Osnabrück Sängerin Mary Roos über ihren untreuen Ehemann, Sehnsüchte und ihre Beerdigung
Musikalisch hat sich Mary Roos zurückgezogen, auf der Theaterbühne lässt sie sich aber gerne noch als „Helene Fischer der Bronzezeit“ beschimpfen. Und ja, gerade hat sie ein sehr privates Buch veröffentlicht.
Ein Gespräch mit Mary Roos entwickelt sich schnell zu einer gemütlichen Plauderstunde, auch wenn sie sich diesmal darüber ärgert, dass sie nicht ihren Lippenstift aufgetragen hat. Egal, auch ohne Lippenstift reden wir über ihre Karriere, einen untreuen Mann, über ihr neues Buch und ihre Beerdigung.
Frage: Frau Roos, fangen wir mit einem etwas bizarren Thema an: In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich auch sehr detailreich mit dem gewünschten Ablauf Ihrer Beerdigung. Ich habe aber nichts darüber gefunden, was auf Ihrem Grabstein stehen soll.
Antwort: Da muss ich mir tatsächlich noch Gedanken machen. Irgendwas Lustiges soll es schon sein. Wissen Sie, ich gehe gerne auf Friedhöfe. Woran das genau liegt, weiß ich auch nicht. Ich setze mich einfach dorthin und denke an gar nichts.
Frage: Der Tod ist für Sie kein Tabu-Thema?
Antwort: Ich habe vielleicht etwas Angst vor einem qualvollen Tod. Es ist schön, wenn man friedlich einschlafen kann; wenn man sich verabschieden kann; wenn man seine noch ungeklärten Sachen vorher geregelt hat. Ich möchte nicht bei einem Verkehrsunfall sterben. Von der Bühne soll mich auch keiner tragen. Ansonsten habe ich keine Angst. Meine jüngste Schwester Marion ist Krankenschwester. Von ihr habe ich sehr viel in Sachen Umgang mit dem Tod gelernt.
Frage: Demzufolge haben Sie auch keine Angst vor dem Älterwerden, oder?
Antwort: Nein, überhaupt nicht. Ich bin eine der wenigen Sängerinnen, die ihr richtiges Alter angeben. Ich will alt werden, ich bin neugierig aufs Leben. Ich ergebe mich dem Alter nicht nach dem Motto: So, jetzt bin ich 73 – jetzt kommt nichts mehr. Ich erwarte noch etwas vom Leben, was Neues.
Frage: Ich habe gelesen, Sie wollen nicht „rumheestern“.
Antwort: Wer macht denn noch so lange, außer Jopi Heesters damals (lacht)? Das meine ich liebevoll. Ich habe ihn bewundert, genauso seine Frau Simone Rethel. Ich möchte aber nicht, dass die Leute mir im Showbusiness beim Älterwerden zuschauen. Ich habe alles gemacht, was ich machen wollte.
Frage: Sie sagten gerade, dass Sie auch noch etwas Neues machen wollen. Zum Beispiel?
Antwort: Weiß ich noch nicht. Bei mir ist immer etwas gekommen, mit dem ich nicht gerechnet habe. Vielleicht mache ich noch ein Geschäft auf.
Frage: In welcher Branche?
Antwort: Vielleicht ein Café, in dem man Bilder ausstellen kann – dazu mit Musik und Lesungen. Ab 18 Uhr schmeiße ich die Leute dann wieder raus (lacht).
Frage: Und Sie sind die Chefin, die über alles wacht?
Antwort: Genau. Und wenn es sein muss, serviere ich auch Kaffee und Kuchen.
Frage: Wir sind immer noch beim Älterwerden. Sie machen wahrscheinlich viel für Ihre Fitness.
Antwort: Nee (lächelt). Aber: Ich habe zu Hause ein ganz teures Trampolin. Das hat mir Peter Kraus empfohlen, weil man ja im Alter Gleichgewichtsstörungen hat. Das Ding hat 850 Euro gekostet. Ich habe es dann auch genutzt, bekam dann aber leichte Knieschmerzen – und hatte meinen Grund, nicht mehr zu springen. Dafür fahre ich jetzt häufiger Fahrrad. Ich weiß, dass ich was tun muss. Ich war auch schon mal lange Mitglied in einem Fitnessstudio.
Frage: Na also.
Antwort: Aber da war ich meistens mehr im Restaurant, während die anderen Sport gemacht haben. Also, wenn ich noch 100 Jahre alt werden will, dann muss ich mehr an die Geräte.
