Bäume stehen Wiesenvogelschutz im Weg  100 Menschen protestieren gegen Kahlschlag

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 01.11.2022 17:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kinder halten Plakate gegen das Abholzen in die Höhe. Fotos: Luppen
Kinder halten Plakate gegen das Abholzen in die Höhe. Fotos: Luppen
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Was ist wichtiger, Baumschutz oder Wiesenvogelschutz? In Engerhafe haben am Dienstag rund 100 Menschen gegen die geplante Abholzung von Bäumen protestiert.

Engerhafe - Sie verstehen die Welt nicht mehr. Rund 100 Männer, Frauen und Kinder demonstrieren am Dienstagnachmittag in den Engerhafer Meeden gegen die geplante Abholzung von Bäumen. Kinder strecken selbst gemalte Plakate mit Sprüchen wie „Stoppt das Abholzen“ und „Keine Bäume fällen!“ in die Luft. Auf einer Fläche von rund 1,2 Hektar will der Landkreis Aurich Weiden, Erlen, Eichen, Ahornbäume, Kastanien und Obstbäume beseitigen lassen – aus Naturschutzgründen. In den Bäumen können sich Greifvögel und Rabenkrähen verstecken, die es auf bedrohte Wiesenbrüter wie Uferschnepfe, Bekassine, Kiebitz und Rotschenkel abgesehen haben. Auch Fuchs, Steinmarder und Hermelin bedienen sich gerne an den Nestern der Vögel und finden in Bäumen und Büschen Deckung.

Die betroffene Fläche gehört Harm Hoffmann. Er hat vor einigen Wochen Post vom Landkreis Aurich bekommen, in der er über die geplante Fällung informiert wird. Für Dienstag um 14 Uhr sei er mit der Unteren Naturschutzbehörde zu einem Ortstermin verabredet gewesen, sagt der Eigentümer. Darüber habe er seine Mitpächter informiert. Über die sozialen Medien habe offensichtlich das ganze Dorf Wind von dem Termin bekommen. Sie alle wollen dabei sein und protestieren. Der Vertreter des Landkreises habe am Vormittag kurzfristig abgesagt, sagt Hoffmann. Der Mann habe das mit Terminproblemen und einem fehlenden Fledermaus-Gutachten begründet. Womöglich habe er aber auch die Begegnung mit den Protestierenden vermeiden wollen.

Eines der wichtigsten Brutgebiete

Der Landkreis Aurich beruft sich auf EU-Recht. Die Kreisverwaltung hatte bereits Ende September angekündigt, dass zwischen Oktober und Februar im EU-Vogelschutzgebiet „Ostfriesische Meere“ (dazu gehören das Große Meer und das Loppersumer Meer) zum Schutz und zur Förderung bedrohter Wiesenvögel Gehölze „und andere hochwüchsige Vegetationsstrukturen“ (also Bäume) entfernt werden müssen. Das Vogelschutzgebiet „Ostfriesische Meere“ gehöre zu den wichtigsten Brutgebieten für Wiesenvögel in Niedersachsen. Deren Bestand gehe seit Jahrzehnten zurück. Die Uferschnepfe sei sogar vom Aussterben bedroht. Im Vogelschutzgebiet gebe es noch rund 40 Brutpaare. „Jedoch ist der Vermehrungserfolg nicht ausreichend, um den Bestand zu erhalten.“

Die Landschaftsstrukturen rund um die Ostfriesischen Meere hätten sich durch eine geänderte Bewirtschaftung schleichend verändert, argumentiert die Kreisverwaltung. „Während die Fressfeinde für ihre Beutesuche ohne Weiteres auf andere Flächen ausweichen können, stellen die bedrohten Wiesenvögel besondere Ansprüche an ihr Brutgebiet und sind auf offene und strukturarme Flächen angewiesen.“ Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zu den Verlustursachen von Gelegen und Küken wiesen darauf hin, „dass diverse Säugetierarten als Beutegreifer eine Hauptrolle spielen“, so die Kreisverwaltung.

Erfolg in den Barsteder Meeden

Auch Mäusebussarde, Rabenkrähen und Weihen gingen auf die Jagd nach Küken von Wiesenbrütern, sodass nicht genug Jungvögel flügge würden. Daher müsse die „charakteristisch offene Landschaft“ wiederhergestellt werden. Das lasse sich nur durch die Entfernung von Gehölzen bewerkstelligen. In den Barsteder Meeden hätten ähnliche Maßnahmen den Bruterfolg erhöht. Der Landkreis betont, dass nur in geringem Maße ältere Bäume entfernt würden. Alle Gehölzbestände würden zuvor auf Fledermausvorkommen untersucht. „Für Fledermäuse wertvolle Gehölze bleiben erhalten.“

Einige Plakate sind an Zweigen befestigt.
Einige Plakate sind an Zweigen befestigt.

Johann von Essen aus Marienhafe hat kein Verständnis für diese Argumente. Er hat in Engerhafe zwei Stücke Grünland verpachtet, auf denen 55 Bäume fallen sollen. „Das ist Diebstahl vom eigenen Land, mit Ansage“, sagt der Rentner. „Ich begreife nicht, dass die das dürfen.“ Unter den Teilnehmern der Kundgebung macht sich Unmut breit, dass sich niemand von der Kreisverwaltung blicken lässt. Auch Südbrookmerlands Bürgermeister Thomas Erdwiens (FWG) wird vermisst.

Die Redaktion hat bei Erdwiens nachgefragt. Der Bürgermeister hat Verständnis für den Ärger der Menschen. „Es kommt einem Kahlschlag nahe, und es tut weh, wenn Bäume gefällt werden“, sagt Erdwiens. „Es beißt sich auch mit dem Klimaschutz. Das ist für den Außenstehenden und für Otto Normalverbraucher nicht nachvollziehbar.“ Der Landkreis habe in Aussicht gestellt, noch einmal ausführlich Stellung zu nehmen, sagt der Bürgermeister. An der Kundgebung selbst habe er aus Termingründen nicht teilnehmen können. Außerdem sei sie nicht angemeldet gewesen, im Grunde also illegal.

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