London  Nach Zwangsouting von Netflix-Star: Was ist eigentlich Queerbaiting?

Laura-Cäcilia Wolfert
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Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 04.11.2022 08:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Kit Connor bei einem Screening des Films „The Gray Man“ in London. Foto: Imago Images/ PA Images
Kit Connor bei einem Screening des Films „The Gray Man“ in London. Foto: Imago Images/ PA Images
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Kit Connor spielt in „Heartstopper“ einen Rugby-Spieler, der sich in einen Jungen verliebt. Im echten Leben wollte er sich bisher nicht zu seiner Sexualität äußern. Nun hat er sich gezwungenermaßen geoutet, weil ihm Queerbaiting vorgeworfen wurde.

In diesem Artikel erfährst Du:

Er musste sich outen, dabei wollte er es gar nicht: Der 18-jährige Kit Connor spielt in „Heartstopper“ einer der beiden Hauptrollen. Die Netflix-Serie erschien im April dieses Jahres und gilt seither als einer der erfolgreichsten Coming-of-Age-Geschichten, erzielte auf der Film-Website IMDb sogar neun von zehn Punkten.

In der Liebeskomödie geht es um Charlie und Nick, die zuerst Freunde sind und sich dann ineinander verlieben. Wie im echten Leben geht Charlie (gespielt von Joe Locke) offen mit seiner Homosexualität um – im Gegensatz zu Nick (gespielt von Kit Connor), der nicht über seine Sexualität sprechen will. 

Trotzdem wurde in den Medien öffentlich diskutiert, zu welchem Geschlecht sich Connor wohl nun hingezogen fühlt – zu Leiden des jungen Schauspielers. Anfang Mai schrieb er via Twitter: „Twitter ist so lustig. Anscheinend kennen hier einige meine Sexualität besser als ich selbst.“ Und wenig später sagte er im Podcast „Reign“ mit Josh Smith: „Wir sind alle noch zu jung, um über unsere Sexualität zu spekulieren. Das setzt uns unter Druck, uns zu outen, wenn wir vielleicht noch nicht bereit sind.“

Hier siehst Du den Trailer von „Heartstopper“:

Aber warum scheint die Sexualität von Kit Connor eine so große Rolle zu spielen? Die Identitätspolitik sieht es vor, dass homosexuelle Figuren mit homosexuellen Schauspielern besetzt werden. Damit solle zum einen Diversität gefördert werden, aber auch authentische Repräsentation in Filmen und Serien. Cis-Menschen, so der Vorwurf, könnten beispielsweise nicht die Erfahrungen von trans Personen teilen und ihre Lebensgeschichte nicht nachvollziehen. 

Aus diesem Grund lehnten in den vergangenen Jahren viele Schauspieler – mehr oder weniger freiwillig – queere Rollen ab. 2018 wurde Scarlett Johannson mit einem Shitstorm konfrontiert, weil sie im „Film „Rub and Tug“ einen trans Mann spielen sollte. Sie hielt sich daraufhin aus den Dreharbeiten raus.

Auch Halle Berry entschuldigte sich bei der zugehörigen Community, nachdem sie die Rolle eines trans Mann zugesagt hatte. Auf Twitter schrieb sie 2020 „Als Cisgender-Frau verstehe ich jetzt, dass ich diese Rolle nicht hätte in Betracht ziehen sollen und dass die Transgendergemeinschaft zweifellos die Möglichkeit haben sollte, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.“

Hier siehst Du den Tweet von Halle Berry:

Daher kommt der Wunsch vieler Fans: Kit Connor, der in einer erfolgreichen Outing-Serie einen bisexuellen Jungen spielt, sollte selbst bisexuell sein. Von vielen wurde er aufgrund seines Kleidungsstils und seiner Verhaltensweise stereotypisch als queer gelesen. In Interviews meinte Connor, dass er sich mit seiner Figur in der Serie „Heartstopper“ identifiziere. Als der 18-Jährige aber kürzlich händchenhaltend mit Schauspiel-Kollegin Maia Reficco gesehen wurde, folgte ein Shitstorm. Der Vorwurf: Queerbating. 

Hier siehst Du einen Instagram-Post von Kit Connor:

Was bedeutet das? Ähnlich wie bei Clickbaiting (die Überschrift animiert zum Anklicken, der Text hält aber nicht, was die Überschrift verspricht), geht es darum, Menschen zu ködern. Beispielsweise, wenn während des Pride Month Unternehmen ihre Logos in Regenbogenfarben hüllen und für Diversität werben – den Rest des Jahres sich aber kaum dafür einsetzen. Queerbaiting meint Diversität als Marketingstrategie.

Queerbaiting wird oft in Filmen und Serien verwendet. Die Produzenten werben mit queeren Rollen, die am Ende aber doch heterosexuell sind: So wird das queere Publikum angelockt, aber nur so oberflächlich, dass es konservativere Zielgruppen nicht abschreckt.

Queere Schauspieler mit queeren Rollen zu besetzen ist eine Strategie, um mit Diversität zu punkten – insbesondere bei der LGBTQI+ Community. Wenn diese aber gar nicht queer sind, werden die Erwartungen der Zuschauer nicht erfüllt (Serie hält nicht, was sie verspricht). Fans warfen Connor vor: Der Schauspieler tut nur so, als sei er bisexuell, weil das zu seiner Rolle, zur Serie, passt.

Im Gegensatz zu Scarlett Johannson und Halle Berry ist der Schauspieler allerdings erst 18 Jahre alt und wahrscheinlich selbst noch in der Selbstfindungsphase – ähnlich wie seine Rolle Nick in „Heartstopper“. Er hat zudem mehrfach öffentlich betont, dass er sich zu seiner Sexualität nicht äußern möchte. 

Die Debatte ging nun allerdings so weit, dass sich Connor am 01. November öffentlich outen musste. Er fühlte sich von der Öffentlichkeit wohl zu sehr unter Druck gesetzt. Auf Twitter schreibt er: „Ich bin bi. Glückwunsch dazu, einen 18-Jährigen zu zwingen, sich zu outen. Ich glaube, manche von euch haben den Punkt der Show nicht verstanden. Bye.“

Hier siehst Du den Tweet von Kit Connor:

Unter seinem Tweet finden sich viele Menschen, die dem Schauspieler zusprechen. Betont wird in dem Zusammenhang vor allem das junge Alter von Connor: Mit 18 Jahren könne und müsse man sich noch nicht zu seiner Sexualität äußern. Die Serie „Heartstopper“ sollte eigentlich anregen, nicht anhand von Stereotypen über die Sexualität anderer Menschen zu urteilen.

Eine zweite und dritte Staffel von „Heartstopper” ist bereits geplant, ein Startdatum wurde bisher aber nicht bekannt gegeben. 

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