Kohlensäure ist Mangelware  Rinnt bald schale Plörre aus den Zapfhähnen?

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 04.11.2022 10:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Eine Schaumkrone hat sich auf einem frisch gezapften Bier gebildet: Die Gastronomie braucht Kohlensäure, um Getränke mit ausreichend Druck und Gesprudel aus den Zapfhähnen zu drücken. Foto: Kastl/dpa
Eine Schaumkrone hat sich auf einem frisch gezapften Bier gebildet: Die Gastronomie braucht Kohlensäure, um Getränke mit ausreichend Druck und Gesprudel aus den Zapfhähnen zu drücken. Foto: Kastl/dpa
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Weil Kohlensäure fehlt, musste Auricher Süssmost drei Wochen lang seine Schorle-Produktion stoppen. Auch in der Gastronomie wirft dies Sorgen auf.

Ostfriesland - Seit etwa drei Wochen sprudelt es in der Fertigung von Auricher Süssmost nicht mehr. Mit Saftschorle befüllte Flaschen laufen nicht mehr vom Band. „Weil uns Kohlensäure fehlte, mussten wir die Schorle-Produktion auf Eis legen“, sagt Firmenchef Markus Meenen. Damit geht es ihm wie vielen Getränkeherstellern in Deutschland zurzeit. Kohlensäure ist zur Mangelware geworden, gerade bei Limonade-Herstellern. „Es ist ein weiteres Puzzlestück in einem wirklich schwierigen Jahr. Die Energiepreise sind drastisch gestiegen, die Leergut-Situation ist schwierig, neue Flaschen zu kriegen superteuer und ebenso schwierig geworden, und der schwache Euro verteuert den Einkauf exotischer Früchte aus dem Ausland, die wir versaften.“

Immerhin: Am Mittwoch kam eine neue Kohlensäure-Lieferung in Aurich an. „Wir können am Montag wieder loslegen, und weil jetzt die kalte Jahreszeit kommt, in der eh nicht mehr so viele Schorlen getrunken werden, bin ich hoffnungsvoll, dass wir mindestens bis zum Jahresende wieder hinkommen“, sagt Meenen. „Aber: Die Überraschungen der letzten Jahre und Monate haben gezeigt, dass nichts sicher Geglaubtes sicher ist und weitere Überraschungen möglich sind.“

Geht den Zapfhähnen der Druck aus?

„Äußerst besorgniserregend“, nannte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, Holger Eichele, kürzlich den Kohlensäure-Schwund. Sie werde in der gesamten Ernährungsindustrie für Produktions- und Verpackungsprozesse dringend gebraucht. Kohlensäure entsteht bei der Reaktion von CO2 mit Wasser und ist auch in der Gastronomie nötig, um Bier und andere Getränke beim Zapfen aus den Fässern zu drücken. Derzeit seien aber nach Schätzungen der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie nur noch 30 bis 40 Prozent der üblichen CO₂-Liefermengen verfügbar. Und immer mehr Unternehmen der Getränkewirtschaft, die auf Kohlensäure angewiesen seien, müssten ihre Produktion erheblich einschränken. „Für viele betroffene Betriebe hat das dramatische Auswirkungen“, warnt Eichele. So ist es für Gastronomiebetriebe inzwischen offenbar deutlich schwieriger geworden, überhaupt an Kohlendioxid-Behälter für die Zapfanlagen zu kommen.

„Das ist ein ganz großes Thema momentan – und könnte schon dazu führen, dass in manchen Kneipen und Restaurants kein frisch Gezapftes mehr ausgeschenkt werden kann“, sagt Erich Wagner, Vorsitzender des ostfriesischen Regionalverbands im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). „Wir schlittern von einer Misere in die nächste, es ist zum Mäusemelken“, sagt er. Dieser Punkt juckt auch Tobias Pape vom Norderneyer Brauhaus. „Fürs Bierbrauen selbst brauchen wir keine Kohlensäure, die entsteht beim Brauen ja selbst. Aber um es zu zapfen, in der Gastronomie brauchen wir es, und auf der Insel vertreibt die Behälter ein Getränkelieferant, der uns im Vergleich zu Stammkunden – durchaus verständlicherweise – nicht ganz so gern damit beliefert, weil die Ware gerade knapp ist, wir unser Bier ja selbst herstellen und nicht bei ihm abnehmen.“

