Krank nach Coronaimpfung  Die Leidenszeit einer jungen Frau aus Wiesmoor

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 31.10.2022 16:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Seit gut einem Jahr kämpft Ann-Katrin Kruse mit gesundheitlichen Beschwerden, die sie auf eine Corona-Impfung zurückführt. Foto: Bär
Seit gut einem Jahr kämpft Ann-Katrin Kruse mit gesundheitlichen Beschwerden, die sie auf eine Corona-Impfung zurückführt. Foto: Bär
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Oft habe sie sich nicht ernst genommen gefühlt, klagt Ann-Katrin Kruse. Sie fordert eine Anlaufstelle für Menschen, die nach der Corona-Impfung Probleme haben.

Wiesmoor/Großefehn - „Ich fühle mich so alleingelassen. Ärzte, die helfen wollen, können es wahrscheinlich nicht. Andere schauen einfach weg.“ In diesem Satz schwingt die ganze Verzweiflung mit, die das Leben von Ann-Katrin Kruse derzeit bestimmt. Seit gut einem Jahr kämpft die 31-Jährige mit massiven gesundheitlichen Problemen, die sie als Folge einer Corona-Schutzimpfung sieht, welche sie am 16. November des vergangenen Jahres erhalten hat.

Was und warum

Darum geht es: In seltenen Fällen kann es nach einer Corona-Impfung zu massiven gesundheitlichen Problemen kommen. Eine junge Frau aus Wiesmoor hat uns ihre Leidensgeschichte geschildert.

Vor allem interessant für: Ärzte, Politiker und alle anderen

Deshalb berichten wir: Ann-Katrin Kruse ist uns bei einer Ausschuss-Sitzung in Wiesmoor begegnet, während der sie ihren Fall öffentlich gemacht hat.

Den Autor erreichen Sie unter: o.baer@zgo.de

Dieser Tag hat den Alltag der 31-Jährigen grundlegend verändert. „Ich hatte alles, was ich mir gewünscht habe: Ein Haus in Wiesmoor, das ich gemeinsam mit meinem Lebensgefährten gekauft habe. Eine neue Arbeitsstelle, die mit viel Spaß gemacht hat. Ich stand voll im Leben“, erzählt Kruse. Und heute: „Fühle ich mich wie eine 90-jährige Pflegebedürftige, die ohne Unterstützung nicht mehr allein zurechtkommt.“

Die Odysee beginnt

Schon kurz nachdem sie den Impfstoff verabreicht bekommen hatte, habe sie erste Symptome verspürt, berichtet Kruse. „Meine Beine waren plötzlich eiskalt.“ Der Arzt habe direkt den Blutdruck kontrolliert, der allerdings okay gewesen sei. Am Abend kamen starke Druckkopf- und Gliederschmerzen hinzu, am folgenden Tag Fieber. Zwei Tage später sei sie wieder zur Arbeit gegangen. „Aber das hat gar nicht funktioniert. Ich hatte einen Ruhepuls von 119, hatte Herzstechen und verspürte Druck auf der Brust.“ Hinzu kamen Konzentrationsschwächen, neurologische Beschwerden, Zitteranfälle, Schwierigkeiten beim Gehen, Sehstörungen und Krämpfe. Alles Beschwerden, die auch dem Post-Vac-Syndrom zugeschrieben werden, mit dem Nebenwirkungen von Impfungen ein Name gegeben wurde. Allerdings ist das Post-Vac-Syndrom bislang keine anerkannte, klar definierte Krankheit, im Gegensatz etwa zu Long Covid, dem ähnliche Beschwerden zugeordnet werden.

Was danach folgte, beschreibt die 31-Jährige als wahre Odyssee. Elf Ärzte und fünf Krankenhäuser hat sie eigenen Angaben zufolge bislang aufgesucht – zahlreiche Untersuchungen wurden vorgenommen. Es habe Monate gedauert, bis ihr ein erster Arzt einen möglichen Zusammenhang mit der Impfung bestätigt habe. Meist sei sie entlassen worden, ohne dass es ihr besser ging. Gerade zu Beginn sei ein möglicher Zusammenhang mit der Impfung kleingeredet worden. Oft habe sie auch zu hören bekommen, dass die Ursache wohl eher in der Psyche begründet sein könnte: „Ich habe mich dann nicht ernst genommen gefühlt, hatte einige Male den Eindruck, dass die Ärzte sich nicht mit der Problematik beschäftigen wollten.“

Aufgeben will Ann-Katrin Kruse nicht

„Es gibt einfach zu wenig Informationen über mögliche Folgen der Impfung. Dieser Eindruck hat sich bei mir immer weiter bestätigt, als ich mich damit beschäftigen musste.“ Die Hoffnung, dass es wieder bergauf gehen kann, will Ann-Katrin Kruse nicht aufgeben. Dafür sorgen ihr Kämpferherz und die Unterstützung, die sie von vielen Seiten erhält. Ihren Fall haben sie und ihr Lebensgefährte Jan Röbkes im Kreistag des Landkreises Aurich bekannt gemacht. Eine Anlaufstelle für Betroffene erhofft sie sich von der Politik. „Hilfestellung bei der Arztwahl, Unterstützung bei Anträgen sowie sozialer und psychischer Beistand: Das müsste solch eine Anlaufstelle leisten“, fordert Kruse.

Aufgeben will die 31-Jährige nicht. „Es wird auch wieder bergauf gehen“, sagt sie im Brustton voller Überzeugung. Hoffnung setzt sie auf einen Termin bei der Post-Vax-Sprechstunde am Universitätsklinikum Marburg. Das ist derzeit neben der Charité in Berlin eine der wenigen bundesweiten Anlaufstellen für Betroffene. Einen Termin hat sie dort im kommenden Jahr, die Wartelisten sind lang.

So einschneidend die möglichen Folgen der Corona-Impfung im Einzelfall auch sind, bleibt das Post-Vac-Syndrom eher selten. Bernhard Schieffer, Leiter der Sprechstunde in Marburg, schätzt den Anteil im Deutschen Ärzteblatt auf unter 0,02 Prozent der Geimpften ein. Das Risiko für starke Nebenwirkungen ist nach einer durchgemachten Covid 19-Erkrankung sehr viel höher als nach der Impfung. Bei Long Covid nach einer Infektion liegt der Anteil der Betroffenen dem Robert-Koch-Institut zufolge je nach Datenbasis, Falldefinition und Studienmethodik zwischen 7,5 und 41 Prozent. Und so sind sich in einem Punkt die Experten einig: Eine Infektion mit Covid stellt die größere Gefahr dar als die Impfung.

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