Hamburg Fünf Gründe, warum Mangas in Deutschland so erfolgreich sind
Anime auf Netflix, Millionen verkaufte Hefte, Cosplayevents in jeder Stadt: Mangas können auf eine beispiellose Erfolgsgeschichte zurückblicken. Was machen sie besser als „Asterix“ oder „Lucky Luke“?
In diesem Artikel erfährst Du:
Deutschland ist spätestens seit Beginn der Coronavirus-Pandemie Mangaland: Millionen Hefte werden jedes Jahr verkauft, die Umsätze haben sich innerhalb eines Jahres fast verdoppelt. Doch woher kommt die Faszination für die gezeichneten Geschichten? Wie wurden sie so erfolgreich in Deutschland? Und was machen sie anders und besser als europäische Comics? Fünf Erklärungsansätze.
„In Deutschland sind vor allem Shojo-Mangas sehr beliebt“, erklärt Katharina Hülsmann. Die Japanologin arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu Köln und forscht zu japanischer Populärkultur. Shojo-Mangas behandeln Themen aus dem Leben junger Frauen: das erste Verliebtsein genauso wie Mobbing in der Schule oder Cliquenbildung, so Hülsmann. Unabhängig vom Genre stehen (romantische) Beziehungen im Zentrum der Geschichten.
In Shojo-Manga werden Frauenhelden zu Romantikern:
Das Gegenstück dazu sind Shonen-Manga, die sich an Jungen richten, in denen Abenteuer, Freundschaft und Durchhaltevermögen im Vordergrund stehen. In der Themenauswahl ähneln sie deutlich stärker den Abenteuergeschichten franko-belgischer Comics wie „Tim und Struppi“ oder „Spirou und Fantasio“.
Europäische und amerikanische Comicserien, die Themen aus dem Leben (junger) Frauen aufgreifen, sind Mangelware; die Protagonisten in der Regel männlich, Frauen bloß Nebenfiguren. Bei der zielgruppenorientierten Ansprache von jungen Frauen hat die Comicwelt Nachholbedarf; doch jene Lücke haben Shojo-Mangas längst besetzt.
Die japanische Leserichtung (von hinten nach vorne) und Zeichnungen ohne Farbe: Die Sorge, dass die ungewohnte Gestaltung des Mangas im Vergleich zu farbenfrohen Comics wie „Asterix“ auf dem westlichen Markt durchfallen könnte, schien anfangs berechtigt. 1991 wagten sich deutsche Verlage erstmals an Mangas, zunächst mit mäßigem Erfolg: Die verhältnismäßig dünnen Hefte boten wenige Minuten Lesespaß trotz eines stolzen Preises. „Das war ein sehr, sehr begrenztes Fanpublikum“, erinnert sich Kai-Steffen Schwarz, Programmleiter bei Carlsen Manga.
Auch als Anime begeisterte „Dragon Ball“:
Ende der 90er-, Anfang der 2000er-Jahre ist Manga „in den Mainstream explodiert“, berichtet Schwarz. Populäre Reihen wie „One Piece“ oder „Naruto“ begeisterten seitdem männliche wie weibliche Leser. Und das teilweise über Jahre. „Es gibt Fans, die vor 15 Jahren angefangen haben und sich heute die edlen Sammlerversionen von dem kaufen, was sie von früher kennen“, berichtet Schwarz. Um manche Serien ist dadurch so ein Hype entstanden, dass sich auch junge Leser im Alter von zehn, elf Jahren an die Comics von früher wagen.
„Naruto“ gibt es zu lesen und zu sehen:
Sind diese Klassiker der Beginn einer Umorientierung der Unterhaltungsindustrie weg von den USA hin zu Japan? Das verneinen sowohl die Japanologin, als auch der Programmleiter. „Es ist nicht so, dass der Mainstream sich umorientiert und auf den östlichen Popmarkt schaut. Es gibt immer mal wieder kleinere Wellen, die kommen, aber dann auch wieder abflauen”, erklärt Hülsmann. Gleichwohl geht sie davon aus, dass es eine zunehmende Diversifizierung der Populärkultur geben wird, weg von der Dominanz US-amerikanischer Medien.
Die steigende Popularität des Mangas hängt mit dem Boom von Anime-Serien zusammen. „Gerade in der Pandemie wurde Anime wieder sehr populär auf Streaming-Plattformen. Über Anime kommen viele erstmals in Berührung mit japanischen Medien”, erklärt Hülsmann.
