Neue Vorschrift hat Folgen Nach Baltrum fahren keine Minifähren mehr
Aufgrund einer neuen Personalregelung fahren ab heute keine Wassertaxis mehr nach Baltrum. Auch weitere Anbieter müssen reagieren. Der Aufschrei ist groß.
Ostfriesische Inseln - Mit sogenannten Wassertaxis kam man bislang besonders schnell nach Norderney, Juist, Baltrum und Spiekeroog. Seit diesem Dienstag gilt jedoch eine neue Personalregelung für die Minifähren, die die zuständigen Reedereien vor Probleme stellt: Fortan müssen nun immer zwei Besatzungsmitglieder an Bord sein. Den ohnehin kleinen Booten geht dadurch ein Platz für einen potenziellen Passagier verloren – dazu kommt der allgemeine Fachkräftemangel in der Branche. Der Töwerland-Express hat jetzt reagiert und den Fährbetrieb zwischen Baltrum und Neßmersiel gestoppt – zumindest vorübergehend, wie dessen Chef Jörg Schmidt am Dienstag im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt.
Was und warum
Darum geht es: Die hiesigen Reedereien müssen sich auf neue Personalvorgaben einstellen und gegebenenfalls auch Preise und Abläufe anpassen.
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Deshalb berichten wir: Wir wurden von verschiedenen Seiten auf das Problem hingewiesen. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Auch die anderen Reedereien an der ostfriesischen Küste mussten beziehungsweise müssen noch reagieren. Schmidt sagt, dass er alleine rund 100 Anrufe von den Baltrumern bekommen habe. Immerhin sind die Wassertaxis gerade bei denjenigen beliebt, die flexibler zur Insel und zurück müssen. Handwerker beispielsweise, aber auch sonstige Pendler. Dafür sind sie dann auch bereit, mehr für die Tickets zu bezahlen.
Kopfschütteln auf Juist
Auch auf Juist sind die Boote beliebt, wo der Töwerland-Express von Norddeich aus hinfährt – ebenso wie der Insel-Express. Das sind die Wassertaxis von Cassens-Tours, einer Tochter der AG Reederei Norden-Frisia. Zwar versichern Schmidt sowie der Frisia-Sprecher Fred Meyer auf Nachfrage, dass Juist auch weiterhin angebunden wird. Die Sorge auf der Insel aber bleibt bestehen. Das wird auch in einem unserer Redaktion vorliegenden Briefentwurf von Bürgermeister Dr. Tjark Goerges (parteilos) deutlich, den er Ende Oktober im Auftrag des Gemeinderats für die Hamburger Dienststelle Schiffssicherheit der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft (BG Verkehr) angefertigt hat.
Goerges betont darin die Relevanz der Wassertaxis. Sie würden seit 2019 zu einer „signifikanten Verbesserung der Inselanbindung an das Festland“ sorgen. Das sei „existenziell“ und ein „Quantensprung“ für die Lebensqualität. Auch für Urlauber und Fachkräfte sei die Insel dadurch attraktiver. Nach Rücksprache mit langjährigen Wattkennern und Nautikern von der Insel stelle sich daher die Frage, warum nun aus Sicherheitsgründen plötzlich ein Decksmann als zweites Besatzungsmitglied Vorschrift sei. Die Wassertaxis seien geschlossen, so dass kein Passagier über Bord gehen könne, ein plötzliches Kentern im Wattfahrwasser könne man ausschließen, ein Feuer könnte der Schiffsführer im Notfall selbst löschen und bei überraschendem Schlechtwetter liege das nächste Ufer nie weiter als zwei Seemeilen (etwa 3,7 Kilometer) entfernt, so Goerges.
„Passagiere bei Notfällen ängstlich und planlos“
Christian Bubenzer ist Sprecher der BG Verkehr und bittet auf Nachfrage unserer Redaktion um Verständnis. Bei der Nordsee handle es sich auf ein stark befahrendes Gewässer, wo Kollisionsgefahr bestehe. Er verweist auf zwei Beschlüsse des Verwaltungsgerichts Hamburg vom vergangenen Freitag. Darin heißt es zusammengefasst, dass man Passagieren im Notfall nicht zutrauen könne, zu navigieren und die Technik der Wassertaxis zu beherrschen, sollte der Schiffsführer nicht handlungsfähig sein beziehungsweise sich darauf konzentrieren müssen, das Wassertaxi auf Kurs zu halten und die Rettungskräfte zu alarmieren. Dazu komme noch die mutmaßliche Angst der Fahrgäste in Extremsituationen. Daher brauche man dann ein zweites Besatzungsmitglied, dass die Passagiere betreue und das Boot gegebenenfalls evakuiere.
