Wasserstoff-Pläne in Emden „Wir reden nicht nur über ein paar 100 Arbeitsplätze“
Lange wurde Emden für seine Potenziale bei der Energiewende gelobt und belächelt. Mit dem Bau des EWE-Elektrolyseurs scheint plötzlich vieles möglich – nicht nur die ersehnte Batteriezellenfabrik.
Emden - Bei der Emder Wirtschaftsförderung haben sie gerade offenbar alle Hände voll zu tun. „Es wurden noch nie so viele proaktive Anfragen gestellt“, sagt einer, der bei vielen Gesprächen mit potenziellen und über potenzielle Investoren eingeweiht wird. Noch ein Stück weiter aus dem Fenster lehnte sich am vergangenen Freitag im Rummel des alten Emder Rathauses der Auricher Landrat Olaf Meinen: Die seit Jahren erhoffte Ansiedlung einer Batteriezellenfertigung in Emden müsse nicht, sie „wird kommen“, sagte er voller Überzeugung vor einer Handvoll Journalisten und an der Seite des Vorstandsvorsitzenden der EWE AG, Stefan Dohler.
Was und warum
Darum geht es: Wie Emden und Ostfriesland von der Energiewende und vom Wasserstoff profitieren könnten.
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich mit der Energiewende und speziell mit dem Thema Wasserstoff beschäftigen und alle, die an der wirtschaftlichen Zukunft in Ostfriesland interessiert sind
Deshalb berichten wir: Am Freitag stellten EWE und Tennet in Emden erstmals detaillierte Pläne für den Bau einer Elektrolyse-Anlage mit 320 MW Leistung vor, was den Maßstäben eines Kraftwerkes entspricht. Wir haben danach Vertreter aller Emder Ratsfraktionen befragt. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Meinens Vorredner, der einflussreiche EWE-Chef, hatte gerade ausführlich über den Bau eines 320 Megawatt starken Elektrolyseurs im Borssumer Hammrich referiert. Stefan Dohler geht davon aus, dass in der Anlage schon ab Ende 2026 jährlich bis zu einer Milliarde Kilowattstunden grüner Wasserstoff produziert werden kann. Das Gas, das als zentrales Element der europaweiten Energiewende gesehen wird, beflügelt seit Monaten die Vorstellungskraft in Ostfriesland. Es nährt die Aussicht auf neue Fabriken, neue Industrie, neue Jobs und Wohlstand.
Mit offenen Armen empfangen
Eingeladen in den Rummel waren am Freitag deswegen nicht nur Journalisten, sondern auch die Vertreter aller Emder Ratsfraktionen. Was sie zu hören und sehen bekamen, gefällt den meisten offensichtlich. „Das ist eine großartige Geschichte, da steckt richtig Musik drin“, befindet etwa Michael Martens von der Wählergemeinschaft GfE. Und Hillgriet Eilers, die als ehemalige Landtagsabgeordnete der FDP, die EWE-Pläne schon seit Monaten gut kennen dürfte, frohlockt: „Mit dieser Entscheidung werden die Weichen für die gesamte Region neu gestellt. Davon bin ich überzeugt.“
Die Politik in Emden, das wurde auch in den Tagen nach der Pressekonferenz deutlich, empfängt die EWE AG mit ihrer auf gut eine halbe Milliarde Euro veranschlagten Investition mit weit geöffneten Armen. Kein Wunder. Der geplante Aufbau von Produktion, Speicherung und Vertrieb von Wasserstoff in großem Stil wirkt schon lange elektrisierend. Jetzt könnte es endlich etwas werden mit den erhofften Folgeinvestitionen.
Rosige Aussichten alleine reichen nicht
Lange schon müssen sich Emden und Ostfriesland bei der Energiewende anhören, dass sie ganz prima Potenzial haben und ganz tolle Standortvorteile. Alleine: Es sind vor allem rosige Aussichten. Was zählt, sind Fakten in Form von neuen Industrie-Arbeitsplätzen und Gewerbesteuereinnahmen. Bei aller Zustimmung und Freude über die sich bietenden Chancen bleibt Bernd Renken (Bündnis 90/Die Grünen) denn auch etwas „zurückhaltend“, wie er selbst sagt. „Wir haben zunächst wenig davon“, urteilt er zum gegenwärtigen Elektrolyse-Planungsstand.
Gerold Verlee (CDU) sieht aus diesem Grund die neue rot-grüne Landesregierung in Hannover und den frisch wiedergewählten SPD-Landtagsabgeordneten Matthias Arends aus Emden jetzt „in der Pflicht“. Nur dann würde die Region wirklich profitieren, gibt er zu bedenken. „Es wird kein Selbstläufer“, so Verlee.
Batteriezellenfabrik plus x
Der angesprochene Arends, der sich im Wahlkampf problemlos gegen den Emder CDU-Ratsfraktionsvorsitzenden durchgesetzt hatte, verbreitet derweil zusammen mit Oberbürgermeister Tim Kruithoff und Aurichs Landrat Olaf Meinen großen Optimismus. Er geht davon aus, dass es nicht bei der Ansiedlung des Elektrolyseurs und einer Batteriezellenfabrik bleibt. „Wir reden nicht nur über ein paar 100 Arbeitsplätze, die außerhalb von VW entstehen können“, sagt er.
Ohne Namen nennen zu wollen, bestätigt er sehr konkretes Interesse von verschiedenen Investoren, die sich über Flächen in Emden informieren. Was ihn dabei überzeugt: „Alle, die hier bei uns waren und sich anschließend auch woanders umgesehen haben, sind wieder zurückgekommen“, so Arends. Nicht nur in seinen Augen kommt es deswegen darauf an, schnell die Voraussetzungen für neue Ansiedlungen zu schaffen.
Millionen für den Rysumer Nacken
Mit Blick auf den Rysumer Nacken, der neben dem Wybelsumer Polder solche Möglichkeiten bietet, müsse man bereit sein, in Vorleistung zu treten, sagt Arends. „Wir haben keine Infrastruktur und dadurch keine Suprastruktur“, stellt der Landtagsabgeordnete kritisch fest. Was er meint: Damit Industrie tatsächlich im größeren Maße der Energie nach Emden oder auf den Rysumer Nacken folgt, fehlt es derzeit noch an notwendigen Stromleitungen, Bahnverbindungen und mehr.
Die Handhabe des Emder Rates, anderer Lokalpolitiker oder der Emder Wirtschaftsförderung dafür ist allerdings begrenzt. In solchen Fragen fallen die zentralen Entscheidungen im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin oder in Hannover, wo Zusagen über Fördermillionen und Flächendeals erfolgen. „Ich sehe kaum Möglichkeiten, als Rat einzugreifen“, räumt Lars Mennenga (Die Linke) ein. Trotzdem lässt auch er keinen Zweifel daran, dass die Elektrolyse-Entscheidung von EWE mehr als nur ein verheißungsvolles Zeichen für die Region ist. „Die Chancen sind groß“, so Mennenga. Das waren sie auch schon vorher. Aber sie dürften mit Freitag noch einmal deutlich gewachsen sein.
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