Monatlich veröffentlicht Netflix Neuerscheinungen:
Andere Anbieter fokussieren sich sogar komplett auf Anime: Der US-amerikanische Streamingdienst „Crunchyroll“ hat inzwischen mehr als fünf Millionen Abonnenten.
Das erlebt auch Japanologin Hülsmann. Wenn sie Seminare zum Thema Manga im Fach Medienwissenschaften gibt, hätten viele Studierende bereits Anime gesehen, während die Mangaleser meist in der Unterzahl seien.
Doch nur Lesen oder Zuschauen reicht vielen Fans nicht: Sie wollen in die Welten eintauchen. Seit Jahren boomen Cosplay-Events in Deutschland.
Zwischen Anime und Manga besteht ein Wechselspiel: Nur Mangas, die in Japan erfolgreich sind, werden zu Animes, gleichzeitig bedeutet ein erfolgreicher Anime nicht, dass Verlage viel mehr Mangas verkaufen. „Aus reiner Verlagssicht ist der zusätzliche Push durch einen Anime dann am größten, wenn wir den Manga vorher schon im Programm hatten“, erklärt Schwarz. Da die Zeitabstände zwischen der Veröffentlichung in Japan und im Rest der Welt immer kürzer werden, hätten Verlage kaum Chancen darauf, rechtzeitig vor dem Deutschlandstart die Lizenzen zu erwerben.
Doch gerade gut laufende Serien profitieren vom Anime.
„One Piece“ hat bereits die 100 überschritten, „Naruto“ kratzt an der 75: Mangareihen können sich über dutzende einzelne Hefte erstrecken. Undenkbar in europäischen Comics, bei denen nach jedem Band auf „Reset“ gedrückt wird und es so gut wie keine Handlungsstränge über mehrere Bände gibt. Bei Reihen wie „Lucky Luke“ oder „Asterix“ ist es egal, ob man mit Band 1 oder 20 anfängt – das Setting bleibt das Gleiche. Das wäre undenkbar im Manga: Die Handlung wird immer weiter geschrieben, über Jahrzehnte können Fans ihre Lieblingsfiguren begleiten.
Carlsen, der führende Verlag für Mangas in Deutschland, hat mehr als 1600 lieferbare Bände im Angebot. „Eine Serie wie One Piece belegt davon aber inklusive Spin-Offs und Zusatzgeschichten allein schon um die 120 Bände“, so Schwarz. Knapp die Hälfte des Programms stelle sich insofern durch Fortsetzungen selbst auf. Dazu kommen vielversprechende Neuerscheinungen prominenter Autoren sowie von Schwarz Redaktionsteam ausgewählte Titel.
Wer ein Fan der Reihe ist, braucht insofern am besten mehrere Regale für die Sammlung: Denn Mangas werden fast ausschließlich (97 Prozent) in gedruckter Form gelesen, gibt der Manga-Experte von Carlsen Einblicke.
Teuer sind die einzelnen Bände nicht: die aktuellen „One Piece“-Bücher kosten sieben Euro. Das ist für die einzelne Ausgabe nicht viel – will man alle besitzen, wären das 721 Euro. Ein Preis, den viele Fans bereits sind zu bezahlen, zumal der E-Manga gerade mal einen Euro weniger pro Ausgabe kostet.
Dass Mangas zum Lesen in gedruckter Form konzipiert sind, merkt jeder, der ein Buch in die Hand nimmt. „Mangas haben oft ein dynamisches Seitenlayout, das die Leserichtung steuert. Die Gestaltung der Doppelseite hat einen unmittelbaren Einfluss auf den Leseeffekt. Das kann ein E-Book nicht leisten“, meint Mangafan Schwarz.
„Manga lebt sehr stark davon, dass der Leser sich mit Figuren identifiziert“, erklärt Schwarz. „Viele sind wie Entwicklungsromane: Die Figuren werden älter, lernen andere Charaktere kenne, verändern sich“.
Warum man sich in Mangafiguren so gut selbst erkennen kann, macht Schwarz vor allem an der Ambivalenz der Figuren fest:
Das gilt nicht nur für die häufig männlichen Protagonisten der beliebten Serien: Gerade die Darstellung von Frauen und queeren Personen in Manga und Anime hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. In der Serie „Utena. Revolutionary Girl“ beispielsweise zieht sich ein Mädchen wie ein Junge an, weil sie gerne ein Prinz wäre. „Im Shojo geht es darum, Geschlechterstereotypen zu hinterfragen“, erklärt Hülsmann. „Shonen-Manga sind deutlich konventioneller gestaltet, wobei es da auch Entwicklungen gibt. Man merkt, dass sie mit der Zeit etwas weniger konservativ werden.”