Osnabrück  „Die Blicke der Anderen“: Eine besondere Frau macht den Schwarzwald-Tatort sehenswert

Joachim Schmitz
|
Von Joachim Schmitz
| 02.11.2022 15:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Sonderbare Frau: Sandra Vogt (Lisa Hagmeister, Mitte) und ihr Verhalten geben Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) Rätsel auf. Foto: SWR/Benoît Linder
Sonderbare Frau: Sandra Vogt (Lisa Hagmeister, Mitte) und ihr Verhalten geben Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) Rätsel auf. Foto: SWR/Benoît Linder
Artikel teilen:

Heute Abend gibt‘s den neunten Fall für das Tatort-Team im Schwarzwald. „Die Blicke der Anderen“ ist kein fesselnder Thriller, aber ein intensiver, sehenswerter Krimi.

Man muss kein Tatort-Experte sein, um zu wissen, dass der Blumenkübel neben dem Eingang so ziemlich der unsicherste Platz ist, an dem man einen Haustürschlüssel verstecken kann. Doch genau da liegt er, und Edeltraud Vogt (Ruth Wohlschlegl) weiß das. Also verschafft sie sich damit an einem Spätsommertag im Breisgau Zugang zum Haus ihres Sohnes und der vierköpfigen Familie, nachdem auf ihr Klingeln niemand reagiert hat. Sie war schon früh am Samstagmorgen unterwegs und hat nun eine Kiste mit Gemüse aus eigenem Anbau mitgebracht.

Doch im Haus wartet keine junge Familie mit Appetit auf Gesundes, sondern ein entsetzlicher Anblick auf Edeltraud Vogt: Das Bett im Elternschlafzimmer ist durchtränkt mit Blut, ihr Sohn Gerd (Daniel Lommatzsch) und der jüngere Enkel sind spurlos verschwunden, auch Schwiegertochter Sandra (Lisa Hagmeister) ist offenbar von einer Betriebsfeier nicht heimgekehrt. Der ältere Enkel Lukas (Sean Douglas) hingegen ist entsetzt, als er nach Hause kommt, denn alles deutet auf ein Kapitalverbrechen. Ein Fall für die Freiburger Ermittler Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner).

Die haben schon nach kurzer Zeit Sandra Vogt aufgespürt - unversehrt, aber sonderbar abwesend sitzt sie in einer Autobahnraststätte und trinkt Kaffee. Fortan wird die etwas schroff und unzugänglich wirkende Frau zur zentralen Figur der Ermittlungen.

„Sandra ist halt Sandra,” hat ihre Schwiegermutter gesagt, eine Nachbarin bringt ihr Missfallen anders zum Ausdruck: „Sie isch halt nicht von hier.” Und über sich selbst weiß sie: „Natürlich ist es die Sandra. Es ist immer die Sandra.” Auch ihre Ehe scheint nicht die glücklichste zu sein: „Wie lang muss man sowas mitmachen?” Über die Nacht, in der offenbar ein schweres Verbrechen geschah, schweigt sie sich aus.

Regisseurin Franziska Schlotterer inszenierte schon im vergangenen Jahr den sehenswerten Schwarzwald-Tatort „Was wir erben”, nun hat sie das Drehbuch von Bernd Lange ruhig und äußerst dialogintensiv umgesetzt. Langweilig ist dieser Tatort dennoch nicht, denn „Die Blicke der Anderen” entwickelt sich mehr und mehr zu einem intensiven emotionalen Drama, das von Lisa Hagmeisters starker Darstellung einer ausgegrenzten Frau getragen wird. 

Ein Dilemma aber haben die Ermittler und mit ihnen auch der Film: Es wird nicht oder nur sehr unzureichend in alle Richtungen ermittelt. Dieses „Es ist immer die Sandra,” scheint sich auch in den Köpfen von Tobler und Berg festgesetzt zu haben. Man hätte den Film auch gleich „Sandra“ nennen können.

Lisa Hagmeister, die Darstellerin der Sandra, ist beim Tatort übrigens keine Unbekannte. Als man sie vor 14 Jahren in der Folge „Der frühe Abschied” vom Hessischen Rundfunk sah, war das Ensemble mit Andrea Sawatzki, Jörg Schüttauf, Tom Schilling und Johanna Gastdorf durchaus prominent besetzt - sie aber war es, die für ihre Darstellung einer jungen Mutter, deren Baby ums Leben kommt, mit dem Sonderpreis für herausragende Einzelleistungen beim Deutschen Fernsehkrimipreis 2008 ausgezeichnet wurde. Eine überforderte Mutter spielte Hagmeister auch in Nora Fingscheidts erfolgreichem Drama „Systemsprenger” und wurde für den Deutschen Filmpreis nominiert. 

Nun also auch im Tatort eine Mutter am Rande des Wahnsinns. Offenbar haben vor allem Filmregisseure Lisa Hagmeister in der Schublade „überforderte Mutter” ganz oben liegen. Dabei kann die 43-Jährige deutlich mehr, sonst wäre sie ganz sicher nicht seit 2006 festes Ensemble-Mitglied des Hamburger Thalia-Theaters. Und eine Karriere als Punk-Sängerin hat sie auch schon hinter sich: 2011 und 2013 veröffentlichte sie zwei Alben mit der Band N.R.F.B. - hinter dieser Abkürzung verbargen sich englische Worte, die schockieren sollten: Nuclear - Raped - Fuck - Bomb. Klingt nicht gerade nach Haustürschlüssel unterm Blumenkübel.

Tatort: Die Blicke der Anderen. Das Erste, Sonntag, 6. November, 20.15 Uhr.

Wertung: 4 von 6 Sternen

Ähnliche Artikel