Kreis Pinneberg  Kinderarzt will nur geimpfte Kinder behandeln - es folgen tausende Hassmails

Anja Steinbuch
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Von Anja Steinbuch
| 28.10.2022 10:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Shitstorm gegen eine Kinderarztpraxis im Kreis Pinneberg. Foto: IMAGO/Action Pictures/PantherMedia
Shitstorm gegen eine Kinderarztpraxis im Kreis Pinneberg. Foto: IMAGO/Action Pictures/PantherMedia
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Von „Menschenfeinden“ und „Teufels-Praxis“ ist die Rede. Inzwischen ermittelt die Polizei wegen des Shitstorms gegen eine norddeutsche Kinderarzt-Praxis, in der nur noch geimpfte Kinder behandelt werden sollen.

Eine Kinderarztpraxis aus dem Kreis Pinneberg sieht sich derzeit massiven Anfeindungen ausgesetzt. Hintergrund ist die Aussage der Ärzte, in der Gemeinschaftspraxis künftig nur noch Kinder zu behandeln, die den Empfehlungen der Stiko entsprechend geimpft sind. Die Reaktion in den sozialen Netzwerken fiel in den vergangenen Tagen heftig aus, von „Menschenfeinden“ und „Teufels-Praxis“ ist die Rede. Nun ermittelt die Polizei.

Der Stein des Anstoßes ist auf der Homepage der Kinderarztpraxis zu lesen: Man halte Impfungen für sinnvoll, um viele schwere Krankheiten mit möglichen bleibenden Schäden für die Gesundheit zu verhindern. Und weiter: Deshalb seien die von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlenen Impfungen künftig Voraussetzung für die Behandlung von Kindern ab dem sechsten Lebensmonat.

Doch darf ein Arzt einem Patienten die Behandlung verweigern, wenn er nicht nach Stiko-Empfehlung durchgeimpft ist? „Nein, das darf kein Arzt“, sagt Marco Dethlefsen von der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) auf Nachfrage von unserer Redaktion. Dort war bereits ein Hinweis auf die Kinderarztpraxis eingegangen.

Nach Prüfung durch die Rechtsabteilung der KVSH habe man die Praxis auf die gültige Rechtslage und die sich hieraus ergebenden vertragsärztlichen Pflichten hingewiesen, so Dethlefsen. „Geimpfte und ungeimpfte Patientinnen und Patienten haben gleichermaßen einen Behandlungsanspruch“, resümiert der KVSH-Sprecher. Das habe man der Kinderarztpraxis schriftlich mitgeteilt und wolle den Ärzten nun die Gelegenheit geben, darauf zu reagieren.

Auf die direkte Anfrage von unserer Redaktion, warum die Praxis auf ihrer Homepage ihre „hauseigene“ Impfpflicht veröffentlicht hat, bat das Praxisteam um Verständnis, dass sich aktuell niemand zu dem Fall äußern werde. In der Zwischenzeit hat sich im Internet ein massiver Shitstorm Bahn gebrochen – eine Welle der Entrüstung, gespickt mit Anschuldigungen, Verleumdungen, übler Nachrede und dem Aufruf zu Negativbewertungen im Netz und zu Störanrufen.

Nachdem auf Twitter die Impfbefürwortungen der Praxis geteilt worden waren, hatten Impfgegner dazu aufgerufen, die Mediziner durch negative Bewertungen bei Google zu schädigen. Zwischenzeitlich wies der Praxis-Eintrag bei der Suchmaschine mehr als 1800 negative Rezensionen auf. Auch ein Anwalt, der im Bereich der Querdenker-Bewegung von sich reden machte, verbreitete den Aufruf, um ihn jedoch wenig später wieder zu löschen.

Die Drohungen verurteilt die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein aufs Schärfste. Dethlefsen betonte:

Man lehne jegliche Form von Diffamierungen, Hass-Kommentaren, Hate Speech und Hetzkampagnen grundsätzlich ab. „Wir als KV haben keine Möglichkeiten, Praxen physisch oder digital zu schützen, die sich öffentlichen Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt sehen. Wir können betroffenen Praxen daher nur dringend empfehlen, Kontakt zur örtlichen Polizei aufzunehmen, um die Vorfälle zu melden und die Verfasser der Hass-Kommentare anzuzeigen.“

Tatsächlich ermittelt die Polizei bereits, wie eine Sprecherin der Direktion in Bad Segeberg mitteilte. Demnach habe eine Frau aus Süddeutschland online Anzeige gegen die Ärzte der betreffenden Praxis gestellt. Der Vorwurf: Körperverletzung.

Anschließend hätte eine Recherche von Beamten des Polizeipräsidiums Stuttgart ergeben, dass eine Person im Internet – unter anderem auf Twitter – gegen die Praxis agiere. In der Folge habe es hunderte, wenn nicht tausende, unsachliche bis beleidigende Posts in diversen sozialen Medien gegeben, so die Sprecherin

Nachdem die Polizisten aus Stuttgart ihre Kollegen im Kreis Pinneberg in Kenntnis gesetzt hatten, wurden diese aktiv. Die Beamten ermittelten und sichteten laut Firsching zahlreiche Tweets, die den Tatbestand der üblen Nachrede erfüllen könnten. Sie erstatteten von Amts wegen Strafanzeige. Und zwar gegen die Frau aus Süddeutschland. Denn auf deren Eintrag im Internet hin, seien die zahlreichen Kommentare gefolgt.

Die Polizeisprecherin machte deutlich, dass sich die Ermittlungen noch eine Weile hinziehen würden. Die Beamten würden geradezu überrollt mit immer neuen Nachrichten, Posts und Tweets im Internet. Von der Polizei heißt es: „Wir gehen allen Hinweisen nach“.

Inwieweit die Staatsanwaltschaft bereits mit dem Fall betraut ist, bleibt unklar. Firsching sagte im Gespräch mit unserer Redaktion, die Staatsanwaltschaft Itzehoe sei involviert, die Kollegen wüssten Bescheid. Das konnte Peter Müller-Rakow, Sprecher der Staatsanwaltschaft, allerdings nicht bestätigen. Der Fall sei dort nicht bekannt, so Müller-Rakow.

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