Hamburg  Stolperfallen an jeder Straßenecke: Das erlebt die neue E-Scooter-Taskforce in Hamburg

Patrick Kern
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Von Patrick Kern
| 27.10.2022 18:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
In vielen Großstädten wie in Berlin gibt es solche Parkzonen für E-Scooter. Drumherum besteht ein Abstellverbot. Foto: dpa/Annette Riedl
In vielen Großstädten wie in Berlin gibt es solche Parkzonen für E-Scooter. Drumherum besteht ein Abstellverbot. Foto: dpa/Annette Riedl
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Seit kurzem will Hamburg mit einem neuen Pilotprojekt verschärft gegen das E-Scooter-Chaos angehen und barrierefreie Gehwege schaffen. Wir haben die neue Einheit der Stadtreinigung auf ihrer Streife begleitet. Dabei kam es zu überraschenden Sichtungen. Zudem erklärt sie, wieso die Hälfte der Scooter doch liegen bleibt.

„Der steht gut… Der da stört auch nicht… Aber der da drüben, den könnte man sich vornehmen“, sagt Torsten Otto (50) mit scharfem Blick in Richtung Straßenrand. Was er erblickt hat, ist ein E-Scooter, der genau mittig zwischen Geh- und Fahrradweg steht und somit das Durchkommen für Fußgänger und Radfahrer erschwert. Grund genug für ihn und seinen Kollegen Dennis Ahrendt (33), aus dem weißen Transporter der Stadtreinigung Hamburg auszusteigen, die Handschuhe überzuziehen und den Roller beiseite zu stellen. Denn das ist heute ihre Hauptaufgabe: Gehwege sicher machen, indem man blockierende E-Scooter und E-Bikes wegräumt.

Seit Anfang Oktober gibt es diese E-Scooter-Streifen in der Hansestadt. Zwar gab es hin und wieder Kontrollen durch den Landesbetrieb Verkehr (LBV) und die Polizei, aber dass zwei Teams aus je zwei Mitarbeitern von der Stadtreinigung explizit dafür abgestellt werden, ist neu. In regelmäßigen Abständen fahren sie durch Hamburgs Straßen und versuchen, im E-Scooter-Dschungel für Ordnung zu sorgen. Gar nicht so leicht bei sechs Anbietern, die jeweils bis zu 1000 Stück im innerstädtischen Bereich verkehren lassen dürfen.

Das merken auch Otto und Ahrendt, die heute im Stadtteil Eidelstedt unterwegs sind und ordentlich zu tun haben. Schon der erste Roller zeigt sich widerspenstig: Sobald Otto das Gefährt bewegt, blockieren die Räder, Vorder- und Rücklicht blinken hektisch und eine schrille Sirene ertönt. Die Mechanismen gegen Diebstahl halten ihn bei seiner Arbeit jedoch nicht auf. Dürfen sie auch nicht, schließlich wird er sie heute noch über hundertmal hören und sehen. Scooter aufgestellt, weiter geht’s.

Allein in den nächsten zwei Minuten fährt das Team an mindestens 30 Sharing-Rollern vorbei – und das allein am Stadtrand. In St. Pauli, im Schanzenviertel und am Berliner Tor sei die Lage noch schlimmer, so das Stadtreinigungs-Duo.

Seit 2019 sind E-Scooter auf deutschen Straßen erlaubt, es sollte das Verkehrsmittel für kurze Wege werden und die Mobilität in der Stadt verbessern. Inzwischen haben sie sich schon so sehr ins Stadtbild integriert, dass man die große Menge gar nicht mehr wahrnimmt. Erst jetzt, beim genauen Blick auf die Zweiräder, offenbart sich, dass sie an nahezu jeder Straßenecke parken und dass Wohnsiedlungen voll davon stehen.

Am Hörgensweg entlang dann der Blick nach rechts: Drei umgefallene Scooter liegen auf einem Rasenstück neben einem Fahrradweg, zum Teil schon bedeckt von rotbraunen Herbstblättern. Das ungeschulte Auge würde hier sagen: Halt – die müssen aufgestellt werden! Aber nein, die sind in Ordnung, versichern die beiden.

Auch wenn es nicht schön anzusehen ist, stellen sie keine direkte Stolpergefahr da. Man setzt Prioritäten: „Wenn du auf dem Weg zum Hotspot bist und dich auf dem Weg wirklich um jeden Scooter kümmern würdest, würdest du nie beim Hotspot ankommen“, erklärt Otto. Vorrang haben die, die unmittelbar die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer gefährden.

Der E-Scooter als Stolperfalle: Das ist einer der größten Kritikpunkte am mietbaren Gefährt. Im späteren Tagesverlauf wird sich ein Passant über die vielen Zweiräder aufregen: „Das ist doch wohl ein Unding. Die Dinger sind leer, werden hingeschmissen und das war’s“, ärgert er sich beim Spaziergang mit seinem Hund. „Überall stehen die hier rum. Das kann nicht sein. Die Firma hat sich darum zu kümmern“, fordert er.

Auch Ottos Frau wird später per Telefon erzählen, dass E-Scooter in der Nähe des „Dialoghaus Hamburg“, wo viele Blinde und Sehbehinderte arbeiten, eine große Gefahr darstellen. Blindenstöcke würden sich regelmäßig unter den Rollern verhaken und sie zum Umfallen bringen. Große Unfälle konnten ihr zufolge bislang knapp vermieden werden.

Die Stadtreinigungsmitarbeiter verteufeln die E-Scooter dagegen nicht, auch wenn sie von ihnen den ganzen Tag beschäftigt gehalten werden. Otto fährt selbst hin und wieder gerne damit herum. Das hilft übrigens auch bei ihrer Aufräumarbeit: Weil der 50-Jährige die Apps der Anbieter auf dem Smartphone installiert hat, kann er während der Streife schauen, wo besonders viele E-Scooter herumstehen und wo die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass welche die Straße blockieren.