Bubenzer ergänzt, dass schon spätestens seit Juni allen klar gewesen sei, dass die Zwei-Personen-Regelung jetzt kommt. Schon einmal sei die Frist verlängert worden, macht er deutlich. Das habe man jetzt auch in dem Eilverfahren in Hamburg den beiden Antragsstellerinnen deutlich gemacht: der Reederei Töwerland-Express sowie der Bootstouren Spiekeroog GmbH (BTS), die zwischen Spiekeroog und Neuharlingersiel fährt.
Mehr Personal dank teurer werdender Tickets
Schmidt lässt den Kopf nicht hängen. Im Gegenteil. Nach den ersten Medienberichten hätten sich jetzt binnen kürzester Zeit überraschend mehrere potenzielle Schiffsführer bei ihm gemeldet. Ein Sportbootführerschein See reiche ihm nämlich schon fast aus. Jetzt müsse er es nur noch schaffen, die Bewerber möglichst kurzfristig zu einem speziellen Arzt zuschicken, der ihnen die Seediensttauglichkeit bestätige. Wenn alles funktioniere könne man vielleicht schon in wenigen Tagen wieder Baltrum ansteuern.
„Wir werden fünf weitere Decksleute einstellen“, kündigt der Reederei-Chef an. Er rechnet mit Personal-Mehrkosten in Höhe von 200.000 Euro, die durch Preiserhöhungen bei den Tickets ausgeglichen werden sollen. Die Kosten für die verschiedenen Kategorien sollen dann sowohl im Juist- als auch im Baltrum-Verkehr um jeweils fünf Euro steigen.
Einschränkung im Spiekeroog-Verkehr
Während bei Schmidts Reederei derzeit sechs Wassertaxis im Einsatz sind, von denen fünf für den Juist-Verkehr bestimmt sind, hat die Reederei Frisia vier Wassertaxis (Insel-Express), mit denen man nach Juist und Norderney kommt. Reederei-Sprecher Fred Meyer versichert, dass auch mit der jetzigen Zwei-Personen-Regel alles für die Fahrgäste so bleibt, wie gehabt. So profitiere man davon, dass für Cassens-Tours jetzt mit dem Beginn der kalten Jahreszeit die Ausflugssaison vorbei sei und man das Personal nun verstärkt für den Insel-Express einsetzen könne. Dennoch bleibe der Personalengpass in der Branche ingesamt betrachtet auch für die Frisia ein Problem.
Im Spiekeroog-Verkehr wiederum wird laut Joschka Gerdes von BTS die Kapazität verkleinert – nicht aber der Fahrplan ausgedünnt. Bislang sei man mit zwei bis drei der insgesamt vier Wassertaxis zur selben Zeit in eine Richtung aufgebrochen. Jetzt mache man das nur noch mit einem, maximal zwei Wasserfahrzeugen, um die Personalanforderungen erfüllen zu können.
Christina Ulrichs, Geschäftsführerin der Baltrum-Linie, begrüßt die Entscheidung aus Hamburg indes. Zwar ist ihre Reederei mit ihren großen Fähren der Platzhirsch im Baltrum-Verkehr und der Töwerland-Express ein Mitbewerber, was diese Reaktion erklärt. Allerdings betont Ulrichs auch die in ihren Augen unsichereren Wassertaxis. Es mangele auf ihnen an Platz für Rettungsmittel und auf großen Schiffen sei es normal, dass mehrere Besatzungsmitglieder und medizinisch geschulte Fachkräfte an Bord seien. Zudem liegen die Anforderungen an die Kapitäne höher. „Die Sicherheit der Fahrgäste hat nun einmal einen Preis, den man bereit sein muss, zu bezahlen“, so Ulrichs. Dann, das findet Schmidt, müsste es aber auch in der Luftfahrt strengere Regeln geben. Immerhim sei es bei kleinen Passagierflugzeugen auch normal, dass der Pilot das einzige Besatzungsmitglied sei.