Frage: Einer meiner Lieblingssätze in Ihrem Buch ist folgender: „Ich bin nun mal kein Gucci-Girl, aber dafür kann ich dübeln.“
Antwort: So ist es. Ich habe auch drei verschiedene Akku-Schrauber – und mache viel alleine. Auf meiner Kellertreppe habe ich zum Beispiel auch schon Teppichboden verlegt. Es war etwas krumm und schief, aber ich war so stolz, dass ich das geschafft habe. Und ich werde immer besser.
Frage: Sie wollen gerne eine „schrille Alte“ sein. Woran machen Sie das fest?
Antwort: Indem ich zum Beispiel mit Wolfgang Trepper mit dem Stück „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“ unterwegs bin. Neuerdings heißt das Programm „Mehr Nutten, mehr Koks – Scheiß auf die Erdbeeren!“ In diesem Stück werde ich praktisch nur niedergemacht – aber so, dass ich selbst darüber lachen kann. Es macht einen solchen Spaß. Es ist so schrill: Am Tag der Premiere wusste ich noch gar nicht, was da auf mich zurollt. Dass er mich die „Helene Fischer der Bronzezeit“ nennt, ist ja noch nett. Wolfgang hatte mir vorher ein DIN-A4-Blatt geschickt, auf dem nur „Trepper sagt“, „Trepper meint“, „Trepper geht ab“ stand. Da habe ich ihn gefragt: Was mache ich denn? Seine Antwort: „Das ist Ihr Problem.“ Er ist unberechenbar, gerade das macht dieses Stück so schön. Mittlerweile sind wir seit fünf Jahren damit unterwegs. Fast immer ausverkaufte Häuser.
Frage: Sie lassen sich in dem Programm ordentlich beschimpfen. Ihre Branche wird auch ziemlich durch den Kakao gezogen. Wie haben Ihre Kolleginnen reagiert?
Antwort: Meine Freundin Peggy March fand das ganz schrecklich. Marianne Rosenberg hat ähnlich reagiert. Auch einige Zuschauer haben am Anfang gebuht, sind vorzeitig gegangen, weil sie es nicht mehr ertragen konnten, wie ich beschimpft wurde. Inzwischen hat sich Peggy das angeschaut – und ist immer noch nicht begeistert. Na gut, man muss schon entsprechenden Humor haben.
Frage: Kann es sein, dass Sie neben diesem Programm doch noch mal musikalisch wieder zurückkehren?
Antwort: Wenn ich sage, ich höre auf, dann meine ich das auch so. Es wurde auch schon versucht, mich mit Geld wieder zurückzuholen. Nein. Ich vermisse nichts. Ich habe während der Pandemie ja fast nichts gemacht. Ich habe mein Haus renovieren lassen, ich habe selbst gestrichen, Fußböden verlegt – und ein Jahr lang mit Pe Werner das Buch geschrieben.
Frage: Keine Chance für ein Comeback?
Antwort: Nein. Eigentlich war es mein Bruder, der mich dazu aufgefordert hatte aufzuhören.
Frage: Warum?
Antwort: Er hat mich wachgerüttelt. Er hat gesagt: „Du warst nie da, immer weg, immer verplant. Du musst doch auch mal leben.“
Frage: Haben Sie denn das Gefühl, nicht genug gelebt zu haben?
Antwort: Privat ja. In meinem Beruf habe ich mir alle Wünsche erfüllt. Aber ich hatte zu wenig Privatleben, obwohl ich zweimal verheiratet war.
Frage: Apropos verheiratet: Mit Ihrem ersten Mann Pierre Scardin…
Antwort: …bin ich heute noch befreundet. Ein ganz lieber Mensch, der ganz wichtig in meinem Leben war. Der andere Mann im Übrigen auch, nur auf eine andere Art und Weise.
Frage: Das war Werner Böhm alias Gottlieb Wendehals. Er hat Sie mehrfach betrogen – und Sie haben ihm trotzdem immer wieder verziehen.
Antwort: Stimmt. Und wissen Sie was? Manche Freundinnen haben mir gesagt: „Lieber solch einen Mann als meinen, der so langweilig ist.“ Nach der Scheidung habe ich ihn noch oft unterstützt, weil ich viele Gläubiger bezahlt habe. Mir hat das immer leidgetan, wenn kleine Handwerksbetriebe ihr Geld nicht bekommen haben. Zugegeben, ich hätte es lieber ein bisschen langweiliger gehabt. Aber da war unser Sohn. Man geht nicht so einfach, wenn man ein Kind hat. Ich habe neulich noch meinen Sohn gefragt, wie ich denn als Mutter bin und war. Erst hat er gar nichts gesagt, dann hat er geschrieben: „Mama, du bist ein Vorbild in Sachen Mensch.“ Ich könnte jetzt sofort wieder vor Freude weinen.