Zurück in die Gegenwart: Etwas weiter auf der Patrouillenfahrt, in der Nähe des Busbahnhofs am Eidelstedter Platz, ein überraschender Blickfang: Ein vermeintlicher Passant nimmt sich auch der Aufräumaktion an und stellt mehrere E-Scooter in Reih‘ und Glied. „Das ist einer von denen“, sagt Ahrendt und meint damit einen Mitarbeiter der Sharing-Anbieter, die sich um die Ordnung ihrer markeneigenen Scooter kümmern. Die umgehängte Tasche und der gekonnte Griff am Roller hätten ihn verraten: „Die stellt er nicht zum ersten Mal um“, ist sein Kollege überzeugt.

Tatsächlich werden die Anbieter immer mehr zur Verantwortung gezogen, die Barrierefreiheit zu gewährleisten. Kümmern sie sich nicht, können Bußgelder drohen. Deshalb machen Otto und Ahrendt von jedem E-Scooter, den sie als gefährlich abgestellt einstufen, Fotos von der aufgefundenen Abstellsituation sowie vom Kennzeichen.

Diese Informationen gehen über den Online-Server der Stadtreinigung zu den Hamburger Behörden, wo dann mögliche Ordnungswidrigkeiten festgestellt werden und an die Betreiber weitergeleitet werden können. Etwa 300 bis 400 Meldungen gehen laut Ahrendt täglich bei der Stadtreinigung ein.

Zwar besteht seitens der Anbieter dann die Möglichkeit, das Bußgeld an den entsprechenden Nutzer weiterzugeben, aber diesen mit dem Tatbestand in Verbindung zu bringen, ist nicht immer möglich. Häufig fallen die Scooter auch dem Vandalismus zum Opfer und werden von Fremden mutwillig umgeworfen. Das heißt: Am Ende bleibt das Bußgeld am Anbieter hängen. Es ist also auch im Sinne der Sharing-Unternehmen, Ordnung zu halten.

Der Landesvertrieb Verkehr (LBV) vermelde der Verkehrsbehörde bezüglich der Scooter-Situation bereits erste Entspannungen, seitdem Ordnungswidrigkeiten erfasst werden können, berichtet Behördensprecher Dennis Krämer. Auch Otto und Ahrendt sprechen nach den ersten drei Wochen ihrer Patrouillen von „merkbaren Verbesserungen“. Trotzdem: Es bleibt weiterhin ein Kampf gegen Windmühlen.

Das fällt in der Nähe der Grundschule Lohkampstraße und der Stadtteilschule Eidelstedt auf: Hier hat das Team eben noch zehn Elektroroller zur Seite gestellt, als etwa 150 Meter weiter eine junge Frau gerade ihren Scooter ungünstig abstellt. Eine dahinter laufende Frau mit Rollator hat Probleme vorbeizukommen, muss auf den Radweg ausweichen.

So ähnlich läuft es wohl auf dem gesamten Stadtgebiet: Während die zwei mobilen Teams in einem Stadtteil unterwegs sind, entsteht auf der anderen Seite Hamburgs eine Stolperfalle nach der nächsten. Dagegen kommen auch die 13 zusätzlichen Teams nicht an, die bei Meldungseingängen über die Hotline Saubere Stadt Einzelfällen nachgehen. Besonders an den Wochenenden stellt die Stadtreinigung eine hohe E-Scooter-Nutzung fest, und auch zum Monatsanfang, wenn die Hamburger ihr Monatsgehalt bekommen und wieder häufiger ausgehen.

Otto und Ahrendt sind sicher: Was ihre Arbeit erleichtern würde, sind explizit angelegte E-Scooter-Parkflächen mit umliegenden Parkverbotszonen. Darauf vertrauen auch andere deutsche Großstädte wie München, Berlin, Stuttgart und Frankfurt, erste Städte ziehen bereits eine positive Bilanz.

Tatsächlich hat auch Hamburg solche Parkflächen an 19 Standorten in Altona und Hamburg Mitte, versichert die Verkehrsbehörde: „Die Bezirke haben die Flächen eingeführt in Abstimmung mit den Anbietern und evaluieren diese. Die Flächen werden laut Rückmeldung der Bezirke auch gut angenommen. Andere Bezirke befassen sich unseres Wissens ebenfalls mit dem Thema Abstellzonen.“

Die Stadtreinigung bemerkt davon allerdings wenig, Ahrendt sind so viele Parkflächen in Hamburg gar nicht bekannt: „Ich habe bisher nur eine Parkfläche an der Sternschanze gesehen, sonst keine.“

Doch selbst wenn sie mit ihrer Streife nur einen kleinen Beitrag leisten, sei die Arbeit keine vergebene Mühe: „Ganz im Gegenteil! Kleine Kinder spielen da, behinderte Menschen brauchen Barrierefreiheit. Wenn wir da mithelfen können, haben wir etwas Gutes und Sinnvolles getan“, erklärt Otto. Deshalb hoffen beide, dass das Pilotprojekt künftig fortgeführt werden kann.

Bislang ist es auf drei Monate beschränkt, dann sollen Nutzen und Kosten ausgewertet werden. Ob es darüber hinaus eine Zukunft hat? Otto ist überzeugt: „Wenn die Finanzierung steht, auf jeden Fall. Das positive Feedback der Anwohner ist viel zu groß.“ Und bis die Frage der Finanzierung geklärt ist, geht es für Otto und Ahrendt weiter – mit dem Kampf gegen Windmühlen im Hamburger E-Scooter-Dschungel.

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