Ist Laborfleisch die Zukunft?  Rügenwalder arbeitet an Burgerhack aus der Petrischale

Hannah Weiden
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Von Hannah Weiden
| 02.11.2022 18:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Künstliches Fleisch aus dem Labor in einer Petrischale Foto: Parry/Pa Wire Handout/PRESS ASSOCIATION IMAGES/dpa
Künstliches Fleisch aus dem Labor in einer Petrischale Foto: Parry/Pa Wire Handout/PRESS ASSOCIATION IMAGES/dpa
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Fleischlose Ernährung ist längst auch in Ostfriesland angekommen. Die Rügenwalder Mühle will den Markt erneut aufmischen und Hybridfleisch aus der Petrischale in die Regale bringen.

Ostfriesland - Burgerhack aus dem Labor, das gewöhnlichem Fleisch sehr ähnlich sieht und sich im Geschmack kaum unterscheidet: Geht es nach Unternehmen wie der Rügenwalder Mühle, könnte Fleisch aus gezüchteten Zellen von Tieren schon in wenigen Jahren in den Supermarktregalen liegen. Konzerne und Forscher tüfteln an Fleisch aus dem Labor, für das keine Massentierhaltung in heutiger Form samt ihrer Umweltschäden nötig wäre. Die Investoren stecken viel Geld in den Markt.

Die Idee: Statt die Tiere in Fabriken für die Schlachtung zu mästen, entnimmt man chirurgisch nur eine kleine Gewebeprobe. Danach werden die Zellen im Labor isoliert und kultiviert, bevor sie in Bioreaktoren gezüchtet und umgewandelt werden. Zum Schluss wird die Zellmasse verarbeitet und kann etwa zu Burgerfleisch geformt werden. „Das Endprodukt soll eine Kombination aus pflanzlichen Proteinen und kultiviertem Rinderfett werden“, heißt es etwa in einer Pressemitteilung der Rügenwalder Mühle. Das bisher meist in vegetarisch oder veganen Ersatzprodukten verwendete Kokosfett könne durch dieses Verfahren durch tierisches, kultiviertes Fett ersetzt werden, das „unverwechselbaren Geschmack nach gegrilltem Fleisch entwickelt“. „Dieser Geschmack ist mit pflanzlichen Fettalternativen bis heute nicht nachzustellen“, wird Patrick Bühl, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Rügenwalder Mühle, zitiert.

Trend ist auch in Ostfriesland angekommen

Das Unternehmen aus Bad Zwischenahn, das sich als klassischer Fleischproduzent einen Namen machte, verkauft laut eigenen Angaben mittlerweile mehr vegane und vegetarische Produkte als klassische Fleisch- und Wurstwaren. Diesen Trend bestätigen auch Marktforscher: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 98.000 Tonnen Lebensmittel im Wert von 458 Millionen Euro hergestellt, die Fleisch oder Fleischprodukte mit pflanzlichen Alternativen ersetzten. Mengenmäßig bedeute dies ein Plus von 17 Prozent. Der Wert der Waren erhöhte sich sogar um 22,2 Prozent. Auch im laufenden Jahr setzte sich diese Entwicklung nach Angaben von Marktforschern fort.

Dieser Trend ist auch in Ostfriesland angekommen: „Das ist ein ganz großer Markt“, berichtet Christian Brahms, Inhaber des Multi-Markts in Emden. Nicht nur Kundinnen und Kunden, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, kaufen die Ersatzprodukte, sagt er. Er beobachtet, dass das Umweltbewusstsein der Kunden generell zunimmt, weshalb er sich auch vorstellen kann, dass sich die hybriden Fleischprodukte verkaufen würden. „Hätte man vor 20 Jahren gesagt, dass es heute Fleischersatz auf Erbsenbasis gibt, hätte man das vermutlich auch nicht geglaubt“, sagt Brahms. Aktuell sei Fleisch aus dem Labor in den Multi-Märkten aber noch kein Thema. „Ob sich ein Produkt durchsetzen kann, entscheidet der Verbraucher“, sagt Christiane Kolass, Sprecherin bei Bünting in Leer. Auch in den Combi- und Famila-Märkten, die zu Bünting gehören, beobachte das Unternehmen ein „zunehmendes Interesse an vegetarischen und veganen Produkten“, berichtet die Sprecherin. „Selbstverständlich“ habe man auch bei Bünting bereits von hybridem Fleisch gehört und beobachte die Entwicklungen rund um die umweltfreundlicheren Fleischalternativen.

Behörden prüfen Zulassung

Für Laborfleisch sprechen laut Unternehmen wie der Rügenwälder Mühle Umweltschutz und Tierwohlgedanken: Für Fleisch aus der Petrischale müssten keine Tiere im großen Stil in den Schlachthof. Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung steige der Fleischkonsum rapide und mit ihm die Abholzung von Wäldern für die Landwirtschaft. Laborfleisch hat gemessen an konventionell erzeugtem europäischem Fleisch das Potenzial, die landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen um 78 bis 96 Prozent zu senken, 99 Prozent weniger Flächen und 82 bis 96 Prozent weniger Wasser zu verbrauchen, schätzten Forscher der Universität Amsterdam und Oxford. „Kultiviertes Fleisch ist einer der größten Hebel für nachhaltigen Fleischkonsum, weil die Nachteile der konventionellen Fleischgewinnung wie gebundene Ackerfläche, Wasserverbrauch und CO2-Emmissionen signifikant reduziert werden“, heißt es dazu von der Rügenwalder Mühle.

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Bis hybrides Fleisch auf dem Teller der Verbraucher landet, dürften aber noch ein paar Jahre vergehen. Während erstes Laborfleisch in Singapur zugelassen wurde, fehlen hier noch die Freigaben von Lebensmittelbehörden. Sie prüfen die Lebensmittelreinheit und nehmen mögliche Gesundheitsgefahren unter die Lupe. Bei der Rügenwalder Mühle plant man vorsichtig: „Wir rechnen damit, dass unser Produkt frühestens 2025 auf den Markt kommen wird, wollen aber bereits heute mit der Entwicklung starten, damit wir bei einer Zulassung sofort handlungsfähig sind.“

Mit Material der DPA