Frage: Haben Sie das Gefühl, dass Sie sich zu wenig um Ihren Sohn gekümmert haben?
Antwort: Nein. Ich habe nach seiner Geburt beruflich sieben Jahre gar nichts gemacht, während mein Ex-Mann auf Tour war. Zu der Zeit war mir meine Karriere egal. Diese Pause wollte ich unbedingt. Sogar das komplette Karriereende habe ich in Kauf genommen. Ich hatte finanziell immer schon vorgesorgt. Und dann kam Mike Krüger.
Frage: Das müssen Sie erklären.
Antwort: Er wollte mit mir in seiner Samstagabend-Show „Vier gegen Willi“ einen Sketch spielen. Das habe ich gemacht. Und dann kamen alle plötzlich wieder – und ich war erneut mittendrin im Showgeschäft.
Frage: Werner Böhm ist 2020 verstorben. Haben Sie diese Beziehung vollständig verarbeitet?
Antwort: Seine letzte Frau hatte mich gefragt, ob ich bei der Trauerfeier dabei sein wolle. Es war eine Seebestattung. Seine drei Kinder, die jeweils 20 Jahre auseinander sind, waren auch dabei. Es war alles irgendwie versöhnlich. Ich hatte einen leichten Knoten im Hals. Aber ich kann auch verzeihen. Ich will mich nicht mit altem Krempel belasten. Letztlich war ich so froh, dass ich dabei war.
Frage: Springen wir wieder ins Jahr 2022. Ich hörte, dass Sie mit Sonntagen nicht viel anfangen können.
Antwort: Stimmt. Ich bin kein Sonntagskind, obwohl ich an einem Sonntag geboren bin. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich alleine lebe.
Frage: Aber ein neuer Partner kann ja noch kommen.
Antwort: Sicher. Aber bitte kein Bestatter (lacht).
Frage: Aha? Warum nicht?
Antwort: Da habe ich schon meine Erfahrungen gemacht. In einer Talkshow habe ich mal gesagt, dass ich gefunden werden möchte. Und dann stand plötzlich ein Bestatter mit Blumenstrauß vor der Tür. Er gab mir seine Visitenkarte – und kam immer wieder mit immer größeren Sträußen. Er war nicht mein Typ. Und ich habe mir vorgestellt, dass ich wahrscheinlich bei jedem Termin das „Ave Maria“ hätte singen sollen.
Frage: Interessantes Bild. Wechseln wir noch mal ins Showbusiness. Damals wären Sie gerne auch Chanson-Sängerin geworden. In Frankreich waren Sie in diesem Segment sehr erfolgreich. In Deutschland aber nicht.
Antwort: In Frankreich haben sie sogar erzählt, dass ich die uneheliche Tochter von Hildegard Knef sei. Ehrlich gesagt, mein Herz hat sich schon sehr nach Chansons gesehnt. Wenn man dann aber Erfolg hat mit den Schlagern, dann ist es anders. Ich bin in die Hitparaden gekommen, was mir dann auch sehr gefallen hat.
Frage: Sie waren damals immer wieder bei Dieter Thomas Heck in der ZDF-Hitparade zu Gast. Diese Sendung war Kult.
Antwort: Genau. Alle Kinder in den Familien wurden erst gebadet, dann gab es Schnittchen – und alle saßen dann vor dem Fernseher, um die Hitparade mit Dieter Thomas Heck zu schauen.
Frage: Eine Sendung, die auch als Verkaufsmaschine diente.
Antwort: Oh ja. Nach der Sendung am Samstag liefen montags die Menschen in die Läden, um die Platten zu kaufen.
Frage: Würden Sie heute gerne als junge Künstlerin arbeiten?
Antwort: Nein. Es ist vieles so beliebig und gleich geworden. Ich habe den Eindruck, dass niemand die jungen Talente richtig an die Hand nimmt. Mich hat man damals jahrelang machen lassen, ich durfte vieles probieren. Man muss eine große Bühne füllen können.
Frage: Stand damals bei Ihnen irgendwann mal zur Debatte, dass Sie das elterliche Hotel in Bingen übernehmen sollen?
Antwort: Überhaupt nicht. Meine Eltern waren sehr stolz auf mich, meine Mutter besonders. Wenn meine Schwester Tina York, die ja auch Sängerin ist, und ich mal zu Hause waren, sind wir gemeinsam mit den Eltern einkaufen gegangen. Wenn wir dann unterwegs nach einer Autogrammkarte gefragt wurden, haben wir immer gesagt: „Leider nein.“ Unsere Mutter rief dann aber von hinten: „Ich habe aber eine dabei.“ Das war uns unangenehm. Aber sie war nun mal so stolz.