LNG-Projekte in Wilhelmshaven Was die neuen LNG-Terminals mit der Fischerei zu tun haben
Muscheln, die unter Chlorfahnen heranwachsen? Ein Szenario, das den Fischern gar nicht schmeckt. Die LNG-Terminals in Wilhelmshaven werden deshalb mit Sorge betrachtet. Und es gibt Forderungen.
Wilhelmshaven/Nordsee - Die LNG-Pläne für Wilhelmshaven werden von der Fischerei mit einigem Unbehagen beobachtet: Zwei schwimmende LNG-Terminals sind schon fest eingeplant, ein drittes ist möglich. Es sind im Grunde schwimmende Industrieanlagen, 300 Meter lang, knapp 50 Meter breit. Und sie alle werden nicht nur im Nordseewasser liegen, sie werden es auch nutzen, um das ankommende verflüssigte Erdgas nutzbar zu machen. „Wenn alles in Betrieb ist, ist die Jade für uns praktisch erledigt“, sagt dazu Dirk Sander, Präsident des Landesfischereiverbandes Weser-Ems.
Sander gehörte in der vergangenen Woche zu den weit mehr als 200 Besuchern im Wattenmeer-Besucherzentrum Wilhelmshaven. Dorthin hatte Niedersachsens Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD) eingeladen, zu einer öffentlichen Infoveranstaltung. Thema: Die Energieprojekte in und an der Jadestadt, also LNG-Terminals, Wasserstoff-Planungen, Ammoniak-Projekte. Konkret stellten Vertreter der Energieunternehmen Uniper, Tree Energy Solutions (TES) und Nord-West Oelleitung (NWO) den Bürgern vor, was sie in den nächsten Jahren vorhaben. Auch Dirk Sander meldete sich aus dem Publikum mit Kritik zu Wort.
Sanders Kritik
Mit der Einfuhr von verflüssigtem Erdgas an sich hat Sander kein Problem, so viel räumt er später im Gespräch ein. „Auf der einen Seite ist es so“, sagt er, „wir wollen alle nicht frieren und Deutschland soll auch weiterlaufen.“ Aber es sei natürlich ein Problem, dass die Anlagen dort entstünden, wo auch gefischt werde: „Uns gehen da Fangplätze verloren.“ Außerdem wisse er nicht, was für Schadstoffe im Umfeld der schwimmenden Terminals ins Wasser gelangten – und was die dann für Auswirkungen auf das Geschäft der Fischer hätten.
„Dieses Chlor, das da rauskommt, das bleibt ja irgendwo im Wasser“, sagt er. Zwar werde es sich verdünnen, doch wer wolle denn noch Muscheln essen, wenn man doch wisse, dass da „immer so eine Chlorfahne über die Muschelbänke getrieben ist“. Vor Hooksiel wird Miesmuschelfischerei betrieben. Oder die Krabben: Wer wolle die noch essen, wenn über die Priele das Chlor auch zu ihnen gelange? „Dann werden wir unsere Ware nicht mehr verkaufen können“, vermutet Sander.
Biozide im Meer
Er bezieht sich damit auf einen der Hauptkritikpunkte vieler Umweltschutzverbände, deren Vertreter bei der Infoveranstaltung immer wieder das Wort ergriffen. Es geht um den Einsatz von Bioziden wie Chlor im System der schwimmenden Terminals. Biozide sind laut Umweltbundesamt Substanzen, die Schädlinge wie Insekten, Mäuse oder Ratten, aber auch Algen, Pilze oder Bakterien bekämpfen. Sie werden bei dem für Wilhelmshaven vorgesehenen LNG-Schiffen „Hoegh Esperanza“ eingesetzt.
Hintergrund: Die schwimmenden LNG-Terminals in Wilhelmshaven werden Umgebungswasser aus der Jade benutzen, um das verflüssigte Erdgas, das mit minus 162 Grad Celsius ankommt, aufzuwärmen und wieder zu vergasen. Damit die Seewassersysteme des Schiffes dabei nicht mit Muscheln oder Seepocken zuwachsen, muss laut Betreiber Uniper Chlor als Biozid eingesetzt werden. Wie aus Antragsunterlagen hervorgeht, beabsichtigt Uniper, jährlich bis zu 178 Millionen Kubikmeter mit Bioziden behandelte Abwässer in die Jade einzuleiten.
Unklare Folgen
Dass das Folgen für die Umwelt haben wird, ist anzunehmen. Die Frage ist: In welchem Ausmaß? Verdünnen sich die Biozide im Meerwasser und verflüchtigen sich quasi unbemerkt? Oder sorgt die Menge doch für eine gewisse Konzentration im Wasser rund um die Terminals. Immerhin wird es bei dem einen von Uniper betriebenen Terminal nicht bleiben. Das Unternehmen TES wird ebenfalls ein schwimmendes LNG-Terminal vor Wilhelmshaven betreiben, und NWO bereitet sich darauf vor, ein drittes zu betreiben. Dieses dritte ist allerdings noch nicht bestätigt.
Eine Sprecherin der Genehmigungsbehörde, des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), betonte jedenfalls während des Infoabends mehrfach, dass es Vorgaben geben werde, auch was regelmäßige Messungen angehe.
Dirk Sander weiß, dass die Fischerei die LNG-Projekte nicht aufhalten kann; das ist auch gar nicht seine Absicht. Aber: „Wir müssen irgendwie entschädigt werden, zumindest die Betriebe, die hier vor Ort sind“, fordert der Präsident des Landesfischereiverbandes Weser-Ems. Es seien ja nicht mal viele Betriebe. Irgendetwas müssten Politik oder Industrie sich da einfallen lassen.