Krise im Bäckerhandwerk  Auch die Rumflockensahne konnte ihn nicht retten

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 03.11.2022 12:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Leckeres Gebäck hat Berthold Cremer auch angeboten. Foto: Archiv/Boschbach
Leckeres Gebäck hat Berthold Cremer auch angeboten. Foto: Archiv/Boschbach
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Erst die Pandemie, dann eine Baustelle − das konnte Berthold Cremer nicht durchhalten. Er hat sein Geschäft in Aurich geschlossen. Ihm könnten weitere folgen, fürchtet der stellvertretende Obermeister.

Aurich - Die Schaufenster sind mit beigefarbenem Papier beklebt, ein Hermes-Aufkleber am rechten Scheibenrand beginnt sich zu lösen: In der Bäckerei an der Ecke Kirchdorfer Straße/Julianenburger Straße in Aurich bleiben die Türen für immer geschlossen. Das bestätigt Betreiber Berthold Cremer auf Anfrage dieser Zeitung: „Das Schiff ist untergegangen.“ Damit meint er nicht nur sein Geschäft in Aurich, sondern auch die Läden in Blomberg und Ardorf. Den Shop in dem Ortsteil von Wittmund hat er erst kürzlich geschlossen: „Den habe ich zum 1. November dichtgemacht, das Geschäft in Aurich aber bereits vor zwei Monaten.“

An der Ecke Kirchdorfer Straße/Julianenburger Straße kann man seit zwei Monaten kein Brot mehr kaufen. Foto: Boschbach
An der Ecke Kirchdorfer Straße/Julianenburger Straße kann man seit zwei Monaten kein Brot mehr kaufen. Foto: Boschbach

Der Auslöser sei eine „Systemumstellung“ bei seinem Lieferanten gewesen, der Bäckerei Musswessels in Rhede. Der Geschäftsmann macht keinen Hehl daraus, dass ihm die vielen baustellenbedingten Verkehrsbeeinträchtigungen in Aurich geschadet haben. An erster Stelle nennt er die Großbaustelle vor der Haustür seines Geschäfts im vergangenen Jahr. Dort ist im Sommer die Kreuzung umgebaut worden. Die Folge: Der Zugang zu seinem Geschäft war mehrere Wochen gar nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich.

Keine belegten Brötchen mehr

Berthold Cremer hatte die Bäckerei erst im September 2020 von Folkert und Gunda Kramer übernommen. Das Ehepaar hatte das Traditionsgeschäft nach 100 Jahren aufgegeben, weil sich der Betrieb nach ihren Aussagen nicht mehr lohnte. Cremer blickte damals zunächst noch optimistisch in die Zukunft. Weil er als gelernter Altenpfleger nicht vom Fach war, ließ er sich Backwaren liefern. Eine Haupteinnahmequelle waren die belegten Brötchen. „Während der Pandemie, als etliche im Home-office arbeiteten, haben sich die Angestellten und Beamten der umliegenden Behörden die Brötchen in ihrer eigenen Küche geschmiert“, spricht Berthold Cremer ein weiteres Problem an. „Wenn ich gewusst hätte, dass gleich nach Corona diese Baustelle kommt, hätte ich den Backshop nicht übernommen“, sagt der Geschäftsmann, der 18 Jahre lang in Spekendorf einen Kiosk betrieben hat.

Die Baustelle am Fischteichweg im vergangenen Jahr hat Berthold Cremer geschadet. Foto: Archiv/Ortgies
Die Baustelle am Fischteichweg im vergangenen Jahr hat Berthold Cremer geschadet. Foto: Archiv/Ortgies

Die gestiegenen Lebensmittelpreise sind ein weiteres Problem, das die Existenz der Bäckereibetriebe bedroht. Bäckermeister Peter Meeske kann in Friedeburg ein Lied davon singen. Der stellvertretende Obermeister der ostfriesischen Bäckerinnung beobachtet einen klaren Trend: „Erst im August ist der Jahresvertrag mit meinem Mehllieferanten ausgelaufen. Ich musste einen neuen aushandeln. Das Ergebnis: ein Preisaufschlag von 30 Prozent.“ Noch mehr müsse er derzeit drauflegen, wenn er Zucker bestelle. Dessen Preis habe sich verdoppelt. „Als Konditor bin ich darauf angewiesen. Ich kann keine Torten ohne Zucker herstellen.“ Die gestiegenen Kosten für die Zutaten müsse er an den Verbraucher weitergeben. Der ziehe seine Konsequenzen: „Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Kunden ihr Brot und ihren Kuchen im Backshop bei den Discountern holen.“ Wegen dieser Entwicklung sei zu befürchten, dass viele Betriebe aufhören werden. Deren Zahl ist im Lauf der Jahre immer stärker geschwunden. 2012, als die Bäckerinnungen Aurich-Emden-Norden, Leer-Rheiderland und Wittmund sich zu einer neuen Bäckerinnung für Ostfriesland zusammengeschlossen haben, gehörten ihr 71 Betriebe an. Aktuell sind es laut ihrer Homepage noch 25. Nach OZ-Recherchen sind in den vergangenen zwei Jahren neun Mitglieder ausgetreten.

Kein neuer Betreiber für das Geschäft

Erst Ende des Monats hat sich Stephan Meyer aus Horsten zum Aufgeben entschlossen. Der Obermeister der Bäckerinnung fand kein Personal. Im Verkauf war er zwar mit langjährigen Mitarbeiterinnen gut versorgt. In der Backstube fehlten aber über einen längeren Zeitraum drei Kräfte. Stephan Meyer musste die Produktion mit einem Mitarbeiter alleine stemmen. Diese Belastung war auf Dauer gesundheitlich nicht zu verkraften. Versuche, die Lücke zu schließen, blieben erfolglos. Das galt auch für den Vorstoß, einen neuen Betreiber für das Geschäft zu finden.

Das wird auch für Folkert und Gunda Kramer schwer werden. Unter den gegebenen Bedingungen dürfte die Neigung gering sein, sich in das Risiko einer Selbständigkeit zu stürzen. Auch Berthold Cremer sieht seine Zukunft in einem Angestelltenverhältnis: Anfang Dezember werde er seinen neuen Job im Combi-Markt an der Auricher Pferdemarktkreuzung antreten, sagte er. Stephan Meyer zieht es nach Rastede. Dort wird er demnächst in einer Bäckerei arbeiten. Mit der Schließung des Backshops verschwindet auch die letzte Möglichkeit, eine begehrte Köstlichkeit von Folkert Kramer zu kaufen. Er hatte immer noch die Rumflockensahne für seinen Nachfolger hergestellt. Die Spezialität ist ein echter Klassiker und hat manches Auricher Familienfest versüßt. Dafür muss jetzt Ersatz gefunden werden.

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