefragt, weil sie so gesund sind. Die Kunden wissen, dass wir die Tiere gut behandeln und transportieren.“ Man kenne die Fahrer und Kunden bereits seit Langem, habe Vertrauen aufgebaut.
VOST erwägt Klage vor Gericht
Nun betrifft die Kritik der Tierschützer nur in Teilen den Transport als auch vor allem den Umgang mit Tieren in den Zielländern, die nicht den EU-Regeln unterliegen. Ein immer wiederkehrender Vorwurf ist, dass hiesige Milchkühe nicht an die Hitze dort angepasst seien, oft auch nur kurz in Milchställen stünden und dann ohne Betäubung per Schächtung getötet werden. Die Exporteure bestreiten, dass dies mit den von ihnen gelieferten Tieren passiert.
VOST-Chef Thies sagt: „Wir werden – auch über den Bundesverband Rind und Schwein – Widerstand leisten, den Kontakt zur Politik suchen und zur Not auch klagen müssen und wollen. Wir können nicht die Hände in den Schoß legen, denn noch ist Zeit. Schmerz vergeht, aber Aufgeben ist für immer. Notfalls müssen Richter in der Sache entscheiden, denn es gibt geltendes EU-Recht, an das wir uns halten.“ Das soll nach dem Willen des EU-Parlaments indes reformiert werden. Ein Punkt, auf den Özdemir setzt.
„Hoffe, dass sich nun endlich etwas tut“
Diedrich Kleen, der für die Tierschutzpartei im Wiesmoorer Stadtrat sitzt und Mitorganisator einer großen Demo im Frühjahr gegen Tiertransporte war, sagt: „Ich hoffe, dass sich nun endlich was tut im Sinne der Tiere und dass Cem Özdemir es schafft, ein EU-weites Verbot von Langstreckentransporten umzusetzen. Es darf keine Möglichkeit geben, die Beschränkungen zu umgehen, indem die Rinder etwa nach Belgien exportiert und dann von dort aus nach Marokko transportiert werden. Sonst wäre es nur eine Art ,Greenwashing‘ und die Rinder werden weiterhin diesen Qualen durch Transport und Tötung ausgesetzt.“
Er setzt dabei auch auf Miriam Staudte (Grüne), die in dieser Woche als neue Landes-Agrarministerin vereidigt wird und sich in der Vergangenheit deutlich gegen Langstreckentransporte geäußert hat. Dieser Punkt lässt Lindena um sein Geschäft fürchten. „Ich habe selbst schon neben ihr auf Podiumsdiskussionen gesessen, kenne ihre Positionen – auch wenn mir bis heute die Substanz an den Vorwürfen angeblicher Tierrechtsverstöße fehlt. Für uns und auch für die Landwirte, die über uns ihre Tiere vermarkten, ist das kein gutes Zeichen.“