„Jammern auf hohem Niveau“

Vergleichsweise entspannt geht René Krischer, Braumeister und Inhaber von Ostfriesen-Bräu in Bagband, mit der Situation um. „Für die Gastronomie sehe ich das nicht so dramatisch. Die Preissteigerung und Knappheit bei Kohlensäure sind nicht schön, aber gemessen an den Gesamtkosten ein verschwindend kleiner Posten und auch wenn sich der Preis verdoppelt hat, trifft er Restaurants deutlich weniger als, sagen wir, ein Preisplus von zehn Prozent bei Kartoffeln.“ Die Kohlensäure-Knappheit sei auch „nicht ganz neu und überraschend“ und ein Stück weit „ein europäisches und deutsches Phänomen“. Weltweit seien Brauereien und Getränkehersteller auf CO2 für ihre sprudelnden Limos und Mineralwasser angewiesen und die großen Brauereien auch für ihr Bier.

Für den Besitzer von Ostfriesen-Bräu sind fehlende Flaschen derzeit ein größeres Problem als mangelnde Kohlensäure. Foto: Cordsen
Für den Besitzer von Ostfriesen-Bräu sind fehlende Flaschen derzeit ein größeres Problem als mangelnde Kohlensäure. Foto: Cordsen

„Aber während man hierzulande CO2 von Dritten jederzeit bekommen konnte und fast hinterhergeworfen bekommen hat, war die Situation in anderen Staaten schon lange ungewisser. Die Unternehmen wussten nicht, wann sie etwas bekommen können und haben frühzeitig reagiert, um auch mit geringen oder gar keinen externen Mengen auszukommen: Sie haben Anlagen entwickelt, mit denen sie Kohlendioxid in der Produktion auffangen und wieder einsetzen können.“ Die aktuelle Situation sei sicherlich für einige Betriebe kritisch, „aber schon Jammern auf hohem Niveau“.

Fehlende Flaschen zum Abfüllen sind das größere Problem

Große Brauereien, deren Bier deutlich kürzer in riesigen Tanks reife, gäben Kohlensäure erst kurz vorm Abfüllen zu, um gleichmäßige Ergebnisse zu bekommen. „Die kann es schon treffen. Und besonders ganz kleine Abfüller von Limonaden etwa.“ Fürs Brauen selbst brauche er kein CO2. „Der zweite Einsatzort beim Getränkeherstellen ist die Reinigung von Flaschen, die unter Sauerstoffabschluss geschehen muss. Dafür wurde auch oft CO2 genutzt. Mich selbst trifft es nicht mehr, weil wir schon 2019 eine Anlage, die Stickstoff aus der Luft filtert, angeschafft haben, und wir nutzen für die Reinigung nun eben Stickstoff statt Kohlendioxid. Was hier hervorragend funktioniert, allerdings nicht, wenn man sprudelnde Getränke haben möchte“, sagt Krischer. Ihn treffe die Preissteigerung bei Braugerste deutlich mehr, die inzwischen zum Teil zu erhöhten Preisen als Futtergerste genutzt wird und sich deshalb verknappt hat. Auch die Knappheit beim Leergut und die Preissteigerungen und die Nichtverfügbarkeit von Neuware treiben ihn weit eher um.

Dem Friesischen Brauhaus zu Jever als einer der großen Brauereien in Deutschland bereitet der Kohlensäure-Schwund nach Angaben von Sprecherin Ira Beckmann, keine großen Probleme: „Da wir Gärungskohlensäure aus eigener Produktion einsetzen, sind unsere Abfüllprozesse von der Marktlage in dieser Hinsicht nicht beeinflusst.“ Man fange das beim Brauen entstehende CO₂ über eine Rückgewinnungsanlage auf, um es dann wieder einzusetzen. Wo es immer noch etwas kneife und Neuware „infolge massiver Kostensteigerungen sehr teuer“ und mit langen Lieferzeiten verbunden, sei das Leergut. Weil Glashütten fürchten, dass sie ihre Produktion bei Gasengpässen einstellen müssen, haben die Unternehmen vorsorglich ihre Kapazitäten schon gedrosselt, was seit Monaten den Markt bewegt.

Und was ist mit den privaten Sprudlern? Die Leeraner Handelsgruppe Bünting zumindest verzeichnet aktuell zumindest noch „nahezu keine Knappheiten“ bei kohlensäurehaltigen Getränken. „Und bei Sodastream etwa als Hersteller für private Geräte haben wir es aktuell auch noch nicht mit eingeschränkten Lieferfähigkeiten oder gestiegenen Preisen zu tun“, sagt Sprecherin Christiane Kohlass.

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